StreitgesprächGeht joggen! Oder doch nicht?

Wer bestimmt, was gesund macht? Ein Streitgespräch mit Juli Zeh und Thomas Zeltner im Schauspielhaus Zürich

Lukas Bärfuss: Die Weltgesundheitsorganisation WHO beschreibt Gesundheit als Zustand des »vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens«, und sie legitimiert die Einmischung des Staates. Widerstrebt Ihnen das, Frau Zeh?

Juli Zeh: Die Politik müsste dringend begreifen, dass Gesundheit ein individueller Zustand ist, der sich nicht für alle einheitlich normieren lässt. Bei den WHO-Papieren handelt es sich aber um diplomatische Dokumente, also vage formulierte Zielvorstellungen, die mich nicht aufregen.

Bärfuss: Es bleibt aber nicht bei diplomatischen Formulierungen. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg in Deutschland zwischen 1960 und 2008 um zehn Jahre. Von 70 auf 80. Ist das kein Fortschritt, den wir der Gesundheitsförderung zu verdanken haben?

Zeh: Das haben wir vor allem besserer Ernährung und Hygiene zu verdanken. Wir befinden uns, zumindest in Europa, diesbezüglich an einem historischen Höhepunkt.

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Bärfuss: In der Diskussion um Rauchverbote sprachen Sie von einer »Gesundheitsdiktatur«.

Zeh: Das ist eine polemische Zuspitzung, aber mit wahrem Kern. Ich reagiere empfindlich auf Versuche, unter dem Vorwand »Gesundheit« in die private Lebensführung hineinzuregieren. Rauchverbote sind da ein gutes Beispiel. Dem Nichtraucherschutz hätte man durch andere Maßnahmen gerecht werden können.

Bärfuss: Herr Zeltner, was gibt dem Staat das Recht, in private Belange einzugreifen?

Thomas Zeltner: Staatliches Handeln ist da gefordert, wo meine Freiheit Ihre Freiheit beeinträchtigt. Etwa beim Rauchen und Passivrauchen.

Bärfuss: In Artikel 118 der Bundesverfassung steht: »Der Bund trifft im Rahmen seiner Zuständigkeiten Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit.« Da steht nichts von Alkoholverboten und einem Ampelsystem für Lebensmittel. Warum darf ich nicht essen, was ich will?

Zeltner: Das dürfen Sie selbstverständlich. Aber heute versteht niemand mehr, was in Lebensmitteln drin ist, man muss mit einem Lexikon einkaufen gehen. Zwar gibt es internationale Regeln, etwa dass Lebensmittel kein Blei enthalten dürfen, weil es giftig ist. Aber bei der Frage, wie viele Kalorien ein Produkt hat oder ob ein Fett gesund oder weniger gesund ist, braucht der Konsument Hilfe. Und das ist das Ziel dieses Ampelsystems. Aber zugegeben, es ist eine beschränkt taugliche Maßnahme. Diese Aufschriften lesen nur jene, die sich sowieso gesund ernähren.

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