DIE ZEIT : Herr Willmann, warum führen Sie Selbstgespräche?

Urs Willmann : Ich unterhalte mich gerne mit intelligenten Menschen.

ZEIT : Was erfährt, wer sich selber Fragen stellt?

Willmann : In erster Linie, wie es einem geht. Das teilen einem Körper und Geist auch ungefragt mit, aber wenn Sie sich gezielt erkundigen, ist die Informationsdichte am Ende stets höher. Außerdem gewinnen Sie im Alltag Klarheit.

ZEIT : Bei welchen Gelegenheiten?

Willmann : Wenn Sie in komplexen Situationen Entscheidungen fällen müssen. Die amerikanische Psychologin Dolores Albarracin hält das Selbstgespräch für eines der wichtigsten Werkzeuge, um das eigene Verhalten zu steuern. Sie hat das in Tests untersucht. Probanden mussten aufgrund bestimmter Symbole am Bildschirm von Fall zu Fall auf einen Knopf drücken oder nicht drücken. Wer sich mit sich selber absprach, versagte deutlich seltener als der, der am Selbstgespräch gehindert wurde. Untersuchungen an der Universität von Toronto haben ähnliche Resultate gezeigt. Der Dialog mit uns selbst, sagt die Psychologin Alexa Tullett, bewahre uns oft davor, dass wir zu impulsiv entscheiden.

ZEIT : Der Alltag ist voll solcher Momente.

Willmann : Im Straßenverkehr kommt es ständig zu Situationen, in denen Sie schnell entscheiden oder die Kontrolle behalten müssen. Auch Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft empfehle ich das gepflegte Selbstgespräch: Eigenlob und Eigentadel, Repetition und Reflexion sind Instrumente des klaren Geists. Allerdings muss ich Sie warnen: Das Ich kann einen auch ganz schön nerven. Vor allem, wenn es recht behält.

ZEIT : Motivationstrainer predigen, man solle sich anfeuern: "Ich pack das jetzt, ich schaffe das!"

Willmann : Die Rezepte der Motivationstrainer greifen oft zu kurz. Besser noch, als Durchhalteparolen in sich hineinzubrüllen, ist es, sich Fragen zu stellen: "Wie schaff ich das?" In komplizierten Sprachtests an der Universität Illinois schnitten diejenigen Probanden besser ab, die sich nicht mit Parolen pushten, sondern sich Fragen zur eigenen Leistungsfähigkeit stellten.

ZEIT : Führt jeder Mensch Selbstgespräche?

Willmann : Nach US-Untersuchungen immerhin 96 Prozent aller Frauen und Männer. Allerdings führen die Menschen ihre Dialoge mit unterschiedlicher Intensität. Manchmal hilft eine gewisse Hartnäckigkeit: Es gibt Dinge, die man sich immer wieder fragen muss. Und auf manche Frage erhält man nie eine kluge Antwort. In so einem Fall ist es von Vorteil, das Selbstgespräch zu externalisieren. Also sich an eine Instanz außerhalb des Ichs zu wenden.

ZEIT : Bei Kindern hält man Selbstgespräche für normal, bei Erwachsenen denkt man an Dachschaden.

Willmann : Seit Menschen Handys via Freisprechanlage nutzen, ist die Bereitschaft gestiegen, allein Redende als normal Kommunizierende wahrzunehmen. Aber Sie haben recht, bei Kindern wundert sich keiner. Die fangen mit zwei Jahren an, mit sich zu reden. Es hilft ihnen, Erlebnisse zu ordnen und, wie der Psychologe Adam Winsler aus Virginia festgestellt hat, die Aufmerksamkeit zu fokussieren. Das passiert meist spielerisch.