Im Sommer ist Gott unsichtbar. Er lebt zurückgezogen in Deutschlands dunklen, kühlen Kirchen, nur gelegentlich besucht von treuen Mütterlein und flüchtig gegrüßt von durchreisenden Touristen. Denn die meisten Deutschen pilgern, wenn es draußen warm ist, sonntags lieber an den Badesee. Erst gegen Jahresende, wenn es Zeit wird, das Zurückliegende zu überdenken, wenn also die Frage nach dem Sinn des Daseins wieder dringlicher erscheint, dann füllen sich die Kirchen. Dann nehmen die Glaubensdebatten Fahrt auf. Dann geht es nicht mehr nur um Kirchenskandale und Bischöfinnenrücktritte, Moscheenstreit und Religionspolitik, sondern tatsächlich um Gott und den offenbar auch in einer modernen, »entzauberten« Welt noch nicht ausgestorbenen Glauben.

Denn das ist doch das Erstaunlichste an der Säkularisierung: dass nach über zweihundert Jahren Aufklärung und nach der Emanzipation des demokratischen Staates von religiösen Instanzen weiter ein massenhaftes Bedürfnis existiert, sich auf etwas Höheres zu berufen. Auch dieses Jahr zu Weihnachten werden die Gottesdienste wieder bestens besucht sein. Und wer behauptet, das sei nur frömmlerisches Getue, um das populärste Kulturfest unseres abendländischen Kalenders mit Bedeutung aufzupusten, der hat die Gottesdienstbesucher noch nie nach ihren Gründen gefragt. In Hamburg zum Beispiel gibt es eine große Gruppe persischer Muslime, die ganz selbstverständlich zu Weihnachten in die Kirche gehen. Die Jüngeren sagen freiheraus, es komme ja nicht darauf an, wo man zum Herrn bete, sondern dass man an einem so wichtigen Tag irgendwie Verbindung »nach oben« habe (bei diesen Worten machen sie eine lässige Geste gen Himmel).

Nach oben geht immer noch der Blick. Besonders zu Weihnachten hat es den Anschein, dass die Menschen weiter glauben wollen. »Glaube ist Liebe zum Unsichtbaren«, sagt Goethe über die Sehnsucht nach Gott im Zeitalter der Vernunft. »Glaube ist Vertrauen auf das Unmögliche und Unwahrscheinliche.« Dieses Unmögliche muss aber gar nichts Unvernünftiges sein, sondern es ist einfach das Gegenstück zur Wirklichkeit, die leider unvollkommen bleibt. Vielleicht erklärt sich das Überleben der Religion in der Moderne überhaupt nur aus unserem ewigen Unbehagen an der Welt, wie sie ist. Glaube als Mangelerscheinung! – Ich glaube an die allgültige Liebe Jesu, weil ich sie auf Erden nicht finde. Ich glaube an ein Leben nach dem Tod, weil ich sonst an das Nichts glauben müsste. Ich glaube an die Gerechtigkeit des Jüngsten Gerichts, weil ich sonst keinen moralischen Kompass habe.

Wie hältst du’s mit der Religion? Die berühmte Gretchenfrage war ja etwas für Atheisten der ersten Stunde, für Rebellen gegen das religiöse Denkverbot, die um der Erkenntnis willen vom Glauben abfielen und mit dem Teufel paktierten. Heute darf man alles denken und dank der Religionsfreiheit in diesem Land auch jeden beliebigen Gott leugnen. Deshalb muss die entscheidende Frage nicht mehr lauten, ob einer glaubt, sondern warum er glaubt. Siebzig Prozent der Deutschen sind derzeit Mitglied einer Kirche oder einer religiösen Vereinigung; aber nur die Hälfte der deutschen Christen unter 30 Jahren hält die Existenz Gottes für entscheidend und die Kirche für unverzichtbar. Worauf gründet sich der Glaube, wenn nicht auf Gott? Wo ist er zu Hause, wenn nicht in der Kirche?