Anna B. sitzt im Gotthardloch, vor sich eine Tasse Kaffee, der längst kalt ist, Annely wartet auf eine Kollegin, der Kaffee ist zwar kalt, aber wenn die Kollegin dann kommt, hat Annely noch etwas zu trinken, denn Geld für einen zweiten Kaffee hat sie nicht, 19. November 1950, es ist Nachmittag, vielleicht drei Uhr.

Und die Serviertochter bringt einen zweiten Kaffee.

Annely erschrickt.

Von dem Herrn dort drüben, sagt die Serviertochter.

Annely dreht sich zum Tisch an der Wand, sie sieht zwei Männer und denkt, hoffentlich nicht vom Kleinen.

Sie lächelt und nickt.

Wenn Sie sich zu uns setzen, Fräulein, sind Sie weniger allein, sagt der Große.

Annely setzt sich an den Tisch der Fremden, er heiße Alois, sagt der Große, und Annely möchte lachen, schon wieder so ein Alois.

Sie sei Köchin in der Villa Toscana, Obergrundstraße 101, sagt Annely, aber eigentlich sei sie von Hägglingen im Aargau, seit zwei Wochen erst hier in Luzern.

Hägglingen?, fragt der Kleine.

Und ich bin Laufbursche für alles bei der Weber AG in Emmenbrücke, Elektrotechnik, sagt Alois.

Die grünen Augen, die der hat. So viele Haare. Aber ansonsten: ganz nett.

Alois bringt Annely durch den Nebel zur Villa Toscana, wir könnten ja vielleicht, sagt er, irgendwann ins Kino gehen.

Könnten wir, sagt Annely.

Wie alt bist du eigentlich?

Zwanzig.

Genau wie ich, sagt Alois.

Er wohne draußen in Littau, noch bei den Eltern.

Meine erste Schulreise habe ich in der sechsten Klasse gemacht, nach Luzern und dann aufs Rütli, redet Annely, alle Schulreisen zuvor kosteten zwei Franken, zu teuer für uns. Und am Abend nach meiner ersten Reise sagte ich zur Mutter: Noch nie habe ich etwas Schöneres gesehen als diese Stadt Luzern. Dort will ich einst leben.

Deswegen bist du hier?, fragt Alois.

Annely steigt hinauf in ihre Kammer unter dem Dach und muss lachen, schon wieder so ein Alois, zwei Aloise hat Annely schon geküsst, flüchtig zwar und aus Neugier, den Nachbarsknecht in Hägglingen, einen Arbeiter bei der Bahn.

Tage später verlassen Annely B. und Alois E. das Kino, sie gehen durch die Stadt, sie reden, sie schweigen, berühren sich nicht, Alois, plötzlich und schnell, drückt seine Lippen auf ihre und rennt davon.

Annelys Herrschaft schickt ihre Köchin, weil sie nur kocht, was man in Hägglingen kocht, zur Lehre ins Hotel Montana, Annely lernt, wie man Spargel schält und Kaviar auftischt, Rehrücken, Lachs.

Nachts sitzt Annely unter dem Dach, eine Nadel in der Hand, einen Faden, und stickt die Initialen ihres Namens, A und B, in weiße Bettwäsche, die Aussteuer für ein Leben zu zweit.

Eigentlich ist dieser Alois mehr als nett.

Sogar sympathisch.

Mehr als das.

Annely wagt es nicht, Alois in ihr Zimmer einzuladen, Alois wagt es nicht, Annely mit nach Hause zu nehmen. Wieder gehen sie ins Kino und streunen durch kalte Straßen, Annely zieht sein Gesicht vor ihres und drängt Alois die Zunge in den Mund, Alois, hat Annely das Gefühl, weiß nicht, wie ihm geschieht.

Ich liebe dich.

Ich dich auch.

An Weihnachten 1950 reist Annely nach Hägglingen, im Zug, dann im Bus, dann zu Fuß, eine Tagesreise, der Vater ist Schlosser bei Brown Boveri in Baden und fährt jeden Morgen auf dem Rad zur Arbeit, eine gute Stunde weit, abends zurück, anderthalb Stunden. Als Annely gesteht, sie habe einen Bekannten, einen Schatz, fragt er: Was kann der?

 

Jede Nacht steht Annely, die Witwe, auf dem Balkon, schaut zum Himmel und bespricht mit ihrem Alois, was sie bewegt © Andri Pol

Metzger wäre er gern geworden, doch das Geld dazu habe nicht gereicht, nun arbeite Alois in der Spedition der Weber AG, sagt Annely, und der Vater nickt.

Alois, 17. Januar 1951, schreibt an Annely, er liege krank im Bett und könne sie heute nicht, wie abgemacht, treffen. Ich muss nur aufpassen, dass es der Mutter nicht gelingt, den Doktor zu holen. Sie meint, ich hätte eine Lungenentzündung. Es grüßt u. küsst Dich innigst Dein Dich ewig liebender Alois.

Annely und Alois reisen nach Hägglingen, sie stellt ihn den Eltern und Geschwistern vor, der Vater schweigt und nickt. Tage später, im Bodenhof in Littau, zeigt Alois Annely seinen Eltern und seinen fünf Geschwistern, Vinzenz, Margrit, Josef, Lini, Cilly, der Vater, Arbeiter in der Kunstgarnfabrik von Emmenbrücke, sagt: Eine gute Köchin im Haus vertreibt Hunger und Zank, was willst mehr?

Wie manchmal schrieb ich Dir doch schon einen Brief und zerriss ihn wieder, weil er mich zu wenig lieb dünkte für Dich. Bei Dir fand ich mein eigenes Ich. Jetzt wächst meine Liebe zu Dir noch schneller. Wenn sie mir nur nicht die Brust zersprengt. Herzlich küsst Dich Dein Dich liebender Alois. P.S. Ich musste mich fest zusammennehmen, dass ich diesen Brief nicht auch wieder zerriss. Es küsst Dich nochmals innigst Dein Alois.

Annely antwortet am gleichen Tag, 8. Februar 1951: O Alois, wenn ich jetzt bei Dir sein dürfte. Das ganze Zimmer ist erfüllt von Dir. Du bist hier, auch wenn du fort bist.

Annely nummeriert Alois’ Briefe.

Seinen Arm um ihre Hüfte, erwandern sie die Stadt, füttern Enten und Schwäne an Fluss und See, Annely lehrt Alois das Tanzen, Frühling 1951.

Und Alois schreibt: Liebstes Fraueli! Wie geht es Deinem zarten Brüstchen? Ja, jetzt sollte man wieder beieinander sein können ... die Erde versinkt. Aber eben, Du musst noch allein sein u. ich auch. Warum?

Beim Juwelier Kurz kaufen sie Ringe, Annely bezahlt seinen, Alois ihren.

Ein Schüfeli, Schweineschulter, dampft endlich auf dem Tisch, Sauerkraut und Salzkartoffeln, es ist Weihnachten 1951, Hägglingen liegt unter Schnee, Annelys Eltern sitzen am Tisch und fünf Geschwister, Clärly, Hans, Willy, Anita, Brigitte, und plötzlich ist es still im niedrigen Raum, Alois steckt Annely den Ring an, und Annely steckt Alois den Ring an, jemand klatscht, man holt in der Küche den Kuchen und trinkt dünnen Kaffee.

Annelys Schwester kichert: Jetzt gebt euch endlich einen Schmatz.

So geht das nicht!, schreit der Vater am nächsten Morgen.

Was ist passiert?, fragt Annelys Mutter.

Der Alois hat beim Annely drin geschlafen.

Beruhig dich doch, sagt die Mutter.

Die sind noch nicht verheiratet, lärmt der Vater.

Der Alois ist nicht so einer, sagt die Mutter.

Der kam jetzt eben aus Annelys Zimmer.

Er hat sie doch nur geweckt.

Nur geweckt!, schreit der Vater.

Der Alois, sagt die Mutter, schlief hier nebenan, mausallein, und half mir heute Morgen in der Küche, bis ich ihn bat, Annely zu wecken.

Es wird Sommer, Annely und Alois, beide zweiundzwanzig, reisen auf Fahrrädern an den Walensee, drei Tage Urlaub Anfang Juni 1952, schnaufend queren sie den Kerenzerberg, es regnet, es ist heiß, am Abend erreichen sie Mels, das Gasthaus Schäfli, Charlottengasse 1, und Alois schreibt ihre Namen ins Gästebuch, Herr und Frau Alois und Anna E.-B. aus Littau LU.

Irgendwann liegen sie auf dem breiten, breiten Bett und möchten nicht enttäuschen, Annely ihren Alois nicht, Alois nicht seine Annely.

Es kann, flüstert Annely, kein Zufall sein, dass ich damals im Gotthardloch saß, am 19. November 1950 um drei Uhr nachmittags, und auf die Kollegin wartete.

Und Alois sagt: Wäre die gekommen, wären wir jetzt nicht hier.

Kein Zufall, weint Annely in Alois’ Armen.

Mein inniggeliebter Alois! Nun geht es Gott sei Dank nur noch zwei Tage, und dann bist du wieder hier, schreibt Annely am 7. Oktober 1952 per Feldpost, Alois ist Füsilier im Wiederholungskurs, Kompanie I/41.

Wann heiraten wir?

Am Lindenfeldring 6 finden sie eine Wohnung, dreieinhalb Zimmer. Annely kündigt den Sparvertrag, den sie vor Jahren mit Möbel Pfister schloss, und kauft zwei Betten, einen Schrank, einen Tisch, Stühle.

Annely und Alois, beide katholisch, bestehen beim Pfarrer von Reussbühl den Ehevorbereitungskurs, Annely hat das Gefühl, der Pfarrer, während der redet, betrachte ständig ihren Bauch, er spricht vom allerheiligsten Sakrament der Ehe, von Gott, der allein berechtigt sei, den Ehebund zu lösen, er sagt: Jaja, meine Lieben, bis die Wiege eines Kindes gezimmert ist, dauert es neun Monate, und dauert es weniger, stimmt in der Ehe von Anfang an wenig.

Am Samstagmorgen, 28. März 1953, steht Annelys Vater am Bahnhof von Emmenbrücke, in der einen Hand eine Torte, in der anderen ein totes Kaninchen. Annely und Alois begleiten den Vater zu Alois’ Eltern nach Littau, dann bestellen sie ein Taxi, zum ersten Mal in ihrem Leben sitzt Annely in einem Taxi, die Fahrt zum Standesamt, die Väter als Zeugen. Im Taxi reisen sie zurück, man isst Kartoffelbrei und Kaninchen, feiert mit Torte und dünnem Kaffee. Am Nachmittag setzen sich Annely und Alois vor den Apparat eines Fotografen, Baselstraße, Luzern, beide in schwarz, an Annelys Brust stecken ihre liebsten Blumen, Maiglöckchen, auf ihrem Kopf hat sie ein kleines weißes Hütchen, darauf ein Täubchen, noch nie hat Annely einen Hut getragen. Und Alois posiert mit Krawatte, auf der Stirn eine hohe Tolle.

Noch seid ihr vor Gott kein Paar, knurrt der Vater.

Und also reisen Annely, Ehefrau des Alois E., und ihr strenger Vater nach Hägglingen, zuerst im Zug, dann im Bus, dann zu Fuß. Diese Woche wird ewig lang, denkt Annely und könnte weinen.

 

Sie rennt zum Nachbarn, der ein Telefon hat, will Alois’ Stimme hören.

Ach Annely.

Am Ostermontag endlich, 6. April 1953, wartet Annely vor der Klosterkirche Wesemlin hoch über Luzern, ein Kapuziner steht dort und sechs andere Paare – und Alois, begleitet von seiner Mutter und seiner jüngsten Schwester. Jetzt ruft der Kapuziner zur Hochzeit und spricht von Glück, von Liebe, Verantwortung, willst du, Alois E.?, willst du, Anna B.?, was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.

Dann wandern sie hinunter in die Stadt, Annely und Alois, ganz in Schwarz, nehmen das Schiff nach Vitznau, essen im Hotel Kreuz, Suppe, Schnitzel, Schwarzwurzel, Annely und Alois, Wolken über dem Vierwaldstättersee.

Nass bis auf die Haut, erreichen sie am Abend ihre Wohnung am Lindenfeldring 6, Emmenbrücke.

Mann und Frau, lacht Alois.

Ich möchte, dass du mir etwas versprichst.

Was?

Dass wir, solange wir leben, nie einschlafen ohne Kuss.

Sie fahren ins Tessin, Dienstag bis Freitag, die Hochzeitsreise nach Lugano, im ersten Hotel, das sie sehen, nur Minuten neben dem Bahnhof, nehmen Annely und Alois ein Zimmer, Hotel Lucerna, es regnet und regnet. Am letzten Tag, mit ihrem letzten Geld, kaufen sie am Straßenrand ein Bild, darauf eine Gasse von Gandria, Öl, 128 Franken.

Das kommt ins Schlafzimmer, sagt Annely.

Sie leistet Heimarbeit, steckt für die Weber AG elektrische Sicherungen zusammen, wartet auf Alois, wartet und kocht für ihn.

Annely ist schwanger.

Wie ich mich auf das Kind freue, sagt Alois.

Ob es reicht?, fragt Annely.

Ob was reicht?

Das Geld.

Ach Annely, sagt Alois.

Alois reist nach Hägglingen und bittet Annelys Vater, Götti des Kindes zu werden, Taufpate.

Wann soll das kommen?, fragt der Vater.

Im Januar.

Geheiratet habt ihr im April, knurrt der Vater und zählt an den Fingern neun Monate ab, Januar, Dezember, November, Oktober, September, dann sagt er: Wenn’s im Januar kommt, dann mach ich den Götti.

Manchmal, allein am Lindenfeldring, betet Annely, der Herrgott möchte es lenken, dass ihr Kind, wie der Arzt meint, tatsächlich erst im neuen Jahr zur Welt komme, 1954, diese Schande, im Jahr der Hochzeit auch ein Kind zu gebären. Annely betet, Gott möchte es richten, dass ihr Kind nicht grüne Augen habe. Wenn Annely an Alois etwas nicht mag, dann seine grünen Augen.

Bevor er am frühen Morgen zur Arbeit geht, kauft Alois frisches Brot und legt es in Annelys Teller.

Annely schickt Alois, als er im Militär ist, ein Paket, darin ein langer Brief und Chräbeli, Gebäck aus Anis, so trocken und hart, dass es in der Füsilierhose nicht zerfällt.

Annely näht Windeln, verkauft ihre Handorgel, die sie einst spielte, und kauft mit dem Geld, 160 Franken, einen Kinderwagen.

Das Kind hat blaue Augen, ein Mädchen, 3. Januar 1954, Klinik St. Anna, und Alois, in der Weber AG auch für die Heizung zuständig, verschläft im Rausch.

Alois schaut Annely beim Stillen zu.

Neidisch?, fragt Annely.

Im Sommer reist sie zu den Eltern, die Tochter in einem Korb, Annely fragt ihre Mutter, wie man es anstelle, nicht mehr schwanger zu werden.

Liebe Annely, flüstert die Mutter, das weiß ich nicht, jedes Mal hatte ich diese Angst, wenn dein Vater zu mir kam.

Ein Jahr später, Juli 1955, steigen Annely und Alois, ihr Kind in Hägglingen, in den berühmten Adriaexpress, Abfahrt in Luzern um 22 Uhr 10, Annely schläft wenig, das Meer, das Meer, noch ist sie nie am Meer gewesen, Annely schweigt, als endlich das Meer vor ihr liegt, Cattolica, dann weint sie und lacht und schluchzt, das Meer.

Du musst zum Arzt, sagt Annely.

Alois schmerzt der Bauch.

Das geht vorbei, sagt Alois.

Alois erbricht Blut.

Annely zündet Kerzen an, als sie Alois operieren, Kantonsspital Luzern, und die Hälfte seines Magens wegschneiden, Sommer 1956.

Alois!

Kaum entlassen, steht er auf der Rampe der Weber AG, er soll nichts heben und hilft den Chauffeuren beim Laden, die Narbe reißt auf, Alois wieder im Spital, Annely, die selten zur Kirche geht, betet. Versprich mir, Alois, dass du das nie mehr machst.

Alois, wieder auf der Rampe, kann nicht zusehen, wenn jemand Hilfe braucht, die Narbe reißt auf.

So geht das nicht weiter, schreit Annely.

Am 24. Juni 1957 gebärt Annely einen Sohn, grüne Augen, es stört sie nicht.

Ob es reicht?, fragt Annely.

Ob was reicht?

 

Alois spendet Blut, dreimal, viermal im Jahr, A Rh+, und bekommt für jede Spende zwanzig Franken. Die Fabrik überlässt ihm eine Wiese, Alois baut eine Hütte, er gräbt einen Weiher, er züchtet Kaninchen, Meerschweinchen, er hält Enten, Tauben, schlachtet am Samstag zehn Kaninchen und verkauft ihr Fleisch. Und als Alois, weil die Narbe zum dritten Mal riss, im Spital ist, zieht Annely den Tieren das Fell ab, weidet sie aus und erlässt, ganz anders als Alois, keinem Käufer nur einen Fünfer.

Alois, schimpft Annely, der und der schuldet dir Geld, wann treibst du es ein?

Ach Annely, sagt Alois.

Wir brauchen Geld, sagt Annely.

Ach Annely, sagt Alois und nimmt sie in den Arm, du bist doch sonst so eine Liebe.

Alois, bei der Weber AG seit er fünfzehn ist, zuerst Laufbursche, dann Packer, wird mit 44 Chef der Spedition und bekommt mehr Lohn. Er kauft zwei Mandarinenten, zwei Fasane, zwei Schafe, Alois kennt alle Vögel, ihre Stimmen, ihr Gefieder, Alois steht oft im Wald am Adligenweiher, schaut ins Wasser und schweigt vor Glück.

Sie bringen ihre Kinder nach Hägglingen und fahren auf Rädern in den Schwarzwald, ins Tessin, nach Genua, Annely und Alois, schnaufend queren sie den Gotthardpass, schlafen in verlassenen Ställen und wandern über den Markt von Stresa, Annely fotografiert Alois, Alois seine Annely. Die Tochter beginnt eine kaufmännische Lehre, der Sohn eine feinmechanische, Annely freut sich, dass die Kinder bald ausziehen, Rüeggisingerstraße 83, erster Stock links, vier Zimmer: Mit Alois allein ist alles schöner.

Zum Geburtstag, vielleicht seinem vierzigsten, 1970, schenkt Annely ihrem Alois eine kleine, schmale Agenda, auf die letzte Seite schreibt sie: Weißt du noch, wie unsere Liebe begann? Bei mir war es sicher nicht Liebe auf den ersten Blick wie in diesen Romanen. Dafür wurde aus dem kleinen Flämmchen Liebe, eine große, immer brennende Flamme. Mein größter Wunsch ist, dass unsere Liebe immer so bleibt, bis der Tod uns zwei trennt, deine Annely.

Eines Nachts beißt ein Marder dreiunddreißig Meerschweinchen tot. Alois, Tränen in den Augen, lauert ihm auf, drei Tage lang, und erschießt dann das Tier, lässt es ausstopfen und stellt es auf die neue Wohnwand in der Stube, wo die Bücher sind, die Annely so gern liest, Hunde wollt ihr ewig leben?, Wenn wir alle Engel wären, Die feuerrote Baronessa, Tagebuch eines Frauenarztes.

Wie schön, dass man nicht mehr jeden Rappen umdrehen muss, sagt Annely.

Sie kaufen einen Fernseher, Alois, fast fünfzig, lernt das Autofahren, sie reisen hinaus ins Deutsche, Waldshut, und füllen, eine Liste in Annelys Hand, den roten Fiat 131 mit Butter, Mehl, Öl, Fleisch.

Dann, am 15. März 1975, einem kühlen Samstag, steigen Annely und Alois ins Flugzeug, VS419 nach Gran Canaria, eine Woche Playa del Inglés, Vollpension, und der Sand ist heiß und weiß, dieser Sand, diese Dünen, stundenlang liegt Annely im Meer, Alois unter Palmen, Hand in Hand wandern sie die Küste ab, Annely und Alois, Annely sammelt Muscheln, Annely fotografiert Alois, Alois seine Annely, sie füllt Alben mit Tickets und Fotos, Baggage Identification Tag 278040, Baggage Identification Tag 377309, Daheim schneit es, und hier blühen alle Blumen, reichhaltiges Büffet im Garten, herrlicher Strand, Alois liebt Tomatensalat.

Das war, sagt Annely, als sie wieder im Flugzeug sitzen, vielleicht die schönste Woche meines Lebens.

Darmdurchbruch, Alois im Kantonsspital, Herzstillstand, Wiederbelebung. Sieben Wochen lang pflegt Annely Alois zu Hause, Rüeggisingerstraße 83, Annely bestellt aus dem Katalog von Charles Veillon einen Trainingsanzug der Marke adidas, dunkelblau und teuer.

Ich glaube, sagt sie eines Abends, ich möchte ohne dich nicht leben, auch wenn ich es könnte.

Noch musst du mit mir, lacht Alois.

Sie fliegen wieder, Playa del Inglés, dann Maspalomas, Jahr für Jahr.

Sechs Mal werden sie Großmutter, Großvater, Alois geht in Rente, 7. Oktober 1993, dreiundsechzigjährig. Manchmal fahren sie hinaus ins Deutsche und füllen den neuen Toyota mit Butter, Mehl, Milch, Zucker, Salz, Öl, Fleisch – viel Fleisch, weil Alois Fleisch so sehr liebt, Würste, Braten, Koteletts – mit Reis, Nudeln, Wein im Karton, am liebsten Jumilla.

Jeden Morgen holt Alois frisches Brot und wartet, bis Annely aufsteht. Jeden Abend, zur Tagesschau, essen sie zwei Äpfel, Annely mag zwar keine Äpfel, und doch isst sie einen, damit Alois, seinen Apfel in der Hand, nicht so einsam Apfel essen muss abends um halb acht.

Im Herbst 1995, fünfundsechzigjährig, setzen sie sich an den Tisch im Wohnzimmer, beide mit Papier und Stift, und schreiben auf, wer einst, wenn es so weit ist, an ihrem Grab stehen soll, einem Gemeinschaftsgrab ohne Namen, und wer dann zum Essen geladen ist und was es zu essen geben wird beim Leichenschmaus, Rahmschnitzel, Salat und – sowohl als auch – Pommes frites und Nudeln, weil Annely Pommes frites den Nudeln vorzieht, aber Alois Nudeln den Pommes frites.

Zweimal im Jahr fliegen sie nun auf ihre Insel, im November und im Februar, zweimal sechs Wochen in Maspalomas, und leben im immer gleichen Häuschen Nummer 3 in der Anlage Las Vegas, wandern jeden Morgen am Strand, fast zwanzig Kilometer weit. Nachmittags legt Alois sich unter Palmen und schaut den Papageien zu, die lange grüne Schwänze haben, den Wiedehopfen, die sich furchtlos neben ihn setzen und Datteln aus dem Sand picken. Reisen Annely und Alois zurück in die Schweiz, stopfen sie ihre Kleider in zwei Koffer und stellen sie, bis sie bald wiederkommen, im Hotel ein.

Dreiundvierzig Jahre lang leben sie jetzt an der Rüeggisingerstraße, keine Sicht mehr auf die Berge, nur noch Wände und Lärm, und Alois sagt zu Annely, eigentlich hätten sie Besseres verdient.

 

Am 8. November 2001 ziehen sie an die Schützenmattstraße 8, vor ihnen die Geleise der Bahn, Fabriken, dahinter Wald, der hohe Berg Pilatus, Himmel.

So schön, sagt Annely, hatten wir es noch nie im Leben.

Dann könnten wir ja nur noch zu Hause bleiben, sagt Alois.

Nein!, schreit Annely.

War ein Scherz, lacht Alois.

Maspalomas, Las Vegas, Bungalow 3, November 2002, Annely wundert sich, dass Alois kein Fleisch mehr isst.

Nur Eis und Suppe, sagt sie, seltsam.

Ja, sagt Alois.

Alois will nicht mit auf die Morgenwanderung.

Was ist nur los mit dir?

Müde bin ich, sonst nichts.

Alois isst kaum noch, er verliert fast zwanzig Kilo an Gewicht.

Du musst zum Arzt, sagt Annely.

Wenn wir zu Hause sind.

Zu Hause ist Weihnachten, Alois sitzt in seinem lila Sessel und singt die Lieder nicht, die er einst am lautesten sang.

Der Arzt sagt, er könne nichts feststellen, und schickt Alois zu einem Kollegen, dreimal befehlen sie Alois in den Tomografen des Kantonsspitals, dreimal die Auskunft, man könne nichts sehen, ihm fehle, so weit sichtbar, nichts.

Mir fehlt nichts, sagt Alois, das Blutbild stimmt, ich bin einfach nur müde. Das geht vorbei.

Und Annely weiß, das geht nicht vorbei.

Abends sitzen sie vor dem Fernseher, die Tagesschau, Alois isst keinen Apfel, er sagt: Annely, es macht dir doch nicht aus, wenn ich jetzt ins Bett gehe.

Dann wankt er hinüber ins Schlafzimmer, legt sich hin und schläft schnell ein.

Gran Canaria, zum dreiunddreißigsten Mal, ist schon gebucht, Ende Februar 2003.

So können wir nicht fliegen, sagt Annely.

Mir fehlt ja nichts, sagt Alois.

Ich sehe doch, wie viel dir fehlt.

Lass uns fliegen, Annely, dort wird alles besser, alles leichter.

Alois liegt unter Palmen, matt und dünn, und schaut den Wiedehopfen zu, die sich neben ihn setzen.

Annely setzt sich ins Meer und weint.

In seiner Hose findet sie eine Schachtel Melabon, Schmerztabletten, sie schmeißt sie in den Müll, der Alois soll sich damit nicht noch mehr kaputt machen.

Und Alois fragt nicht, wo die Tabletten sind.

6. April 2003, Tag der Goldenen Hochzeit, fünfzig Jahre Anna und Alois E.-B., Alois bestellt Blumen im Ort, er wartet und wartet, man liefert die Blumen am Abend erst, Alois zittert vor Wut.

Als sie, alle Koffer dabei, wieder im Flugzeug sitzen, weiß Alois nicht, wohin mit den Füßen, mit den Beinen, alles schmerzt, es ist Palmsonntag, 14. April 2003. Annely hält Alois’ Hand, sie sitzt am Fenster, dreht sich weg und schaut hinab auf Gran Canaria, wieso, denkt sie, habe ich ihn bloß um seine Tabletten gebracht.

Der Arzt sagt: Sofort ins Spital.

Das geht nicht, sagt Alois, am Sonntag haben wir Fest mit der Verwandtschaft, Goldene Hochzeit.

Alois schläft nun in Annelys Bett, näher bei der Tür.

Über dem Bett ein Bild in Öl, Gasse von Gandria, gekauft mit dem letzten Geld am letzten Tag der Hochzeitsreise vor fünfzig Jahren, 128 Franken.

Am Ostermorgen, 20. April 2003, zieht Annely Alois eine schöne Hose an, die Hose schlottert, und Alois, vom Stehen erschöpft, legt sich hin und schlummert weg, bis der Sohn kommt, man fährt hinauf zur Klosterkirche Wesemlin, Alois reicht der Tochter die Hand, den Enkeln, der Schwester, der Schwägerin, den Nichten, Neffen, er setzt sich in die erste Bank und lächelt, Maiglöckchen für sie, Stiefmütterchen für ihn, Annely neben Alois.

Weißt du noch, Annely?, flüstert Alois.

Ein Kapuziner lobt die Liebe, die alles überdauere, er erfleht den Segen des Allmächtigen, dann sammelt Alois die Blumen und wankt zum Auto des Sohnes, man fährt hinunter ans Ufer der Reuss, dreißig Menschen, und setzt sich in die Pizzeria Da Salvatore, Goldene Hochzeit, Alois isst einen ganzen Teller Spaghetti leer.

Mir fehlt ja nichts!

Eintritt ins Kantonsspital Luzern am Dienstag, 22. April 2003, Medizinische Klinik, UElektrophorese, S-Elektrophorese, Blutgasanalyse, Ruhe-EKG, Transthorakale Farbdopplerechokardiografie, Skelettröntgen, augenärztliches Konsilium, zweimal täglich fährt Annely auf ihrem Rad zu Alois und setzt sich an sein Bett.

Alles wird gut, sagt Alois.

Annely schweigt.

Irgendwann bittet ein Professor Annely und Alois in sein Büro, endlich habe man entdeckt, woran Alois leide, seine Krankheit sei sehr selten, ein Plasmozytom, nur drei von hunderttausend Menschen seien davon betroffen.

Was ist das?

 

Knochenmarkkrebs.

Man werde, sagt der Professor, das Menschenmögliche einleiten, zuerst eine Dialyse, Blutwäsche, zumal bereits eine Niere versagt habe, man werde Alois’ Grundleiden, das Plasmozytom, therapieren, allenfalls per Chemotherapie, auch eine medikamentöse Kaliumsenkung werde man vornehmen und die Azidose angehen, die Übersäuerung, auch die Hypothyreose, Schilddrüsenunterfunktion, große Schmerzen seien nicht zu erwarten.

Auf dem Heimweg zündet Annely in der Marienkirche eine Kerze an.

Und wieder fährt sie hinauf zum Kantonsspital, setzt sich an Alois’ Bett und hält seine Hand, 5. Mai 2003, und Alois, bleich und schmal, fragt leise: Annely, darf ich nach Hause kommen?

Komm, Alois.

Herr E., dann leben Sie noch zehn Tage, sagt der Professor.

Ich muss aufräumen, das Nachttischchen zum Beispiel, sagt Alois.

Sie könnten ersticken, sagt der Professor.

Ich will nach Hause.

Frau E., Sie wissen nicht, was auf Sie zukommt!

Bevor Alois im Auto seines Sohns nach Hause reist, am Vormittag des 7. Mai 2003, ruft er Annely an und bittet sie, eine Pizza zu bestellen, ohne Fleisch, ohne Fleisch, dann kauft er am Spitalkiosk eine Tafel Schokolade, Tobler O Rum, die Annely so sehr liebt, und drei Zeitschriften, Frau mit Herz, Glückspost.

Alois lässt keinen Krümel übrig.

Jumilla aus dem Karton.

Er räumt das Nachttischchen auf, belässt nur, was nützlich oder amtlich ist, das Militärdienstbuch, das Zivilschutzdienstbuch, das Feuerwehrdienstbuch, den Fahrausweis, den Blutspenderausweis, Das kleine Volksmessebuch für die Sonn- und Feiertage, Andenken an die Schulentlassung in Littau, 25.3.1945, die Identitätskarte, E. Alois, Größe: 176 cm, Augen: grün, Haare: braun, den Revolver, den Kaninchentöter, Modell Rekord, Nr. 5862, Kaliber 6 Millimeter.

Der Sohn kommt zu Besuch, die Tochter, die Enkel, die Schwägerin, Alois, weiß und dürr, sitzt auf dem lila Sofa, ihm sei pudelwohl, Annely trägt Lachs auf.

Alois bittet den Sohn, das Auto zu verkaufen.

Abends blättern Annely und Alois durch Alben, daheim schneit es, und hier blühen alle Blumen, Alois liebt Tomatensalat.

Hast du Angst?, fragt sie leise.

Ach Annely, sagt Alois und schweigt.

Alois Beine schwellen auf, jeden Tag mehr.

Nun liegt er meist in ihrem Bett, näher zur Tür, und schläft.

Sag mir, was dir guttut.

Sag mir, was du essen willst?

Manchmal wagt er sich auf den Balkon und schaut zum Himmel.

Am 13. Mai 2003 steht Alois nicht mehr auf, er lallt, Annely versteht ihn kaum, sie holt eine Vase, Alois pisst hinein.

Möchtest du, dass ich einen Pfarrer rufe?

Wozu?, fragt Alois.

Schließlich Pampers.

Nachts liegt Annely neben Alois, beide dreiundsiebzig, sie stark und braun, er schmal und gelb, sie weint, will nicht schlafen, um bei Alois zu sein, wenn er geht.

Annely, was hast du?, fragt er.

Schlecht geträumt, lügt Annely.

Er sagt, er habe Durst, sie holt Wasser, reicht ihm, wie der Arzt es empfahl, nur Löffel nach Löffel, damit er sich nicht verschluckt.

Durst, lallt Alois, Durst, und tastet zitternd nach dem Wasserglas, das Annely ihm wieder entzieht.

Lieber Gott, lass meinen Alois endlich gehen.

Alois sagt, vergangene Nacht habe er gehen wollen, aber den Weg nicht gefunden.

Geh nur, sagt Annely, unsere Eltern werden dir den Weg schon zeigen.

Eines Nachts um zwei, mit lauter Stimme, fragt Alois plötzlich: Wann gibt es Frühstück?

Annely eilt in die Küche, holt Brot aus Sauerteig, sein liebstes Brot, und füttert Alois mit kleinen Stücken, den weichsten Teilen.

Hat dieses Brot denn gar keine Kruste?, fragt Alois.

Am nächsten Morgen, gestützt von Annely und ihrem Sohn, schleppt er sich ein letztes Mal ins Wohnzimmer, zehn Schritte weit, Schützenmattstraße 8, Alois schaut die Möbel an, das lila Sofa, die Wohnwand, darauf der Marder, der ihm dreiunddreißig Meerschweinchen nahm, der Goldfasan Hansi, das treueste Tier, das er je besaß, der Eichelhäher, die Zinnbecher, Annelys Bücher, Die feuerrote Baronessa, Der König der Bernina, und haucht: So eine schöne Stube.

 

Sie legen Alois in Annelys Bett, er schläft und schlummert, Annely streichelt sein Gesicht, sie laufe nun, sagt sie, schnell hinüber zur Marienkirche und zünde dort eine Kerze an, doch wenn er gehen wolle, während sie weg sei, dann möge er ruhig gehen.

Heute, spricht Alois, will ich ein Kotelett!

Die letzten Worte.

Am 19. Mai 2003, nachts um elf, ringt Alois um Luft, er öffnet die Augen, schließt sie langsam. Annely schiebt Alois das Gebiss in den Mund, bindet das Kinn hoch, zieht ihm den Ring vom Finger.

Dann ruft sie den Arzt und wartet.

Sie wartet und weiß nicht, was sie jetzt denken soll.

Gegen zwei Uhr in der Nacht tragen sie ihn, den blauen Trainingsanzug am Leib, Marke adidas, aus dem Haus, Annely legt sich in ihr Bett, noch warm von ihm.

In seinem Nachttischchen findet sie die kleine, dünne Agenda, die sie ihm vor Jahrzehnten zum Geburtstag schenkte, darin, über die Monate verteilt, Zwanzigfrankenscheine, das letzte Hasengeld, festgemacht mit selbstklebenden Zettelchen, Annely, du warst das Beste in meinem Leben, Annely, ich danke Dir für alles, Annely, Zufälle gibt es nicht.

Sie legt ihm Stiefmütterchen in den Sarg.

Der Leichenschmaus geschieht im Restaurant Kreuz, 28. Mai 2003, Rahmschnitzel, Salat und – sowohl als auch – Nudeln und Pommes frites.

Annely ist froh, dass Alois’ Schwester seine ganzen Kleider mitnimmt, auch seine Schuhe, Annely behält nur das leichte farbige Hemd, das er immer auf Gran Canaria trug, so weit und luftig, dass auch sie es tragen könnte.

Annely zittert.

Diese Ruhe hier.

Annely stellt den Fernseher an, das Radio, Annely öffnet ein Fläschchen Sekt, dann kippt sie den Sekt in den Ausguss, wenn sie ihrem Alois, denkt Annely, in seinen letzten Tagen schon kaum Wasser gab, steht ihr Sekt jetzt nicht zu. Einmal heult sie auf dem Balkon im vierten Stock – aber da unten ist nur Rasen, kein Beton. Der Arzt verschreibt Antidepressiva.

Annely, sagt Alois, dein Leben geht weiter.

Annely steigt jeden Morgen auf ihr Rad und fährt zum Schwimmbad Mooshüsli, Kabine 73, und schwimmt bis zur Erschöpfung, mindestens einen Kilometer weit, hin und her, im Sommer und im Winter, ein Jahr nach dem anderen.

Alois, was sagst du denn zu meinen neuen Schuhen?

Meine Hausratversicherung, Alois, brauch ich die noch?

Nacht für Nacht, spätestens um halb zwölf, steht Annely auf ihrem Balkon und schaut hinauf zu Alois. Annely ist jetzt achtzig und Alois ein Stern, der größte am Himmel über Emmenbrücke und Gran Canaria.

Und Annely fragt: Alois, wann holst du mich endlich zu dir, Alois?

Doch der grinst ja nur da oben und will seine Ruhe, der Alois, sie kennt ihn genau.

Und Anna E., die nie anders hieß als Annely, setzt sich wieder auf ihr lila Sofa, Nacht für Nacht, und löst Kreuzworträtsel oder liest ein Buch, nichts Schweres, eine Liebesgeschichte vielleicht.