Nachruf Captain Beefheart Fantasie aus der Wüste
Die Welt hat zu wenig Musik von Captain Beefheart gehört! Er versöhnte Moderne und Gegenwart, brachte Avantgarde und Pop zusammen. Zum Tod des großen Don Van Vliet.

Don van Vliet alias Captain Beefheart auf dem Cover zu seinem letzten Album "Ice Cream For Crow" (1982)
Er war der Mann mit der Forellenmaske. Er war der Kerl mit der Flederkette. Er war der Junge auf dem Knochenschlitten. Er war Käpt’n Rinderherz: Und nun ist Don Van Vliet alias Captain Beefheart tot, mit 69 Jahren gestorben an all dem Leid, das eine Krankheit namens multiple Sklerose einem Menschen bereiten kann.
Geboren wurde der Captain in Kalifornien; er wuchs auf in der Mojave-Wüste, in die sich Amerikas Mittelschicht-Wohnanlagen hineinfraßen, unaufhörlich; Frank Zappa wurde sein Freund, später Gönner, später Gegner, später früher tot als er: die Prostata, der Krebs. Aus ihren wild wuchernden, beim Captain auch mit unerlaubten Stimulanzien befeuerten Fantasien wie dem Plan zu einem Film namens »Captain Beefheart Meets The Grunt People« entstand eine neue Musik, halb Edgar Varèse, halb Howlin’ Wolf – und wie es sich für frühpsychedelische Experimente gehört, gab es noch ein paar mathematisch nicht zu rechtfertigende Hälften mehr: halb Ornette Coleman, halb Johnny Otis, halb Ed Wood, halb Ed Gein, halb ...
Es folgte, was das Musiklexikon weiß: Ein zunehmend sich radikalisierender Blues wurde von Don Van Vliets Musiker-Persona Captain Beefheart auf die Welt losgelassen, eingespielt von halb versklavten Musikern mit wunderprächtigen Namen wie Zoot Horn Rollo, Winged Eel Fingerling oder Mascara Snake, um Moderne und Gegenwart zu versöhnen, um Avantgarde und Pop gewissermaßen zur Deckung zu bringen. Legendär sind die Geschichten um seinen exzentrischen Lebenswandel, um seine ständigen Streits mit Plattenfirmen, um sein fast totalitäres Verhalten seinen Musikern gegenüber, die seine »Magic Band«-Galeere rudern mussten, um seine verdrehten Kurzantworten auf Journalistenfragen und seine kryptisch erscheinenden Einzeiler: »Never has nothing to do with now!« Da hat man erst einmal zu knabbern: »Das Nie hat nichts zu schaffen mit dem Nun.« Puuuh!
Wie auch viele Musiker des Freejazz griff der Captain auf streng eingeübte Formeln oder Melodien zurück, verstand diese aber lediglich als Material, das es zu formen, zu gestalten – zukunftstauglich zu machen galt. Dies geschah aus dem unerschütterlichen Vertrauen in die Verbesserbarkeit der Welt, in das Ende der allgemeinen Verdummung. Als dies selbst mit dem überwältigenden Album Trout Mask Replica nicht gelang und die Welt weiterhin lieber Blind Faith oder Humble Pie oder die Doors hörte, versuchte sich der zunehmend Alkoholexzessen hingegebene Van Vliet mit kommerzielleren Sounds bei Richard Bransons brandneuem Virgin-Label durchzusetzen: vergeblich. Selbst in der klassischen Songform haftete dem Captain noch dieser unauslöschliche Wüstenfreak-Geruch an, ein Hauch von Burroughs, Gysin, Buñuel, der den Weg in Teenagerherzen zwangsläufig zu verstellen scheint. Im englischen Guardian hieß es dazu vor ein paar Jahren, ach, dieser Beefheart, den hört, den guckt doch eh keiner mehr. Ich möchte dazu nur sagen, das merkt man der Welt aber auch an.
Als er 1982 seine Musikerkarriere nach drei von einer jungen Band eingespielten Platten, die quasi eine eigene Beefheart-Privatklassik bilden, konsequent beendete – und im Gegensatz zu allen anderen Sixties-Größen gab es nie ein Comeback –, wandte sich der sich langsam seiner Erkrankung bewusst werdende Van Vliet der Malerei zu: Nun rundete sich das Bild ins Eckige, ins Scheckige. Die musikalischen Koordinaten mussten noch ergänzt werden durch die Namen eines van Gogh und Asger Jorn; Animalisches stieg da auf, zugleich aber etwas renitent der Moderne Verpflichtetes, Antireaktionäres, Unversöhnliches. Und nun: Verlorenes.
- Datum 21.12.2010 - 09:55 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2010 Nr. 52
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Aus irgendeinem Grunde kann in unseren Tagen Schönheit nur aus Dreck erschaffen werden. Und manchmal ist Dreck, aus dem richtigen Blickwinkel betrachtet an sich schön. Das kann man aus "Trout Mask Replica" sehr gut lernen.
Vielen Dank für den Artikel. Leute, das Leben hat mehr zu bieten: hört Beefheart!
“I don’t like hypnotics. I’m doing a non-hypnotic music, to break up the catatonic state. And I think there is one, right now.”
ich habe heute das experiment schlechthin gemacht:
weihnachtseinkäufe mit “trout mask replica“ auf den ohren. kann ich sehr empfehlen – absurder geht nicht, wenn man dann so vorm barbie-regal steht.
was ich vorher allerdings nie so gehört habe, wie sehr doch diese musik auch der schönheit verpflichtet ist. freilich skurril aber eben doch sehr schön. als pate soll hier “peon“ von “lick my decals off, baby“ stehen.
aber verloren ist der kapitän ja nun nicht, wir müssen ihn doch überhaupt erst noch gewinnen.
Aus irgendeinem Grunde kann in unseren Tagen Schönheit nur aus Dreck erschaffen werden.
Und manchmal ist Dreck, aus dem richtigen Blickwinkel betrachtet an sich schön. Das kann man
aus "Trout Mask Replica" sehr gut lernen.
“I don’t like hypnotics. I’m doing a non-hypnotic music, to break up the catatonic state. And I think there is one, right now.”
Vielen Dank für den Artikel. Leute, das Leben hat mehr zu bieten: hört Beefheart!
Dafür dem Autor meinen Dank!
(Hab den Text leider erst gestern in der Print-Ausgabe gelesen. Ich schneide ihn mir aus, und verstecke ihn im Cover meiner Save As Milk. :-)
R.I.P, Captain!
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