Das Denkmal von Immanuel Kant in Kaliningrad (ehemals Königsberg) © STRINGER/AFP

In diesen Tagen der Veröffentlichungen US-amerikanischer Diplomaten-Korrespondenz durch WikiLeaks dominieren zwei Reaktionen die öffentliche Debatte. Erstens: Die Stellungnahmen aus den US-Botschaften solle man nicht allzu ernst nehmen (»Party-Geschwätz«, so Seehofer, oder »Sofern nicht gefälscht, weithin irrelevant für die Außenpolitik der USA«, so Hillary Clinton). Zweitens: Der Schaden für die diplomatische Praxis sei immens, wenn die Gesprächspartner nicht mehr davon ausgehen können, dass ihre Mitteilungen vertraulich bleiben.

Beide Reaktionen haben ihre Berechtigung, gehen aber am Kern der Problematik vorbei. Dieser ist an anderer Stelle zu suchen. Die Aufgeregtheit der politischen Akteure, die nur mühsam von zur Schau gestellter Gelassenheit, ja Indifferenz kaschiert wird, deutet daraufhin, dass sich die politischen Akteure dessen auch bewusst sind. Es ist Immanuel Kant, der in seiner Spätschrift Zum Ewigen Frieden (1795) das Rüstzeug zum Verständnis bereitstellt.

Diese kleine Schrift begründet die Theorie des demokratischen Friedens. Eine Theorie, die zunächst weitab von jeder praktischen Erfahrung zu stehen scheint, wie Immanuel Kant selbst mit feiner Ironie in der Vorrede ausführt: »Ob diese satyrische Ueberschrift auf dem Schilde jenes holländischen Gastwirths, worauf ein Kirchhof gemalt war, für die Menschen überhaupt, oder besonders die Staatsoberhäupter, die des Krieges nie satt werden können, oder wohl gar nur die Philosophen gelte, die jenen süßen Traum träumen, mag dahin gestellt seyn.«

Rund 200 Jahre nach der Entstehung von Kants Theorie kommen Wissenschaftler, die sich mit internationalen Beziehungen befassen, zu dem Ergebnis, dass sie sich nach allen bislang vorliegenden Daten als zutreffend herausgestellt hat. Das ist eine Überraschung, denn die dominierende Theorie der internationalen Beziehungen, der sogenannte Realismus, hat dafür keine Erklärung. Dieser Realismus postuliert, dass sich Staaten in ihrem außenpolitischen Agieren ausschließlich an den eigenen nationalen Interessen orientieren, dass es also ohne supranationale Staatlichkeit eine Art Hobbesschen Naturzustand gibt, in dem Konflikte je nach Interessenlagen zu Kriegen eskalieren, unabhängig von der Staatsverfassung der beteiligten Länder.

Immanuel Kant hatte demgegenüber behauptet, dass Demokratien (»Republiken«) gegeneinander keinen Krieg führen werden, da die Interessen der Regierungen mit den Interessen der Regierten weitgehend identisch seien, da die Würde des Individuums Teil des Staatsverständnisses geworden sei und weil – und dies ist für uns der ausschlaggebende Punkt – die internationalen Beziehungen in Demokratien öffentlich seien: Es gebe keine geheimen Nebenabsprachen zu internationalen Verträgen, alles sei für alle Staatsbürger jederzeit transparent und kontrollierbar, die Regierenden vermieden jede Doppelzüngigkeit und verzichteten auf Geheimstrategien.

Diese Bedingung der Publizität stellt das Kernstück von Kants demokratischem Frieden dar: Nur wenn Ziele und Praxis der Regierungen in der internationalen Politik transparent und öffentlich sind, sichert die demokratische Staatsform den Frieden zwischen Republiken, unabhängig von ihren jeweiligen Interessenlagen. Zwei alternative Theorien internationaler Konflikte können jedenfalls als widerlegt gelten: Wirtschaftliche Interdependenz sichert keinen Frieden, wie das Beispiel der Balkankriege, aber auch der Kriege in Afrika zeigt. Auch gemeinsame Wertvorstellungen sowie kulturelle Nähe reichen auf sich gestellt nicht hin, um Kriege zu verhindern. Umso erstaunlicher ist, dass es bislang noch nie einen Krieg zwischen zwei Demokratien gegeben hat. Da die Anzahl der Demokratien in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist, aber auch die Zahl der Kriege, ist dieses Ergebnis eigentlich eine Sensation: Die Hypothese, dass Demokratien ihre Konflikte ohne Gewalt austragen, muss als empirisch gut bestätigt gelten.