Diese Zeichnung zeigt den berühmten Wegelagerer John Cottingham etwa im Jahr 1680 beim Überfall auf eine Postkutsche © Hulton Archive/Getty Images

Ort: vor den Toren einer belagerten Stadt, irgendwo in Deutschland. Zeit: das Jahr 1699. Zwei Kuriere der Thurn- und Taxisschen Ordinari-Post – die Post war damals (wie heute wieder) privat organisiert – haben den Ort verlassen. Unversehens werden beide von Wegelagerern angehalten, die sich mit Waffengewalt der Depeschen bemächtigen wollen. In den Felleisen der Kuriere finden die Bösewichter genau das, worauf sie es abgesehen haben: eine geheime, wohl zwischen zwei Diplomaten oder Regierungsbeamten geführte Korrespondenz mit Kommentaren und Mutmaßungen vor allem zum politischen Geschehen in Europa, teils auch zu neuen wissenschaftlichen Entdeckungen. Einer der Nachrichtenräuber kann, mit der Waffe in der Hand, die erbeuteten Schreiben wegtragen – zu demjenigen, der sie bei der Bande »bestellt« hat.

Wer aber ist dieser Auftraggeber? Was will er mit den geraubten Depeschen? Er will sie veröffentlichen! Vollständig und ohne Veränderungen lässt er sie, Brief für Brief und Antwort für Antwort, in einer eigens zu diesem Zwecke eingerichteten Zeitschrift abdrucken, die monatlich erscheint und etwa 100 kleine Seiten zählt. So werden die diskreten Botschaften nun zum Allgemeingut eines jeden, der endlich einmal einen Blick hinter die sonst so sorgsam verhängten Kulissen des politischen Betriebes werfen möchte. Wikileaks 1699.

»Aufgefangene Brieffe« für den neugierigen Leser

Und wie Wikileaks heute gibt sich auch die Zeitschrift damals schon gleich im Titel unzweideutig zu erkennen: Aufgefangene Brieffe / Welche Zwischen etzlichen curieusen [interessanten] Personen über den ietzigen Zustand der Staats und gelehrten Welt gewechselt worden, betitelt der ungenannte Herausgeber sein Blatt.

Seinen Lesern teilt der Titel überdies mit, dass die Monatsschrift in »Wahrenberg« erscheint, und zwar »Bey Johann Georg Freymunden«. Auch soll jeder wissen, welchen kriminellen Aufwand der Herausgeber bei der Beschaffung seines Materials getrieben hat: Ein kunstfertig gearbeiteter Kupferstich, als Frontispiz, zeigt die Posträuber bei der Arbeit.

Damit nicht genug: Auf der Titelseite selbst erscheint der bewaffnete Überbringer des Briefpakets, das Corpus Delicti unverschämt offen präsentierend, auf seinem Weg zum Herausgeber. Schließlich weist noch das Vorwort der Zeitschrift, »An den Leser«, in nur leicht verschleiernder Form auf den illegalen Erwerb des Inhaltes hin: »Diese geheime Correspondentzen / welche zwischen vertrauten und gelehrten Freunden gewechselt worden / sind nun par avanture [durch günstiges Geschick] in des Verlegers Hände gerathen; und gleich wie dieser der guten Hoffnung lebet solche werden vielen curiösen Leuten nicht mißfallen: also wird er sich bemühen mit Edirung dergleichen ferner auffzuwarten; im übrigen wird wenig daran gelegen seyn / zu wissen / wer die Correspondenten seyn / weyl man doch sonst auch bey Prüfung eines guten Weins wenig zu fragen pfleget wo er gewachsen / und welcher Fuhrmann ihn zur Stelle gebracht / genung wann er des Geldes werth und das seinige praestiret [leistet, also gut schmeckt].«

Doch wie war dergleichen möglich angesichts der drakonischen Strafen gegen unbefugtes, räuberisches »Anzapfen« der damaligen Nachrichten- und Kommunikationsströme? Warum schritt die Zensur nicht ein? Um 1700 ist das deutsche Presse- und Buchwesen überschaubar. Die Verlagshäuser im Reich sind mehr oder weniger bekannt. Dem zeitgenössischen Leselustigen ist klar, dass es ein Städtchen »Wahrenberg« ebenso wenig gibt wie den Verleger »Freymund« – dies sind fingierte Angaben.

Kenner der Branche wissen, dass die nicht heimlich unter einem Ladentisch verkauften, sondern überall offen durch die Post vertriebenen Aufgefangenen Brieffe in Wirklichkeit in Leipzig verlegt werden, und zwar bei Johann Friedrich Groschuff, der dort seit 1690 seinen Betrieb führt. Und sie wissen natürlich auch, dass die Briefe nicht wirklich geraubt sind, sondern dass dies nur eine »Einkleidung« ist, um die Zeitschrift besser zu verkaufen.

Einige wenige mögen sogar den wirklichen Herausgeber kennen. Er ist kein professioneller Publizist, sondern schreibt zur Unterhaltung und Belehrung seiner Zeitgenossen, zu seinem Vergnügen und für einen Nebenverdienst: Gottfried Zenner, geboren 1656 in Altenburg und verstorben 1721 in Leipzig, war nach dem Studium an der Universität Wittenberg zunächst, wie viele noch berufslose Jungakademiker, Hauslehrer und -erzieher in Adelshäusern, sodann Richter und Advokat, bis er schließlich zwischen 1700 und 1720 als Kammer- und Archivsekretär in Zerbst, im heutigen Sachsen-Anhalt, eine Regierungskanzlei von innen kennenlernte.

Zenner weiß, dass interne Einschätzungen und Urteile aus dem Umfeld der Mächtigen nicht nach außen dringen sollen – und er weiß, dass das Publikum gerade hier bei seiner Neugier zu packen ist. Seine Zeitschrift Aufgefangene Brieffe spielt mit dem Reiz des Verbotenen und Geheimnisvollen – indes was er über Staatsaffären, Krisen, Kriegsabsichten und dergleichen veröffentlicht, ist so brisant nicht.

Das Blatt wird ein Erfolg (die Auflage dürfte bei 300 Exemplaren gelegen haben) und kann bis einschließlich 1703, also fünf Jahre lang, erscheinen. Nicht weniger Nachfrage findet ein weiteres, teils parallel laufendes Zeitschriftenprojekt von Zenner mit dem Titel Geheime Brieffe. Auch diese »Brieffe« kommen in Leipzig heraus, und zwar zwischen 1701 und 1705 bei Christoph Hülsse.

300 Jahre vor Wikileaks werfen Gottfried Zenners Aufgefangene Brieffe, übrigens wohl die erste Zeitschrift in Briefform, ein Licht auf das Spannungsverhältnis zwischen dem öffentlichen und dem politisch-exklusiven Nachrichtenfluss. Seit dem Beginn der gedruckten Presse – die erste Zeitung der Welt erschien 1605 in Straßburg – sickerte, um im Bild zu bleiben, in kleineren Mengen stets etwas aus dem Geheimen ins Öffentliche.

Dies war unvermeidlich, denn die Korrespondenten und Nachrichtenschreiber für die ersten politischen Zeitungen waren selbst Leute vom Fach: Offiziere, Diplomaten, Kanzleibeamte wie Zenner. Ebendiese Kreise machten, vice versa, einen Gutteil der damaligen Zeitungsleser aus. Entsprechend anspruchsvoll, in knappster Wiedergabe komplexer Ereignisse und durchsetzt von Fachtermini, dazu in seitdem unerreichter Sachlichkeit und unparteiischer Neutralität, wandten sich diese Blätter an eine gründlich gebildete Leserschaft.