La Paz. Omar Canaviri ist ein freundlicher, rundlicher Mann, der in einem sehr engen Büro des bolivianischen Justizministeriums sitzt und an einem großen Schwungrad der Geschichte dreht: der Entkolonialisierung Boliviens. "Das", sagt Omar Canaviri und nimmt ein Buch in die Hand, "ist das ordentliche Gesetzbuch. Und das", dann nimmt er symbolisch ein zweites Buch, "ist die indigene Justiz", das Recht der Ureinwohner dieses Landes, die vor den spanischen Eroberern da waren. Dann hebt er beide Bücher auf dieselbe Höhe und skandiert in didaktischem Ton: "Sie sind jetzt laut Verfassung gleichgestellt!" Die Befriedigung darüber kann er nicht verbergen. Immer wieder wird er es im Laufe des Gesprächs sagen: "Gleichgestellt, gleichgestellt, gleichgestellt!", und immer wird er sich dabei nach vorn beugen, den Körper gegen die Kante des Schreibtisches drücken und die Arme ausstrecken, als wollte er den Gesprächspartner auch physisch auf seine Seite ziehen. Nichts erscheint diesem Mann wichtiger, als die koloniale Geschichte einzurollen und zu entsorgen wie einen hässlichen, verlausten Teppich, der allzu lange den schönen, reinen Urgrund Boliviens verdeckt hat.

Canaviri gehört dem Volk der Aymara an . Er glaubt tatsächlich, dass mit Präsident Evo Morales 480 Jahre Unterdrückung zu Ende gehen. Imperialismus, Kolonialismus, Rassismus, Neoliberalismus – alles das wird es unter der Führung des ersten Präsidenten, der selbst ein Indigener ist , nicht mehr geben. Canaviri will, dass die uransässigen Völker nach ihren eigenen, traditionellen Gewohnheiten Recht sprechen können. Aus Gründen der historischen Gerechtigkeit, aber auch, weil die "indigene Justiz schnell, effizient und billig" sei.

Das sind genau dieselben Worte, mit denen ganz woanders auf dem Globus, nämlich in der muslimischen Welt, die Einführung der Scharia gefordert wird, des religiösen islamischen Rechts. Etwa im Swat-Tal in Pakistan. Auch die Bürger dort bekamen vom Staat keine Gerechtigkeit und wandten sich nach vielen Enttäuschungen traditionellen Formen der Rechtssprechung zu – das endete freilich im Terror der Taliban. Im Swat-Tal hörte man ebenfalls das Argument, das Canaviri vorbringt: "Die ordentliche Justiz ist immer nur für die Reichen da!"

Canaviri fühlt sich eins mit seinem Volk, seine Botschaft kommt gut an in einem Land, in dem alles viel zu lange unverändert blieb. Doch ob das Volk weiß, was es erwartet? Weiß es Canaviri? Könnte die Befreiung, die er im Munde führt, in die Barbarei führen wie im Swat-Tal? Oder liegen die Dinge in Bolivien völlig anders?

Nicht weit von Canaviris Büro steigt die Straße von der Hauptstadt La Paz steil hinauf auf die 4000 Meter hoch gelegene Ebene von El Alto. Hier ist die dramatische gesellschaftliche Veränderung, die Bolivien in den letzten Jahrzehnten erfasst hat, auf einen Blick zu erkennen. Die Stadt El Alto wird fast ausschließlich von indigenen Bolivianern bewohnt. Rund 800.000 Menschen leben hier. Im Jahr 2001 bekannten sich bei einer Volksbefragung 72 Prozent von ihnen zur Nation der Aymara. Präsident Evo Morales gehört ihr ebenfalls an.

Die Aymara suchen hier, am Rande der Hauptstadt Chancen auf ein besseres Leben. Vielen ist es gelungen, aus dem Zyklus der Armut auszubrechen. Man sieht es am Straßenbild. El Alto ist eine riesige Ansammlung von Häusern, von denen die meisten nur aus nacktem Ziegel bestehen. Ohne Verputz sind sie schutzlos den kalten Winden der Hochebene ausgesetzt. Doch sobald die Besitzer der Häuser Geld haben, werden schmucke Fassaden errichtet, mit viel Glas und viel bunter Farbe. Der Ziegel verschwindet mit dem wachsenden Wohlstand der Bewohner.

Die Aymara haben den Ruf, fleißig und zielstrebig zu sein. Sie verschwenden ihr Geld nicht, sie sparen, bauen, investieren, damit es ihre Kinder und Nachkommen besser haben werden. In El Alto leben Morales’ Stammwähler. Bei seiner zweiten Wahl zum Präsidenten erhielt er 2009 landesweit über sechzig Prozent der Stimmen. Im Parlament hat er eine Zweidrittelmehrheit. Morales kann schalten und walten, wie er will.