Der spätmoderne Einzelne hat gelernt, im Sog des Unternehmerischen ein funktionstüchtiges Atom zu sein. Es galt, "Verantwortung" als Imperativ zum Selbstmanagement und nicht als teilnehmende Sorge um den anderen zu definieren, die Aufgabe hieß, sich permanent zu optimieren und ständig zu beweisen. So ist er weitgehend vereinsamt, ein Opfer undurchsichtiger Strategien oder von Prozessen, die sich verselbstständigt haben. Der Wert des Individuums ist durch seine Verwend- und Verwertbarkeit definiert, Erfolg bemisst sich in der Anhäufung von Geld und Gütern. So misstrauisch ist der unflexible Mensch mittlerweile geworden, dass er sogar in der Schenkung ausgewiesener Milliardäre an gemeinnützige Stiftungen keine philanthropische Geste mehr zu erkennen vermag, sondern selbst hier eine Agenda des Eigennutzes unterstellt. Superreiche, die schenken – sind das nicht die perfidesten Egoisten?

Nun aber, und echt plötzlich, weht ein anderer, wärmerer Wind. Gier hat sich diskreditiert. Das Streben nach Glück hat sich aus dem Korsett des angewandten Egoismus gelöst. Alle sozialromantischen Regungen der vergangenen Monate, die Bewegung bürgerschaftlicher Politisierung samt folkloristisch anmutenden Protesten gegen Großprojekte, Atomkraft und soziale Kälte, scheinen durchtönt zu sein von einem gänzlich anderen Leitmotiv: einem Generalbass des "Wir-Gefühls". Und auch die bestsellerverdächtigen Autoren des populären Sachbuchsegments haben erspürt, dass das radikale Ich angezählt und ein "Wir" zurück ist. Drei von ihnen, Werner Siefer, Stefan Klein und Richard David Precht, gehen in ihren neuen Büchern auf die Suche nach dem Verhältnis von Egoismus und Altruismus, nach der Bestimmung des Menschen als selbstloses Wir-Wesen im Spannungsfeld von Schnäppchenjagd und Manager-Boni.

Für einen Agendasetting betreibenden Buchautor ist es marktstrategisch pfiffig, in der Kniekehle der Kapitalismuskrise die Kehre zu vollziehen (Motto: barbarischer Egoismus im Exzess!) und den Menschen an sich gegen den Verdacht seiner Asozialität zu rehabilitieren. Die zu verhandelnde Frage ist ja – wie beim Glück, bei der Liebe, der Zeit und der Moral – stets die größte aller Fragen seit der Erschaffung der Welt aus dem Nichts: Was macht den Menschen zum Menschen? Im Falle des Dualismus von Altruismus versus Egoismus versteckt sich dahinter eine Variation des ewigen Widerstreits zweier Menschenbilder – zwischen jenem des Thomas Hobbes und jenem des Jean-Jacques Rousseau. Ist der Mensch, wie Hobbes postulierte, per natura ein egoistisches Individuum, weswegen der einzige Grund des Zusammenschlusses von Menschen der eigene Vorteil ist? Oder ist, im Gegenteil, wie Rousseau uns glauben machen wollte, der Mensch per natura von vornherein als prosoziales Wesen auf Kooperation und Hilfsbereitschaft angelegt, ehe es von der Gesellschaft verdorben wird?

Die erste gute Nachricht der Sachbuchautoren lautet: Der Mensch ist klasse. Der Homo sapiens ist in Ordnung so, wie er ist. Selbst Kriege sind positiv zu sehen, als Ausdruck von Kooperation. Oder kann irgendjemand alleine Krieg führen? Die zweite gute Nachricht ist: Die Autoren machen uns darauf aufmerksam, welch zutiefst soziale Wesen wir im Eigentlichen sind, höhere Primaten, die sich nach Zusammengehörigkeit sehnen und nur glücklich sind, wenn es auch andere sind.

Altruismus, Empathie und Kooperationsbereitschaft sind nun nichts Neues. Aus der Sozialphilosophie ist seit Langem zu wissen, dass der Einzelne im Angesicht des anderen mit dem Ziel sozialer Anerkennung handelt. Aus der jüdischen Philosophie Martin Bubers ist zu lernen, dass das Ich sich nicht ohne Du, nicht ohne das zwischenmenschliche Wir zum Ich konstituiert; und seit Arnold Gehlen wissen wir, dass der Mensch als Mängelwesen in seiner ganzen Instinktlosigkeit ein denkbar schlechter Wolf ist. Dennoch: Das Thema brennt. Die Epoche der Radikalindividualisten verblasst im Morgenrot einer neuen "Wir"-Wärme und der Aussicht aufs Volksglück durch die alten Werte der katholischen Soziallehre. Nicht rückhaltlose Bereicherung, bescheidet etwa Stefan Klein, sondern Vertrauen mache Gesellschaften wohlhabend.

Bücher können guttun, wie gut auch immer sie sind. Sie tun verängstigten, gestörten, erschöpften Subjekten gut, wenn sie ein existenzielles Unwohlsein aufgreifen und ungestellte Fragen beantworten. Eine der großen Sehnsüchte des Gegenwartsmenschen ist, so darf man schließen, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, nach Identität und letztlich innerem Wohlstand. Sie werden hier bedient. Und die bewährten Sachbuchjournalisten und Boulevardphilosophen haben nicht nur das gleiche Thema, sie gehen auch gleich vor: zitieren, erwartbarerweise, dieselben Entwicklungspsychologen, Anthropologen, Hirnforscher und Spieltheoretiker, gehen einen ähnlichen Argumentationsweg, brauchen 289 Seiten (Siefer), 335 Seiten (Klein) und 544 Seiten (Precht) für die gleichen Behauptungen; sie alle arbeiten in überschaubaren, artikelartigen Passagen zwischen eineinhalb bis drei Buchseiten (Siefer und Klein) oder längeren, aber nicht zu langen Unterkapiteln (Precht). Sie alle tragen die gleichen Fakten und Studienergebnisse zusammen und schreiben im Wir-Modus direkt oder indirekt über Wir-Bewusstsein, Wir-Intentionalität, Wir-Gefühl, über Kooperation als Grundbedingung des Menschen, über Reziprozität, Verzicht und die Vorzüge des Schenkens, Gebens, Teilens.

Selten werden dabei Kategorien ausdifferenziert und Schlüsse abgeleitet; um stringente Gedankensynthese geht es erst einmal nicht. Anekdoten, portionsweise Geschichtchen, Fallbeispiele und Nacherzählungen experimenteller Versuchsanordnungen amalgamieren sich zu einer meist süffig lesbaren Collage, nach deren Lektüre jeder vernünftige Mensch sein kleines Heureka hat: Aha, soso! In Tischgesprächen und bei Geburtstagsfeiern lässt sich die eine oder andere Erkenntnis bestens zitieren: Wer freiwillig etwas für andere tut, verschafft sich nicht nur für den Moment gute Gefühle, er steigert auch langfristig seine Lebenszufriedenheit (Klein); der Anblick von Geld verleitet Menschen dazu, sich abzukapseln und selbstbezogener zu handeln (Siefer); weil sich der knallharte Egoismus meistens nicht lohnt, sind die Menschen lieber freundlich und kooperativ (Precht). Kurzum: Die Zukunft gehört den Altruisten! Sie seien gesünder und lebten länger, solange sie die Selbstlosigkeit nicht bis zur Selbstaufgabe trieben. So weit, so gut. So einfach aber, darf man einwenden, ist es nun auch nicht.