Wetterchaos Schneeüberfall

Stefan Schmitt findet den völlig überraschenden Winter skandalös.

Es ist Winter in Deutschland: Ein eingeschneiter Käfer in Berlin

Es ist Winter in Deutschland: Ein eingeschneiter Käfer in Berlin

Die erschütternden Fakten vorweg: Die Flüssigkeit H₂O bildet bei Minustemperaturen Kristalle. Auf dem Weg aus den Wolken zum Erdboden verklumpen diese zu weißen Flocken. Alle Kristalle sind sechseckig und streng symmetrisch. Aber das war’s auch schon mit der Ordnung.

Denn dieses Material – verniedlichend Schnee genannt – vermag unsere Zivilisation in ihren Grundfesten zu erschüttern. Schon ein nächtlicher Schnee(über)fall, der einen weißen Todesschleier von wenigen Zentimetern legt, genügt...

Anzeige

Plötzlich müssen Flugzeuge enteist, Landebahnen geräumt , Oberleitungen repariert werden. Selbst das Bürgerrecht auf Tempo 130 ist vielerorten Makulatur. Mit einem Wort: Nichts ist mehr sicher! Und das völlig überraschend, unvorhersehbar. Die Rede ist, historisch geschulte Leser mögen es bereits erahnen, vom »Winter« (dieser Begriff wurde wahrscheinlich einer Mantelsorte entlehnt). Ebenso kalt wie hinterhältig erwischt er uns und kompromittiert die Krönungen menschlicher Kultur ( Deutsche Bahn , Unterricht an Regelschulen , Flugplan ). Die Zeitungen sind voll mit den überraschendsten Meldungen: Chaos allenthalben. Straßen dicht. Den ersten Tankstellen geht der Sprit aus. Vielerorts gibt es kein Streusalz, keine Enteisungsflüssigkeit mehr, das Angebot von Schneeschippen geht angeblich zur Neige, von Schlitten ebenso. Und die Post braucht länger.

Winter, das wird man ja wohl noch sagen dürfen, ist ein Skandal. Ja: Terror. Zumal die Gleitfähigkeit des kristallinen Materials aufs Hinterhältigste kollaboriert mit der Erdanziehung: ein eiskaltes Duo, das jedes heile Gesäß bedroht (denn auch die unterschnallbaren Spikes zum Aufrüsten der Schuhsohlen sollen wieder knapp geworden sein).

Nicht dass die Gefühle der Winteropfer ernst genommen würden. Nein, Hohn und Spott regnen auf uns herab. Meteorologen, Verkehrsexperten, Entwarner vom Dienst (»alles halb so wild«) und die ewigen Besserwisser schelten uns: War doch absehbar!

Die Wetterfrösche behaupten gar frech, der Winter sei etwas zyklisch Wiederkehrendes. Dieser Logik folgend, droht Verkehrsminister Ramsauer Winterreifenmuffeln Bußgelder an. Selbst ein großer Automobilclub, sonst treu an der Seite derer, die sich moralisch im Recht befinden, belehrt uns dieser Tage von oben herab: Viele Autofahrer führen zu schnell und zu dicht auf – »das ist das Hauptproblem«. Als trügen wir und nicht der Winter Schuld! Sogar die vergangene Saison wird als Referenz bemüht – wie perfide!

Feinsinnige hingegen rezitieren Lyrik:

Flockenflaum zum ersten Mal zu prägen
mit des Schuhs geheimnisvoller Spur,
einen ersten schmalen Pfad zu schrägen
durch des Schneefelds jungfräuliche Flur

– von einem gewissen Christian Morgenstern gedichtet. Sicher hatte der noch Spikes bekommen.

 
Leser-Kommentare
  1. Schon interessant wieviel wir bereit sind für den Terrorschutz auszugeben (und zu ertragen) aber für soetwas normales wie Schnee fehlt plötzlich Geld und Geduld :-)

  2. Wer hätte das gedacht, dass der Winter kommt!!!
    LOL

  3. Ist doch logisch, mit "Terrorschutz" lässt sich viel Geld und öffentliche Aufmerksamkeit verdienen.
    Dagegen ist ist die Abwehr der Unbilden des Winters eine Sache die viel Geld kostet und das Ergebnis kann auch in der Realität überprüft werden.
    Und der leidtragende ist sowieso der "Normalmensch".

  4. Schon die deutsche Wehrmacht wurde im Dezember 41 vom russischen Winter überrascht! Das ganze hat also eine gewisse Tradition bei uns. Natürlich ohne Nazivergleiche ziehen zu wollen...

    10 Leser-Empfehlungen
  5. Feiner Kommentar, sehr pointiert.

    • qbrick
    • 22.12.2010 um 8:14 Uhr

    Es gibt unter den Online-Newsseiten ein Wettbewerb um die Zahl veröffentlichter Zeichen pro Minute. Da muß die Qualität zurüchstehen.

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Unangebracht ist sowohl die Hysterie, die uns aus den Zeitungen in den letzten Wochen ins Gesicht sprang als auch die Häme, die von diesem Artikel versprüht wird.

    Dass es im Winter zu Verzögerungen auf den Straßen kommt müsste jeder verstehen, der in der Früh mit dem Auto zur Arbeit fahren muss. Die Straßen sind eh schon an ihrer Kapazitätsgrenze. Bei drohender Glätte wird nun jeder, der noch alle Tassen im Schrank hat, ein wenig mehr Sicherheitsabstand halten. Und schon bricht der Verkehr zusammen. Daran könnte nicht einmal der beste Winterdienst was ändern.

    Plötzlich wird aber auch der Winter für eine sich abbremsende Konjunktur in einer anklagenden Weise beschuldigt, dass man sich fragt, ob denn nicht vielleicht doch bei dem ein oder anderen ein paar Tassen im Schrank fehlen.

    Ist es denn die dem Winter folgende Entschleunigung wirklich so schlimm, dass wir das beklagen müssen? Müssen wir über die Folgen davon wirklich spotten?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • keox
    • 22.12.2010 um 19:39 Uhr

    "Ist es denn die dem Winter folgende Entschleunigung wirklich so schlimm, dass wir das beklagen müssen? Müssen wir über die Folgen davon wirklich spotten?"

    in der BWL gibt es keine Jahreszeiten, da gibt es Quartale.

    Lieber Herr Heine. Wieso schreiben sie von Häme? Dieser Kommentar versprüht feine Ironie, der Eisregen des Humors sozusagen - bei ihrem Nachnamen sollten sie mit solchen Stilmitteln vertraut sein...

    • keox
    • 22.12.2010 um 19:39 Uhr

    "Ist es denn die dem Winter folgende Entschleunigung wirklich so schlimm, dass wir das beklagen müssen? Müssen wir über die Folgen davon wirklich spotten?"

    in der BWL gibt es keine Jahreszeiten, da gibt es Quartale.

    Lieber Herr Heine. Wieso schreiben sie von Häme? Dieser Kommentar versprüht feine Ironie, der Eisregen des Humors sozusagen - bei ihrem Nachnamen sollten sie mit solchen Stilmitteln vertraut sein...

    • Ploetz
    • 22.12.2010 um 8:27 Uhr

    Man stelle sich einmal vor, die Prioritäten etwa der Bahn, lägen kurz-, mittel- und langfristig darauf, ihre Transportaufgaben möglichst gut unter jederlei Bedingung zu erfüllen -
    natürlich würde dann direkt der Einwand kommen, dass dies zu viel Geld kosten würde (unmöglich ist es ja nicht unbedingt, wenn man vorausplant).
    Was also tun? Überall kostet die beste Erfüllung von Aufgaben mehr Geld, als verfügbar scheint.
    Womöglich gibt es ja eine Alternative in unserer Gesellschaftsstruktur...

    http://community.zeit.de/...

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Darum erhöht die Bahn doch jedes Jahr die Preise,
    damit sie auch unter wirdigen Wetterbedingungen mal rechtzeitig ans Ziel kommt!
    Aber nein, da fällt die Heizung aus, da ist dies hier das und dass alles wegen schlampiger Wartung. Dafür muüssen die Kunden nicht noch mehr Geld bezahlen, sondern statt den Vorstandsmitgliedern die Boni zuzustecken endlich einmal vernünftig ihre Arbeit erledigen!

    Nun ja, die Kosten, die man bei der Bahn einspart, fallen anderswo wieder an. Nämlich durch Verdienstausfälle, verzögerte Lieferungen, Unfallschäden etc. Volkswirtschaftlich gesehen ist es ziemlich teuer, beim Winterdienst zu sparen. Aber diese Kosten tragen ja nicht die Bahn und auch nicht Fraport, sondern die Unternehmen und Steuerzahler. Insofern für die Bahn eine gute Möglichkeit, andere für ihr Sparprogramm zahlen zu lassen.

    Darum erhöht die Bahn doch jedes Jahr die Preise,
    damit sie auch unter wirdigen Wetterbedingungen mal rechtzeitig ans Ziel kommt!
    Aber nein, da fällt die Heizung aus, da ist dies hier das und dass alles wegen schlampiger Wartung. Dafür muüssen die Kunden nicht noch mehr Geld bezahlen, sondern statt den Vorstandsmitgliedern die Boni zuzustecken endlich einmal vernünftig ihre Arbeit erledigen!

    Nun ja, die Kosten, die man bei der Bahn einspart, fallen anderswo wieder an. Nämlich durch Verdienstausfälle, verzögerte Lieferungen, Unfallschäden etc. Volkswirtschaftlich gesehen ist es ziemlich teuer, beim Winterdienst zu sparen. Aber diese Kosten tragen ja nicht die Bahn und auch nicht Fraport, sondern die Unternehmen und Steuerzahler. Insofern für die Bahn eine gute Möglichkeit, andere für ihr Sparprogramm zahlen zu lassen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service