Reinhard Knaack lässt das Telefon klingeln. Wenn er, der Bürgermeister von Lalendorf, abnimmt, ist es in letzter Zeit meistens unangenehm. Zuerst hatte die Lokalzeitung angerufen: Ob das stimme mit der Ehrenpatenschaft des Bundespräsidenten und dessen 500 Euro, die Knaack dem siebten Kind der Familie M. vorenthalte. Woher auch immer die Zeitung das wusste. Später kam ein Radiosender und fragte die Lalendorfer auf der Straße, was sie denn von ihrem Bürgermeister hielten, der dem kleinen Kind das Geld nicht gönne. Dann riefen Leute an, die keine Fragen stellten: Eine NPD-nahe Website hatte Knaacks Telefonnummer und Privatadresse angegeben, zu »Beschwerdebriefen« aufgerufen und den Hinweis nicht vergessen: »Mit Beschwerdebriefen meint die Redaktion auch nur Beschwerdebriefe und nichts anderes.«

Kurz darauf stand David Petereit, der stellvertretende Vorsitzende der mecklenburgischen NPD, mit einem Grüppchen Getreuer vor dem Knaackschen Haus. Die Polizei kam, es gab ein kleines Gerangel, Pfefferspray, ein Beamter zog seine Waffe. Am Ende kam es zum Platzverweis. Der NPD-Mann Petereit spricht von einer »Flugblattaktion«: Man habe dem linken Bürgermeister zudem einen »Stalinorden für Demokratieerhalt« überreichen wollen. Lorenz Caffier, der CDU-Innenminister des Landes, spricht von einer Vorstufe des Terrors. Knaack bekommt jetzt Polizeischutz.

Lalendorf bei Güstrow, 200 Kilometer nordwestlich von Berlin in der Mitte von Mecklenburg-Vorpommern, ist der Sammelbegriff für dreizehn versprengte Siedlungen, die jeweils aus nicht viel mehr als einer Straße bestehen. Der Mittelpunkt der Gemeinde ist eine Straße mit Ladenzeile. Es gibt fünf Parkplätze, Post, Fußpflege, Schlachterei und Bäcker. Gegenüber liegt das Gewerbegebiet mit dem Netto-Markt und der Apotheke. Am Bahnhof hält alle zwei Stunden der Regionalexpress nach Lübeck. Der Ort hat alles, was ein Ort braucht. Mehr aber auch nicht.

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Reinhard Knaack, ehrenamtlicher Bürgermeister von Lalendorf und Mitglied der Linkspartei, empfängt seine Gäste im Besprechungsraum des einstöckigen Amtsgebäudes. Er wirkt angespannt. Indem er sich entschloss, der rechtsradikalen Familie M. die Ehrenurkunde des Bundespräsidenten nicht zu überreichen, lieferte er den Medien Neues zum Thema »Nazis in Mecklenburg«. Man warf ihm aber auch vor, er grenze ein Kind aus, das nichts für seine Herkunft könne. Außerdem handle er unklug, indem er den Rechten im Jahr vor der Landtagswahl eine Bühne schaffe. Seit 2006 hat die NPD sechs Sitze im Schweriner Landtag. Im Güstrower Kreistag hat sie zwei, in der Stadtvertretung einen. Für den Lalendorfer Gemeinderat trat bisher noch kein NPD-Kandidat an.

Also sagt der Bürgermeister zur Begrüßung noch einmal, was er zum Rechtsextremismus zu sagen hat (er freue sich, dass es da jetzt eine Debatte gebe) und was er zum Kind zu sagen hat (dem solle kein Schaden zugefügt werden). »Aber was die Ehrung anbetrifft ...«, Knaack zögert. »Das kann man nicht als einen rein formalen Akt betrachten, so eine Ehrenpatenschaft.« Er sandte Urkunde und Geld zurück ans Bundespräsidialamt: Man möge beides selbst zustellen. Der Bürgermeister behauptet, er habe die Sache ohne großes Getöse erledigen wollen. Das hat nicht geklappt. Sogar der Bundespräsident hat sich bei seinem Antrittsbesuch in Mecklenburg zu der Affäre geäußert: »Kinder haften nicht für ihre Eltern.« Sein Amt schickte die Urkunde, die traditionell jedem Siebtgeborenen einer deutschen Familie zusteht, mit der Post.

Knaack, Diplomlandwirt und Verfechter des Zuckerrübenanbaus, saß schon zu DDR-Zeiten in der Gemeindevertretung Lalendorf. Damals stand er der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft vor. Die Landwirtschaft ist heute noch die größte Branche. Nach der Wende aber mussten einige Betriebe schließen, zuletzt machte die Zuckerfabrik in Güstrow dicht. Wer seine Arbeit verliert, zieht weg; wer welche hat, wird davon nicht reich. »Die Leute müssen mit wenig auskommen«, sagt Knaack. Trotz der leeren Gemeindekasse versuche er alles, um bei Kita, Jugendclub und Schule nicht kürzen zu müssen. »Keiner soll Anlass haben, etwas anderes zu sagen als: Hier ist es gut, hier fühl ich mich wohl, dieses Gemeinwesen kann ich akzeptieren.«

Dass es im Landkreis Leute gibt, die das anders sehen, ahnt man hier spätestens seit zwei Jahren. Da berichtete die Lokalpresse über die sogenannten Artamanen, eine Gruppe rechtsnationaler Siedler, die nicht mit Knüppeln auftreten. Über zwanzig Jahre hinweg siedelten sie sich rund um das Dorf Koppelow an, zehn Kilometer südlich von Lalendorf.

Die Artamanen geben sich bürgerlich – sie tragen keine Bomberjacken

Das wenige Material, das es über die Artamanen gibt, hat die Rostocker Beratungsorganisation für Opfer rechter Gewalt Lobbi zusammengetragen. Demnach liegen ihre Ursprünge in der Artambewegung der 1920er Jahre, in der junge, »völkisch« gesinnte Menschen ihre Blut-und-Boden-Ideen in einer Dorfgemeinschaft umsetzen wollten mit Naturromantik und nordischen Bräuchen. Heinrich Himmler und Rudolf Höß sollen begeisterte Fürsprecher gewesen sein. Ihre größte Siedlung damals war Koppelow.

Die heutigen Siedler kommen den Angaben von Lobbi zufolge aus neonazistischen Kinder- und Jugendorganisationen wie der Wiking-Jugend oder der Heimattreuen Deutschen Jugend, die sich der ideologischen Früherziehung widmen. Beide Organisationen sind in der Zwischenzeit vom Bundesinnenminister verboten worden. Angeblich verfügen die Familien, die sich der neuen Artambewegung zurechnen, heute über ein halbes Dutzend Höfe und Häuser im Umkreis von Koppelow. Sie geben sich ökologisch und bürgerlich – keine Bomberjackentypen. Die Artamanen werden nicht vom Verfassungsschutz beobachtet.

In Lalendorf bildete sich eine Art Selbsthilfegruppe aus Vereinsvorsitzenden, den Kirchen, Gemeindevertretern und der freiwilligen Feuerwehr; man wollte sich mit Argumenten wappnen für den Umgang mit diesen Leuten. Die Gruppe lud Politikwissenschaftler ein; das Regionalzentrum für Demokratische Kultur im nahen Roggentin schickte Informationsmaterial über die örtliche Struktur der rechten Szene.

Irgendwo darin kam auch der Name der Familie M. vor, die 2009 aus Baden-Württemberg zugezogen war und sich in einem alten Gutshaus eingemietet hatte. Als ihr Antrag auf die Patenschaft für das siebte Kind eintraf, sagt der Bürgermeister, habe er noch mal in den Unterlagen nachgeschlagen. »Sie ist beim Ring Nationaler Frauen, er war befreundet mit dem verstorbenen Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger – da fängste an zu überlegen.«

Schon vor den Siedlern aus dem Süden begann sich das Nichts in Lalendorf auszubreiten. Überall sieht man verlassene Bauernhäuser. Die Scheiben der einzigen Gaststätte in Lalendorf wurden vor langer Zeit eingeworfen. 3600 Einwohner gab es noch vor fünf Jahren, nun sind es eben 3300.

Die Lalendorfer Johann-Pogge-Schule ist die einzige weiterführende Schule, die es im Umkreis noch gibt. Ihre Flure sind in grellen Farben gestrichen, Tieforange, Knallblau, Grasgrün, so als ob sie sich mit aller Macht gegen das Grau ringsum stemmen wollte. Sorgfältig ausgeschnittene Weihnachtssterne an jedem Fenster, die gerahmten Aquarelle hängen dicht an dicht. Der Christbaum in der Aula misst fünf Meter und erreicht noch lange nicht die Decke aus Glas. Im Advent gibt es hier das Weihnachtskonzert, alle Lalendorfer werden eingeladen. »Dann ist die Bude voll«, sagt Ortwin Ackermann. Seine Schule ist das Herz des Dorfes. Auch sie hatte schon geschlossen werden sollen.

Wenn der Schulleiter zum Gespräch seine sportliche Brille abnimmt, wirkt er noch verständnisvoller. Er hat selbst Kinder, und man darf annehmen, dass er sie nach Pubertätsdummheiten stets zum Gespräch an den Küchentisch lud, statt sie unter Hausarrest zu stellen. Jedes Kind, das zwischen Güstrow und Teterow aufwächst, verbringt ein paar Jahre an seiner Schule; auch zwei Kinder der Familie M. sind da.

All die Regionalzeitungen kommen und dann auch noch das ZDF

»Wenn man Lehrer ist, wird man mit allen gesellschaftlichen Entwicklungen konfrontiert«, sagt Ackermann. »Das schwappt hier alles rein.« Wenn zum Beispiel jemand in einer der bei Neonazis beliebten Thor-Steinar-Jacken erscheine, »was sehr selten vorkommt«, dann nenne er ihm die Gründe, aus denen das verboten sei, bevor er ihn nach Hause schicke. »Ich muss erklären. Ich muss mich damit auseinandersetzen. Ich kann es mir nicht so leicht machen. Verstehen Sie?«

Ortwin Ackermann wuchs in einem Nachbardorf auf, ging zum Studieren nach Rostock und kam wieder zurück. Auch wegen der Landschaft, der Seen. »Schauen Sie doch nur aus dem Fenster! Man kann hier wunderbar leben«, sagt er. »Wenn man weiß, wovon.« Das Geld für die Klassenfahrten werde in letzter Zeit öfter nicht von den Eltern, sondern von der Agentur für Arbeit überwiesen. Das sei nicht weiter schlimm, schließlich laufe das reibungslos. Aber es häufe sich eben. »Ich musste ja auch Marx studieren und habe gelernt, dialektisch zu denken. Wenn es den Leuten schlecht geht, dann suchen sie einen Schuldigen. Und dann melden sie sich von der Demokratie ab.« Bei der Bürgermeisterwahl in Güstrow Ende Oktober lag die Wahlbeteiligung nur noch bei dreißig Prozent.

Der Schulleiter Ackermann glaubt an die Abwehrkräfte der demokratischen Zivilgesellschaft. Extremen Bewegungen könne man Einhalt gebieten, »wenn wir zeigen, dass das Gemeinwesen im Lande funktioniert«. Deshalb ärgere er sich über die Berichterstattung: Mecklenburg, das Armenhaus der Republik. Mecklenburg, wo der demographische GAU schon Wirklichkeit ist. Mecklenburg, die braune Hochburg. »Am Ende bleibt nicht übrig, dass wir uns hier engagieren, dass wir versuchen, Extremismus zurückzudrängen. Am Ende bleibt: In Mecklenburg regieren die Nazis.«

Ein paar schneebedeckte Hügel weiter fährt ein weißer Familienbus die Zufahrt zum alten Gutshaus hinauf. Fünf, sechs Kinder hüpfen heraus und die Steintreppe zum Haus hinauf, das jüngste schläft im Arm von Frau M., einer zierlichen Frau mit langen Haaren, die im schwäbischem Singsang spricht. Sie wolle nicht mehr reden, sie sei es leid. Die Regionalzeitungen seien schon alle dagewesen und dann auch noch das ZDF. »Die Kinder leiden so darunter.«

Mit einem Reporter hat sie neulich zwischen Tür und Angel ein wenig geplaudert, wie man in der Welt am Sonntag lesen kann. Darüber, dass sie und ihr Mann eng mit Jürgen Rieger befreundet gewesen seien, dass ihr Mann seit dem Tod des Neonazis die Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung leite, und darüber, dass man schon auf seine Wurzeln achten müsse. Ihr Mann, der jetzt grußlos im Haus verschwunden ist, habe es allerdings gar nicht gut gefunden, dass sie mit dem Reporter geredet habe. »Vielleicht bin ich zu naiv«, sagt sie.

Vor einiger Zeit hat die Familie M. einen alten Bauernhof in der Gegend gekauft. Die Lalendorfer werden sich also weiterhin mit ihnen beschäftigen müssen. Was die Kinder angeht, sieht Ortwin Ackermann, der Schulleiter, das relativ entspannt. »Welche Kinder werden schon wie ihre Eltern?«

Will man die Gemeinde Lalendorf verlassen, passiert man auf notdürftig geflickten Straßen eine verwaiste Bushaltestelle, lässt den Bahnhof hinter sich, an dem niemand wartet, und biegt schließlich ein in die Bundesstraße Richtung Güstrow, die am Gewerbegebiet vorbeiführt. Vor drei Wochen hat der Bürgermeister Knaack hier den Grundstein gelegt zu einer Biogas-Bioethanol-Kombinationsanlage, die aus Zuckerrüben Gas und Wärme herstellen soll. Moderne, saubere, nachhaltige Technologie. Bauherr ist die Norddeutsche Rüben AG, der Bürgermeister sitzt im Aufsichtsrat. Er will aus Lalendorf ein »Bio-Energie-Dorf« machen, das ist seine Vision. »Damit schaffen wir Arbeitsplätze«, sagt er. »Das Gas verstromen wir oder speisen es ein in das Nahwärmenetz der Gemeinde. Dann bleiben die Preise stabil. Das ist eine runde Sache.« Im übernächsten Jahr soll es so weit sein.