Estland ist wie eine Staat gewordene FDP
Um diese Haltung besser zu verstehen, muss man wissen, dass Estland im Grunde so etwas ist wie eine Staat gewordene FDP. In einer von Milton Friedmans Werk und Margaret Thatchers Wirken inspirierten »Schocktherapie« schalteten die nationalen Reformer das Land nach der Unabhängigkeit 1991 von Plan- auf Marktwirtschaft um. Sie lösten sich – gegen den Rat der Weltbank – blitzartig aus der Rubel-Zone, koppelten ihre Krone an die D-Mark, führten eine Flat Tax von 23 Prozent und eine Unternehmenssteuer von null Prozent ein, sie sparten bei öffentlichen Ausgaben, um die Krone, Symbol der wiedergewonnenen Souveränität, auf investmentfreundlicher Höhe zu halten. Mit Erfolg. Skandinavische Investoren wie Ikea oder Nokia zogen nach Estland, um vom geringen Kosten- und Lohnniveau zu profitieren, Software-Startups schossen aus dem Boden.
Ein paar Hundert Meter vom Finanzministerium entfernt, die Suur-Ameerika in Richtung Hafen entlang, erheben sich glitzernde Büro- und Geschäftsneubauten aus altem Sowjetbunker-Panorama. Das finnische Edel-Kaufhaus Stockmann hat hier eine Dependance gebaut, es ist ein Spiegelbild des legendären Hauses in Helsinki. Die Gourmet-Abteilung ist gut besucht, trotz eines monatlichen Durchschnittseinkommens von 800 Euro.
Über all dem, im Restaurant im neunten Stock eines Nobel-Hotels, sitzt Jaan Tallinn, der Bill Gates von Estland. Der 38-jährige Softwareingenieur hat 2003 mit zwei Freunden das Internet-Telefonsystem Skype entwickelt. Zwei Jahre später kaufte ihnen eBay die Technik ab. Seitdem sieht Jaan Tallinn zu, wie er sein Geld erhält und mehrt. »Ich wollte mich nicht auf die Banken verlassen. Die hätten es wahrscheinlich vernichtet«, sagt er. Tallinn hat gerade einen 20-Stunden-Flug hinter sich, aus Silicon Valley. Dort und in New York trifft er regelmäßig Leute, um »Ideen zu sammeln«. Nebenbei gehört er zu einer 20-köpfigen Gruppe, die den estnischen Präsidenten berät.
Würde er auch in Estland investieren?
»Aber klar kaufe ich auch estnische Aktien und Staatsanleihen. Estlands großer Vorteil ist, dass es vor 20 Jahren komplett neu gestartet ist. Die Computer, die Maschinen, die Krankenhausausstattung, alles ist auf dem modernsten Stand. Außerdem sind wir gut ausgebildete, hart arbeitende, nordische Menschen.« Kulturell, auch das muss man wissen, fühlen sich die Esten Skandinavien näher als den anderen Baltenstaaten Lettland und Litauen. Dass die Nachbarn im Süden noch nicht Euro-reif seien, hört man hier oft, sei allein deren Schuld.
Steile Erfolgsstorys, die sich auf Auslandsinvestionen, das IT-Business, Niedrigsteuern und hohen Binnenkonsum stützten, kennt man freilich aus anderen Teilen Europas. Auch Irland hatte seine Tiger-Phase. Sie war gegründet auf zu viel Optimismus – und endete tragisch. Anders als die EU-Kommission äußerte die Europäische Zentralbank im Frühjahr Skepsis über den baltischen Boom. Es bestehe das Risiko einer »Überhitzung« der Wirtschaft, eine zu hohe Inflation könnte gegen die Maastricht-Kriterien verstoßen . Und noch ein Problem gibt es, das die neuen Aufsteiger gern verschweigen. 300.000 Russen leben in einer regelrechten Parallelgesellschaft, sie konzentrieren sich vor allem in den tristen Plattenbau-Siedlungen am Rande der Hauptstadt.
Die kulturell nach Moskau orientierte Minderheit ist bei vielen Esten regelrecht verhasst – und der relative Verlierer des estnischen Booms. Wegen der hohen Arbeitslosigkeit, Renten von rund 200 Euro und so gut wie keinen Sozialleistungen fürchten viele von ihnen, der Euro werde ihr raues Leben noch schwieriger machen. »Alles wird teurer«, klagt die Friseurin Irina Turbina, die für wenig Geld Haare sehr kurz schneidet, und zeigt in Richtung Decke. Dabei sei doch sowieso schon alles hier – sie zeigt auf den Boden – so schwer für sie. Sie wolle ja gerne die estnische Staatsangehörigkeit annehmen, sagt sie, aber die Einbürgerungskurse kosteten 15000 Kronen, oder, vom 1. Januar an, rund 1000 Euro . »Wie soll ich das bezahlen?« Das Glitzer-Estland, findet sie wie viele andere Russen auch, werde auf ihrem Rücken errichtet.
Geht es also, als hübsches politisches Signal, womöglich doch wieder einmal zu schnell mit der Umarmung eines neuen Euro-Partners?
»Absolut«, glaubt Ivar Raig. Der Professor für Wirtschaftspolitik empfängt in einem Konferenzraum der Technischen Universität von Tallinn, einem hohen, gläsernen Bau, von dem aus der Blick über endlose verschneite Wälder geht. Bevor er als Dozent hierher kam, arbeitete Raig im Außenministerium, war dort zuständig für die Währungspolitik. »Als ich merkte, dass der Euro nicht den Interessen meines Landes dient, habe ich den Job gewechselt«, sagt der 57-Jährige. Estland, glaubt er, brauche noch mindestens fünf Jahre, um seine Produktivität auf Euro-Standard zu heben. Die Wahrheit sei doch, erklärt Raig und zerschneidet die Luft vor ihm in Sektoren, dass es eigentlich drei Wirtschaftszonen in Europa gebe: »Deutschland und seine Nachbarn hier. Die Dolce-Vita-Staaten weiter südlich. Und uns, die aufholenden Osteuropäer.« Jede dieser Zonen brauche bis auf Weiteres ihre eigene Währungspolitik. »Wenn wir in Estland jetzt unsere Flexibilität für das Maastricht-Korsett eintauschen, würgt das unser Wachstum ab. Wir bleiben dann eine verlängerte Werkbank Skandinaviens – das China Europas, wenn Sie so wollen.«
Priit Tamm verdreht die Augen und schüttelt den Kopf, als er den Namen des Euro-Skeptikers hört. Er eilt weiter durch die Fabrikhalle. »Wir müssen auf Exporte setzen!«, sagt der Unternehmer in das Kreischen von Kreissägen hinein, »wir brauchen den europäischen Markt, um zu wachsen.« Seine Firma, Standard-Möbel, produziert Büro- und Hotelausstattung, sie liefert Komplettlösungen vor allem nach Finnland, Schweden und Deutschland. Tamm weist stolz auf seine neuen Maschinen, alle made in Germany oder Italy. Aus einer riesigen Walze laufen Pressspanplatten mit edlem Nussholzfurnier, Mitarbeiter schrauben Tische und Paneele zusammen. »Estland«, ruft Tamm durch den Lärm, »ist zu 45 Prozent mit Wald bedeckt. Keine anderes Land hat so viele Bäume pro Kopf der Bevölkerung!« Seine Firma, bisher 300 Angestellte, suche noch »wie heißt das auf Englisch, tischler?«.
Tischler, ja, das ist das deutsche Wort.
»Ah!«, sagt Tamm und hebt den Zeigefinger. 500 Jahre deutsche Herrschaft haben Spuren in der Sprache hinterlassen.
Fabrikanten und Designer wie Priit Tamm vermitteln den Eindruck, Estland könne es schon bald schaffen, Anschluss zu finden an die skandinavische Arbeits- und Produktlandschaft. Noch ein bisschen mehr eigene Ideen, noch ein bisschen mehr Marken-Bekanntheit im Ausland, und ein neues Ikea-Land könnte entstehen. Doch der Euro-Raum, in dem das alles passieren soll, ist ein anderer als noch vor einem Jahr.
- Datum 23.12.2010 - 14:36 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2010 Nr. 52
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Mein erster Besuch in Estland,dieses Jahr war sehr überzeugend,um nicht zusagen "Typisch Deutsch ".Sehr sauber,nette Leute,ein Land was vorwärts kommt.
Aber auch die Bindung an Finnland ist positiv zu bewerten.
Willkommen im Club.
Ja, so ist es. Die baltischen Staaten sind kleine aber nicht zu unterschätzende Verbündete in der Auseinandersetzung mit "byzantinischem" Schlendrian.
Die große kulturelle Nähe zu den Deutschen ist weitgehend nicht präsent. Jetzt gibt es eine kleine Chance, dies etwas zu korrigieren.
Die Einführung des € in Estland und die Freude der Estländer hat auf die Regulierung der Probleme in Euroland genauso viel Einfluss, als wenn in Hamburg ein Ascheimer umfällt, das macht in München noch nicht einmal PENG!
Ein interessanter Artikel der EU Probleme aus amerikanischer Sicht.
http://finance.yahoo.com/tech-ticker/article/195065/Europe's-Crisis-Much-Bigger-Than-Subprime-Worse-Than-U.S.?tickers=ubs ,cs,db,hbc
das estnische Durchschnittseinkommen beläuft sich auf ca. EUR 650 .. Esten bezeichnen sich nicht als Osteuropäer ... Ikea hat sich für Litauen entschieden ... usw. usf. ..
mein Vorschlag: besser in die estnische Materie einarbeiten vor dem nächsten Artikel.
Vielleicht hilft diese URL weiter ...?
http://balticbusinessnews...
Sehr geehrter Herr Bittner,
die Integration der russischen Bevölkerung in Estland ist ein weit komplexeres Thema, bei welchem Sie leider nicht beide Seite beleuchten. Die Behauptung die Einbürgerungskurse würden 1.000 EUR kosten ist falsch. Meine estnische Lebenspartnerin hat etwas recherchiert und herausgefunden das die erforderlichen Sprachkurse (bis zum Stand B1) komplett erstattet werden (siehe http://www.meis.ee/how-mu...); Bedingung ist nur diese zu bestehen. Für eine Einbürgerung entstehen für einen Erwachsenen Kosten von 450 EEK (30 EUR).
Jetzt kann man wahrlich darüber diskutieren (jedenfalls haben meine Freundin und ich das lange getan) ob Estnisch so einfach zu erlernen ist wie beispielsweise Englisch, aber trotz der schwierigen Sprache kann ich den Frust vieler Esten über die "Faulheit" der Russen die estnische Sprache zu lernen, verstehen.
Leider besteht dieses Integrationsproblem und ich hoffe der estnischen Regierung gelingt es in naher Zukunft es in den Griff zu bekommen. Es war mir wichtig klarzustellen das die estnische Regierung mehr tut, als es in dem Artikel deutlich wurde.
Mit freundlichem Gruß,
Simon.
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