Ausstellung Monstrum und Befreier
Eine intelligente, provokante Ausstellung in Bonn wagt sich an Napoleon und seine Epoche.
Längst ist es zum geflügelten Wort geworden, das Diktum Thomas Nipperdeys: »Am Anfang war Napoleon.« Was der Münchner Historiker für die deutsche Staatenwelt des 19. Jahrhunderts reklamierte, trifft aber auch für die anderen Länder Europas zu. Keiner hat die Geschichte des Kontinents so geprägt wie Bonaparte, der Erste Konsul und Kaiser der Franzosen. Diese europäische Dimension seiner Herrschaft bewusst zu machen ist das Ziel der großen Ausstellung Napoleon und Europa. Traum und Trauma , die gerade in der Bundeskunsthalle in Bonn unter der Schirmherrschaft von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy eröffnet wurde.
Traum und Trauma – dieser Gegensatz ist leitend für die Schau, die von der Kuratorin Bénédicte Savoy, Professorin für Kunstgeschichte an der TU Berlin, konzipiert wurde. Gezeigt werden sollen Licht und Schatten der napoleonischen Machtpolitik. Dabei habe man sich bemüht, sagt die Kuratorin, neue Perspektiven aufzugreifen, wie sie die jüngsten transnational orientierten und kulturgeschichtlich inspirierten Forschungen eröffnet haben.
Diese Absicht hat das Team unter Leitung von Angelica Francke eindrucksvoll umgesetzt. In den zwölf Sektionen des Rundgangs wird das Leitthema jeweils unter originellen Aspekten beleuchtet. Das beginnt bereits mit der Eingangssequenz »Generation Bonaparte«, in der Napoleon als typischer Vertreter einer Gruppe noch sehr junger Männer vorgestellt wird, die ihren raschen Aufstieg der neuen Mobilität im Gefolge der Französischen Revolution verdankten. Der kleine Korse war gerade einmal 30 Jahre alt, als er sich 1799 an die Macht putschte.
Unter den 380 Exponaten, Leihgaben aus Museen und Archiven ganz Europas, dominieren Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken. Das ist kein Zufall, denn dem Umgang Napoleons mit Bildern gilt die besondere Aufmerksamkeit. Schon als aufstrebender junger General der Italienarmee, noch mehr als Herrscher der Franzosen wusste Bonaparte, was uns heute geläufig ist: dass der die Macht hat, der über die Bilder verfügt (im wörtlichen wie im übertragenen Sinne). In zuvor nie gekanntem Ausmaß wurden Kunst und Künstler in den Dienst der Propaganda gestellt. Unter den vielen heroisierenden Darstellungen findet man auch das berühmte Gemälde von Jacques-Louis David, das Napoleon im Jahr 1800 bei der Überquerung der Alpen zeigt – mit wallendem rotem Umhang, auf einem sich aufbäumenden Ross, die rechte Hand in Richtung der Passhöhe des Großen St. Bernhard weisend.
Seine Feldzüge bringen unermessliches Leid über Europa
In der Sektion »Das Reich der Zeichen« wird der riesige Kosmos von Insignien und Symbolen ausgebreitet, die Napoleon für seine Macht- und Legitimationsbedürfnisse in Gebrauch nahm und die im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit weite Verbreitung in Europa fanden. Als augenzwinkernde Beigabe ist hier der Krönungsornat zu bestaunen, den Marlon Brando als Napoleon-Darsteller in dem 1954 gedrehten Film Desirée trug.
Auch wer sich fürs Militärische interessiert, kommt auf seine Kosten. Man sieht das Taschenfernrohr Napoleons, eines der Holzklötzchen, mit denen er auf der Karte die Truppenbewegungen markierte, das Klappbett, in dem er im Krieg schlief, eine von ihm flüchtig hingeworfene Skizze der Schlacht von Austerlitz im Dezember 1805. Doch keineswegs wird hier noch einmal das Hohelied auf den genialen Feldherrn angestimmt. Im Gegenteil, der Akzent liegt auf dem ungeheuren Leid, das seine endlosen Kriegszüge anrichteten. Drei Millionen Soldaten, so wird geschätzt, kamen ums Leben; Hunderttausende wurden zu Krüppeln. Mit dieser traumatischen Erfahrung einer ganzen Generation junger Männer in Europa hat sich die Geschichtsschreibung kaum beschäftigt, und dieses Thema aufgegriffen und anhand einer Fülle bisher selten gezeigter Objekte anschaulich gemacht zu haben ist die größte Leistung der Ausstellung.
Was es damals bedeutete, in einer Schlacht verwundet zu werden, kann man erahnen, wenn man die Anleitung zur Beinamputation liest und die in einer großen Vitrine versammelten chirurgischen Instrumente, Amputationsbestecke und Prothesen studiert. Oder wenn man die in ihrer Realistik kaum zu überbietenden Zeichnungen betrachtet, die der schottische Anatom und Chirurg Charles Bell nach der Entscheidungsschlacht von Waterloo 1815 von verwundeten und sterbenden Soldaten anfertigte. Dabei waren, wie wir erfahren, die Überlebenschancen der operierten Patienten in den Feldambulanzen gering, weil nach einer Amputation meist eine Wundinfektion drohte.
- Datum 27.12.2010 - 10:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2010 Nr. 52
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Buch von Charles Ribbe:
"Er wollte die schwarze Bevölkerung nicht auslöschen, aber er war ein Pragmatiker und wusste, dass 650.000 ehemalige Sklaven, die französische Staatsbürger geworden waren, nicht leicht wieder in Sklaverei zu halten sein würden. Also hat er klar entschieden, einen Teil dieser Bevölkerung zu vernichten. Und seine Vernichtungsmethoden erinnern an andere".
Dass bei den Massakern auf den Antillen-Inseln 100.000 Schwarze ermordet wurden, und dass durch die Wiedereinführung des Sklavenhandels rund eine Millionen Menschen umkamen, bestreiten auch die Napoleon-Forscher unter den französischen Historikern nicht.
Man kann nur froh sein daß er nicht die Technik von 1940 hatte.
Wie alle anderen größenwahnsinnigen Herrscher vor und nach ihm war Napolelon von seiner eigenen Egozentrik getrieben. Der Rest der Welt durfte seine Vorstellungen von dem "Guten Gottkönig" dann ausbaden.
Er ist lediglich ein Beispiel von vielen, wie diktatorische Machtgelüste, gepaart mit Arroganz und mit einer immensen Machtkonzentration, zum Unheil für andere Menschen werden. Mit Freiheit, mit Demokratie, mit Gleichheit hat das alles nichts zu tun.
Und mit einem sinnvollen europäischen Gedanken erst recht nicht.
Hier in Frankreich herrscht allgemein immer noch eine Art Vergoetterung desjenigen, der in seiner Regierungszeit kaum ein Jahr ohne Krieg auskam. Die Assoziation zwischen Napoleon und anderen kleinwuechisgen Potentaten mit Weltregierungsanspruch wird natuerlich nicht auch nur Ansatzweise in Erwaegung gezogen: Interssant wir es sicher sein, wie die Rezeption dieser Ausstellung in Frankreich sein wird.
In einem Frankreich, das in IHM die Inkarnation der Grande Nation und zugleich des Friedensfuersten sieht. Franz. Historiker bekommen regelmaessig grosse, vor Begeisterung leuchtende Augen, wenn von er Grande Armee in Boulogne gesprochen wird, wie toll, wie perfekt dort alles organisiert war...
Das Leid, welches Napoleon ueber sein eigenes, wie auch das europaeische Volk gebracht hat wird jedoch meist ausgeklammert. Und die Schlussfolgerung, dass sowohl Napoleon I wie auch sein Neffe Napoleon III ihren Beitrag zu den Entwicklungen geleistet haben, die dann in die Desaster des WK I und II fuehrten meist undenkbar.
In einem Werbespot fuer die "armee de terre" - das franz. Heer - wurden zu verklaerten Weichzeichnerbildern von Orten an denen Frankreich von der Armee verteidigt wurde, neben Verdun, Duennkirchen und den Straenden der Normandie auch Austerlitz genannt...
Ob die Autoren des Spots wussten, wo Austerlitz liegt?
Unter Napoleon hatte sich das postrevolutionäre Frankreich vom europäischen Infektionsherd zum Schurkenstaat entwickelt, führte fast 20 Jahre lang Krieg von Lissabon bis Moskau, in Ägypten, in der Karibik, auf den Weltmeeren - alles zur Erlangung der europäischen Hegemonie.
Der "Kollateralnutzen" durch den Modernisierungsschub in der Justiz und generell im Geistesleben (zumindest in Deutschland) steht in keinem Verhältnis zu den Opfern, Zerstörungen und ökonomischen Kosten dieser Daueraggressionen. Die Menschenverluste der napoleonischen Kriege entsprechen im Verhältnis zur damaligen Bevölkerung exakt den Verlusten, die der Erste Weltkrieg über Europa gebracht hat.
Bemerkenswert ist für mich, mit welcher politischen Klugheit die Siegermächte dieses eigentlichen ersten Weltkrieges in Wien die Nachkriegsordnung konstruierten. Die Diplomaten von 1815 erwiesen sich als ungleich weitsichtiger und erfolgreicher als ihre Nachfolger, die 103 Jahre später in und um Paris vor lauter Hass, Rache, Gier und Verblendung nicht in der Lage waren, den Kontinent vor seiner vollständigen Zerstörung zu bewahren.
Ein so ungerechter Frieden wie der von Versailles hätte nach postnapoleonische Frankreich schon 100 Jahre früher in den politischen Extremismus und den wirtschaftlichen Kollaps getrieben - diesen Kelch musste später Deutschland leeren.
Die Heldenverehrung des blutrünstigen Korsen ist für mich völlig abwegig und der französischen Demokratie unwürdig.
Schande seinem Gedenken.
größenwahn... ja, diktator... ja, verklärung... ja, verbrecher... ja - und trotzdem: nein, nein, nein, nein.
wer n durch die brille des 20. jh sieht, klittert geschichte. napoleon stand am beginn der moderne, das bewußtsein der menschen dieser epoche war ein völlig anderes als das unsere, d.h. man dachte in den überkommenen begriffen der vorzeit, hatte aber erstmals mit den auswirkungen von konflikten zwischen massengesellschaften zu tun. dass n letztlich zum zyniker und ... [...] wurde- geschenkt- ihn mit späteren diktatoren zu vergleichen ist trotzdem nonsens.
Teile entfernt. Bitte argumentieren sie sachlich. Danke. die Redaktion/wg
Die 25 Jahre Krieg Frankreichs und Napoleons gegen Europa waren der Höhepunkt einer dreihundertjährigen expansiven Politik Frankreichs gegenüber seinen Nachbarn. Die kollektive Erfahrung, daß das schwache deutsche Reich seine Bürger nicht vor den Angriffen aus Westen schützen und den Verlust oder die Verwüstung ganzer Provinzen nicht verhindern konnte und von schließlich zehn Jahren französischer Besatzung und Fremdherrschaft trug nicht unwesentlich zur Sehnsucht nach einem starken deutschen Staat bei. Napoleon ist daher ein wesentlicher Wegbereiter Bismarks und Wilhelms II.
Das Napoleon kein Unschuldslamm war, wissen wir - nur Hitler auf Napoleon zurückzuführen, halte ich für sehr gewagt.
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