Der Mann mit den zwei schweren Reisetaschen, er kann es eigentlich gar nicht mehr schaffen. Die ersten Taue sind eingeholt, schon kündigt ein Ächzen und Knirschen die Abfahrt des Schiffes an, während er gerade erst im Laufschritt den Ponton erreicht. Plötzlich geht ein Ruck durch den Dampfer. Das Schiff touchiert die Hafenmauer, dann liegt es wieder eng am Anleger. Die Lepcha wird auch diesen Passagier noch aufnehmen.

Der Abfahrt des Dampfers war ein banges Warten vorausgegangen. Schwerer Nebel hatte das Land über Tage hinweg in dunkles Grau gehüllt, die Zeitpläne der Fähren durcheinandergeworfen und den Kapitänen auf den Flüssen des Gangesdeltas die Sicht geraubt. Jetzt erst hat sich der Himmel aufgeklart, die Lepcha nimmt Fahrt auf und stampft den Buriganga hinunter.

Eigentlich gehörten die Raddampfer längst in ein Schifffahrtsmuseum. Zwischen 1912 und 1938 wurden sie in den Werften von Kalkutta gebaut, als Bangladesch noch Britisch-Indien war. Irgendjemand muss ihnen schon damals den Namen Rocket gegeben haben. Rocket wie Rakete – wegen der Form und wegen der Geschwindigkeit, die zumindest in jenen Jahren nichts Vergleichbares kannte.

Gemeinsam mit drei baugleichen Schiffen befährt die Lepcha noch heute die Flüsse zwischen Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, und Khulna im Westen des Landes. Längst ist die kleine Flotte Kult: Eine Fahrt auf den Raddampfern gehört für Rucksacktouristen zu jeder Bangladesch-Tour, Tourismus-Agenturen verbinden die Flussreise oft mit dem Besuch der Sundarbans, eines der größten Mangrovenwälder der Welt.

In Kabine sechs der ersten Klasse lässt sich der Mann, der es gerade noch an Bord geschafft hat, mit einem Seufzer auf das blütenweiße Bett fallen. Huq Howlader, 61 Jahre alt, Gebetsmütze, braune Hornbrille, weißer Bart, ist Börsenmakler. Er hat in der Hauptstadt gute Geschäfte gemacht, jetzt will er zurück in sein Heimatdorf. Howlader war spät dran, weil er seinen Lungi, den Wickelrock für die Nacht, vergessen hatte. In der Eile hat er am Markt ein Exemplar mit üppigem Blumenmuster erwischt. Jetzt packt er den Lungi aus und begutachtet mit heiterem Blick das bunte Stück Stoff. »Ist ja nur für ein paar Nächte«, sagt er. Alle paar Wochen nimmt Howlader das Schiff, weil es ein entspanntes Reisen ist und weil er Angst vor den Busfahrern hat, die den Tod nicht fürchten. »Auf dem Schiff kann ich wenigstens ruhig schlafen.«

»Nur Allah weiß, wie das Wetter wird«, sagt Kapitän Salam

Rund 30 Stunden brauchen die Raddampfer von Dhaka bis nach Khulna, drei Tage später sind sie wieder zurück in der Hauptstadt. Die einfache Fahrt in der ersten Klasse kostet elf Euro, ein Ticket der dritten Klasse nicht viel mehr als ein Zehntel davon. Natürlich gibt es schnellere Verkehrsmittel in Bangladesch, auch günstigere und modernere. Wenn man ehrlich ist, sind die Rockets nicht einmal besonders schöne Schiffe. Die Lepcha zum Beispiel hat die plumpe Form eines Hausbootes, ihre Schiffshaut ist schrundig rostbraun und verbeult, das Blech, das das Schaufelrad schützen soll, ist bizarr verformt. Trotzdem reist es sich mit ihr vergleichsweise angenehm durch das Land. Es gibt in der knapp zehn Quadratmeter großen Kabine eine Klimaanlage, ein Waschbecken und einen Beistelltisch. Auf Kissen, Decken und Gardinen gedruckt ist ein blaues Steuerrad, das Logo der staatlichen Schifffahrtslinie BIWTC, der Bangladesh Inland Water Transport Corporation.

Nachdem die Lepcha den Buriganga verlassen hat, durchpflügt sie nun die Wasser des Meghna-Stroms. Zwei Flussdelfine tauchen auf und genauso schnell wieder unter. Auf einem Holzboot holt ein Fischer mit zwei Kindern das Netz ein, das kippelige Boot schaukelt auf einem Teppich aus Wasserhyazinthen, die Jungs winken. Oben auf der Brücke steht Kapitän Abdus Salam und spricht mit seinem Rudergänger über das Wetter und den Nebel. Salam, 51 Jahre alt, hat einen langen weißen Bart und eine sanfte Stimme. »Nur Allah weiß, wie das Wetter wird«, sagt er.