Geburtsklinik in Moskau Füße abtreten, Schwangere!

Fast so rau wie im Stall: Ein Kind in Russland zu gebären härtet jede Frau ab

Moskau – Warum bekommt ihr euer Kind nicht in Deutschland?«, fragten Freunde erstaunt. Eine Geburt im russischen Krankenhaus? Da kamen Schauerbilder in den Sinn von stumpfen Skalpellen, rostigen Spritzen und Patienten, die ihre Bettwäsche selbst mitbringen müssen. Dass der deutsche Korrespondent seine russische Ehefrau zur Entbindung in ein Krankenhaus seines Heimatlandes ausfliegt, schien vielen naheliegend. Wir aber entschieden uns für Moskau. Nicht für die staatliche Krankenversicherung, bei der die werdende Mutter nach dem Zufallsprinzip als Bittstellerin in die nächstgelegene Klinik eingeliefert wird. Auch nicht für das Luxus-Geburtshaus, das mit Ledersesseln, Sektgläsern und Frühstückscroissants für seine VIP-Appartements wirbt. Für unsere beiden Kinder wählten wir normale Moskauer Geburtskliniken. Viele unserer Freunde fanden das abenteuerlich. Das war es durchaus.

Mit der Schwangerschaft begannen die Sorgen. Denn es galt, im unübersichtlichen Gesundheitssystem Russlands , das keine Hausärzte kennt und gemäß Wohnsitz dem Patienten eine Poliklinik zuordnet, den richtigen Arzt für die Betreuung bis zur Geburt zu finden. Der erste Anlauf führte in die staatliche Frauenkonsultation. Diese Praxen für Schwangere gelten als schlecht ausgerüstet und ihre Ärzte als besonders übel gelaunt, da sie kaum Schmiergelder nehmen können. In der Erinnerung meiner Frau verblieben der Anschnauzer der Krankenschwester zur Begrüßung (»Füße abtreten!«) und eine Angst erweckende Liste von Untersuchungen beim Internisten, Hals-Nasen-Ohren- und Zahnarzt, Augenarzt, Endokrinologen und Urologen. »Nach der klinischen Untersuchung und Labortests wird die Zugehörigkeit jeder Schwangeren zu der einen oder anderen Risikogruppe festgelegt«, lautet eine zentrale Aufgabe der Frauenkonsultation. Wir lernten, was uns neun Monate begleiten sollte: Schwangerschaft ist eine Form von Krankheit. Es zählt allein die Statistik im Kampf gegen die Kindersterblichkeit. Das psychische Wohlergehen der Schwangeren spielt keine Rolle.

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Wir verabschiedeten uns von der Frauenkonsultation und suchten gegen Barzahlung einen Arzt eigener Wahl. Es begann eine kleine Odyssee durch verschiedene Businessmodelle für Privatpraxen. Wir folgten Frauenärzten, die tageweise in drei verschiedenen Praxen arbeiten und über Nacht zu einem neuen Arbeitgeber verschwinden. Der Patient hangelt sich am Netzwerk des jeweiligen Arztes entlang, der dringend Kollegen und Labors empfiehlt, weil er nur ihnen vertraut. »In manchen Labors bekommen sie hier alle möglichen richtigen oder falschen Ergebnisse«, klagt ein Moskauer Arzt.

Meine Frau blieb vom fünften Monat an einer Frauenärztin treu. Nennen wir sie Olga. Sie zeichnet sich durch Engagement aus, das allerdings von Aktionismus nur schwer zu unterscheiden ist. Nebenbei verkauft sie aus der Plastiktüte im Behandlungszimmer Blutegelpräparate für Schwangere, die nirgendwo sonst erhältlich sein sollen. Ihr großes Plus liegt darin, dass sie ihre Patientinnen nicht übermäßig demütigt.

Denn das Arzt-Patienten-Verhältnis ist eher vormodern in Russland. Viele Ärzte geben sich traditionell hochmütig und auskunftsarm. Sie beschreiben seitenlang Linienpapier über den Patienten, ohne etwas zu erklären. Auf die Frage »Was notieren Sie denn da?« lautet eine der freundlicheren Antworten: »Machen Sie sich keine Sorgen.« Was die Sorgen nur verstärkt. Der Arzt entscheidet, was er dem Patienten an Wahrheit zumutet. Allerdings machen es sich auch viele Patienten in ihrer Entmündigung bequem. Schlägt die Behandlung an, haben sie es richtig gemacht. Wenn nicht, beschimpfen sie den Arzt.

Olga hält ihre Patienten in ständiger Anspannung. Jede abweichende Einzelziffer eines Bluttests setzt sie aufgeregt in weitere Untersuchungen um. Sie führt schnell das Drohwort von der vorzeitigen Krankenhauseinweisung und der Frühgeburt im Mund. Als letztes Mittel der Patientendisziplinierung bleibt dem Arzt noch der Einweisungsschein, den er ausstellen muss. Ohne ihn findet eine Schwangere in keiner Geburtsklinik Aufnahme – außer als Notfall. Aber auch der hat seine Tücken: Der Krankenwagen fährt bei Gefahr der Frühgeburt grundsätzlich in die nächstgelegene Klinik – egal, ob sie auf Frühchen spezialisiert ist oder nicht. »Drücken Sie dem Fahrer 30 Euro in die Hand«, riet Olga vorsorglich, »dann fährt er sie dahin, wo sie wollen.«

Leser-Kommentare
  1. Aber auch die Männer.
    Niemand gibt ihnen die Gelegenheit, mitzuhecheln und Trost in dieser hochkomplizierten Lebenslage zu empfangen.
    Da muß man sich nicht wundern, daß die russischen Männer sich nicht nur optisch, sondern auch psychisch und emotional von Frauen unterscheiden.

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    aha.. und in anderen Gegenden der Welt sind Männer und Frauen emotional und psychisch gleich?
    Wo leben Sie denn bitte?! wohl in Alice Schwarzerwunderland

    aha.. und in anderen Gegenden der Welt sind Männer und Frauen emotional und psychisch gleich?
    Wo leben Sie denn bitte?! wohl in Alice Schwarzerwunderland

  2. Meine Mutter hat mich zu Sowjet-Zeiten in Weissrussland zur Welt gebracht - die Begleitumstände dieses Erlebnisses werden in meiner Familie immer in düstersten Farben geschildert (es fallen immer wieder die Adjektive "unmenschlich", "mittelalterlich" und "fabrikartig"). Man konnte sich auch schon damals eine bessere medizine Behandlung erkaufen. (Und "besser" heisst in dem Zusammenhang, dass die Neugeborenen nicht nackt in ihren Bettchen lagen, sondern angezogen wurden.)

    Danke für den interessanten Einblick ins heutige Russland!

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    Oje, was heute alles als "Einblick ins russische Leben" bezeichnet wird! Meine Erfahrung mit Berichten zu gesellschaftlichen Themen zeigt: teilen Sie mind. durch zwei, denn der Autor beschreibt meist nur das was er in kurzer Zeit auf der Oberfläche durch Brille seiner eigenen gesellschaftlichen Vorprägung sieht! Vor allem ein deutscher Autor kann nur schwierig die östlichere Identität nachvollziehen, zumindest habe ich so etwas bis jetzt nur eingeschränkt erlebt.

    Oje, was heute alles als "Einblick ins russische Leben" bezeichnet wird! Meine Erfahrung mit Berichten zu gesellschaftlichen Themen zeigt: teilen Sie mind. durch zwei, denn der Autor beschreibt meist nur das was er in kurzer Zeit auf der Oberfläche durch Brille seiner eigenen gesellschaftlichen Vorprägung sieht! Vor allem ein deutscher Autor kann nur schwierig die östlichere Identität nachvollziehen, zumindest habe ich so etwas bis jetzt nur eingeschränkt erlebt.

  3. aha.. und in anderen Gegenden der Welt sind Männer und Frauen emotional und psychisch gleich?
    Wo leben Sie denn bitte?! wohl in Alice Schwarzerwunderland

  4. warum bekommen die deutschen so WENIH kinder in ihren ja sooo schönen krankenhäusern?

  5. Jahrtausende haben Frauen in schlimmen verhältnissen kinder zur welt gebracht...ich finde den artikel schwachsinnig...wieder so ein billiger vergleich zwischen russland und einem westl. land...natürlich zu gunsten des letzteren

  6. … ist das es entmenschlicht zugeht, auch in deutschland. es gibt immer mal vereinzelt ausnahmen, wenn man auf einen arzt trifft der noch empathie empfindet aber wie in jedem beruf gibt es auch in den medizinischen berufen eine menge leute die den job nur machen weil ihre eltern es ihnen befohlen haben, von so einem behandelt zu werden kann dann gefährlich werden, ich spreche aus erfahrung.

  7. Nun eine Frage an den Autor: WARUM, um alles in der Welt, haben Sie Ihre Frau in Russland in einer einfachen Klinik entbinden lassen? Und sagen Sie bloß nicht, Ihre Frau hat auch den ganzen Sommer, die Zeit, in der Menschen auf den Straßen tut umfielen, dort verbracht!
    Wem und was wollten Sie beweisen? Meine Cousine ist vor schlechter Luft nach München geflohen und hat hier entbunden.
    Wissen Sie eigentlich, was eine Geburt in Deutschland kostet? - wenn alles gut geht, ca. 4000 €, ohne jegliche VIP-Behandlung. Warum denken Sie, Sie können in Moskau für 300 € etwas besseres haben, obwohl das Leben dort längst teuerer als in München ist?!
    Ich frage mich, was Sie da getrieben hat... Jeder Russe würde einen Vogel zeigen und sagen, es ist der deutsche Geiz. Ich bin nun selber "eingedeutscht" worden und sage deswegen, es ist die deutsche Naivität... Kennen Sie noch den Bezuchov? Ungefähr so einen Endruck machte Ihr Artikel auf mich.

  8. Oje, was heute alles als "Einblick ins russische Leben" bezeichnet wird! Meine Erfahrung mit Berichten zu gesellschaftlichen Themen zeigt: teilen Sie mind. durch zwei, denn der Autor beschreibt meist nur das was er in kurzer Zeit auf der Oberfläche durch Brille seiner eigenen gesellschaftlichen Vorprägung sieht! Vor allem ein deutscher Autor kann nur schwierig die östlichere Identität nachvollziehen, zumindest habe ich so etwas bis jetzt nur eingeschränkt erlebt.

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