Amtsgericht Tiergarten, Bauteil E, Zimmer 302, gegenüber der Damentoilette. Das war Kirsten Heisigs Richterzimmer. Eines von vielen in dem absurd verschachtelten Justizkomplex von Berlin-Moabit. Ein kleiner Raum, eigentlich bloß ein Kämmerchen. Graugrünes Linoleum liegt auf dem Fußboden, die dunkelrote Tür ist geschlossen. Heisigs Namensschild ist irgendwann nach ihrem Selbstmord entfernt worden, in dem Büro sitzt jetzt ein anderer Jurist. Heisigs Fälle wurden auf die Kollegen verteilt, die große Justizmaschinerie schnurrt leise weiter, als sei nichts geschehen.

Nichts erinnert hier mehr an die Frau, die sich im Sommer das Leben genommen hat . Nichts erinnert an den Aufschrei, den ihr Tod ausgelöst hat. Und nichts erinnert daran, dass diese Richterin ein Buch hinterlassen hat, das den routinierten Betrieb stören sollte.

Vier Wochen nach Kirsten Heisigs Suizid erschien Das Ende der Geduld. Ein Buch über Jugendgewalt und ihre Ursachen . Wahrscheinlich hätte sich der Band auch gut verkauft, wenn Heisig noch am Leben wäre. Die 49-Jährige hatte Einladungen in alle großen Talkshows, sie war für Lesungen und Vorträge gebucht, bis Sommer 2011. Nach ihrem Tod jedoch wurde das Buch zur Sensation. Fast 350.000 Exemplare hat der Freiburger Herder-Verlag bislang gedruckt, seit Monaten steht der Titel auf der Spiegel- Bestsellerliste. Das Ende der Geduld – das ist, neben dem Bestseller von Thilo Sarrazin , das politische Buch des Jahres. Es ist ein Plädoyer gegen das Wegsehen. Es ist der Versuch, eine Debatte über Jugendgewalt, Parallelgesellschaften und Schulversagen zu erzwingen. Eine Debatte, die weit über Berlin hinaus von Bedeutung ist, weil es Problemviertel nicht nur in Neukölln gibt. Sondern auch in Teilen von Hamburg, Bremerhaven, im Dortmunder Norden oder in München-Hasenbergl.

Und Das Ende der Geduld ist eine Provokation. Denn Kirsten Heisig hat auf Missstände hingewiesen, auf die Trägheit der Justiz, auf Versäumnisse der Schulen und der Jugendämter, auf Ressortdenken und mangelndes Engagement. Sie hat sehr konkrete Vorschläge gemacht. Und sie hat davor gewarnt, dass rechtsfreie Räume entstehen könnten, wenn sich nicht bald etwas ändert.

Sie wollte etwas bewegen, sagt Stephan Meyer vom Herder-Verlag, der das Buch mit ihr gemacht hat, sie wollte, »dass man die Probleme, die darin beschrieben werden, nicht länger ignorieren kann«. Das, keine Frage, hat sie erreicht. Niemand kann mehr über Jugendgewalt in Berlin reden, ohne Kirsten Heisig gelesen zu haben. Niemand bestreitet noch ernstlich, dass es in Neukölln und anderen Problemkiezen überdurchschnittlich viele Straftaten Jugendlicher gibt. Oder dass fast 80 Prozent der 550 Intensivtäter in Berlin einen Migrationshintergrund haben. Serientäter, die, wie es in einem aktuellen Polizeibericht heißt, »40 bis 50 Prozent aller Straftaten, begangen durch Jugendliche, verursachen«.

Kirsten Heisig ist tot. Das Buch, heißt es, sei ihr Vermächtnis. Und jetzt? Was wird aus den Vorschlägen, die sie gemacht hat? Wer kümmert sich um ihr Erbe? Wie reagiert ein System, das von einer einzelnen Amtsrichterin herausgefordert wird, auf eine solche Provokation? Ignorieren, das geht nicht, dazu sind 350000 Exemplare zu viel. Also reagiert das System, indem es Kirsten Heisig umarmt.

Es dauert eine Weile, bis die Berliner Justizsenatorin zu einem Gespräch über Kirsten Heisig bereit ist. Gisela von der Aue wolle das Thema ruhen lassen, heißt es, aus Rücksicht auf die Familie der Toten. Aber dann nimmt sie sich doch eine Stunde. Die Senatorin ist in einer schwierigen Situation. Politisch trägt sie in der Stadt die Verantwortung für die Justiz, die Heisig so deutlich kritisiert hat. Und seit Jahren schon gibt es Gerüchte, die Richterin sei der SPD-Politikerin lästig gewesen, sei ihr zu forsch und selbstbewusst aufgetreten. Ja, sagt von der Aue, anfangs »war ich etwas irritiert über das öffentliche Auftreten von Kirsten Heisig, sie hat mir gar keine Chance gegeben, sie zu unterstützen«. Aber das hätten die beiden rasch geklärt.