Mitten im Schlussspurt des Jahres steigt der familiäre Showdown, das Fest der Liebe. Zur Zeit der Wintersonnenwende trifft die Kernfamilie auf die Kollateralverwandtschaft. Und nie ist der Drang, Harmonie herzustellen, größer als in diesen kalten Tagen. Bewährte Kniffe sollen den Willen zur Eintracht unterstützen: Kerzenlicht, Austausch von Geschenken, gemeinsame Nahrungsaufnahme. Manche singen auch.

Doch in das Liedgut von Tannenbaum und stiller Nacht mischen sich mancherorts Misstöne. Denn Verwandtschaft garantiert nicht automatisch Harmonie. Manchmal entsteht im Kreis der Liebsten auch der Sound eines eskalierenden Familienzanks. Die äußeren Ursachen dafür scheinen schnell benannt zu sein: Arbeitsstress, vorweihnachtliche Einkaufshektik, Melatonindefizit infolge Lichtmangels. Oder Alkohol – jenes Nervengift, das Schwelendes zur Explosion bringt.

Den Ausgangspunkt familiärer Querelen kann man aber auch viel tiefer suchen, kann hinabsteigen in die ferne Vergangenheit des Homo sapiens, so wie es der Evolutionsphilosph Eckart Voland tut. Seit Jahren untersucht er mit seinen Kollegen die evolutionären Ursachen für das Phänomen des Familienzwists, der ausgerechnet dann ausbricht, wenn die Sippe zum Tafeln zusammenkommt. Volands Erklärung: Gerade weil dann der Drang nach Harmonie besonders ausgeprägt sei, »fallen Anspruch und Wirklichkeit auseinander«. Verwandtschaft sei nämlich alles andere als ein Garant für Frieden. »Die Familie als Hort der Harmonie ist ein Mythos.«

Zu diesem harschen Urteil gelangte der Gießener Professor nach langem Stochern in historischen Aufzeichnungen. Bei deren Abgleich stieß er nämlich auf diverse konfliktträchtige Konstellationen, die im Extremfall zu Ausbeutung einzelner Familienmitglieder, erhöhter Kindersterblichkeit und gar Totgeburten führten. Diese fatalen Folgen traten bei uns vor allem in vergangenen Zeiten zutage. Das Erbe der archaischen Vergangenheit, glaubt Voland, wirke selbst in der modernen, wohlhabenden Kulturgesellschaft nach – wenngleich abgeschwächt in Form von familiären Zwistigkeiten, unterschwelliger Gehässigkeit, Mobbing oder schlichtem Desinteresse.

Und wer sind die Schlüsselfiguren? Zunächst geraten die üblichen Verdächtigen in den Blick: Spuren von Instabilität in den Beziehungen finden sich besonders deutlich in der männlichen Vererbungslinie. Doch nicht die Männer selbst sind für jeden Knatsch verantwortlich – nur ihre Seite des Stammbaums. Vor allem eine zentrale Position im väterlichen Sippengefüge hat Voland als Gefahrenquelle ausgemacht: die väterliche Großmutter. Sie, die Schwiegermutter der Ehefrau, bedrohe nicht nur die familiäre Idylle, sie gefährde in letzter Instanz gar Leib und Leben.

Die Gießener haben im Rahmen einer internationalen Forschungskooperation Zahlen aus vier Jahrhunderten und sieben Staaten gesammelt. Sie alle zeigen: Sowohl im ostfriesischen Krummhörn vor 1874 wie im englischen Cambridge des 18. Jahrhunderts, im heutigen Äthiopien genauso wie in Kanada, Japan, Gambia und dem heutigen Malawi ist die Anwesenheit der Großmutter väterlicherseits ein statistischer Risikofaktor.

Ihr Einfluss ist – ganz im Gegensatz zur Großmutter mütterlicherseits, die einen deutlich positiven Effekt für den Nachwuchs hat – offenbar erschreckend negativ: So war zum Beispiel die Anzahl der Totgeburten in Krummhörn im Laufe von 150 Jahren höher, wenn die jeweilige Schwiegermutter noch lebte. Vor allem wenn sie in der Nähe wohnte, also im selben Dorf oder Haus, erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau tot gebärte, um 45 Prozent.