Das Jahr 2010 wird furchtbar – dann bricht sich die Krise auf dem Arbeitsmarkt Bahn, und der deutsche Staat gerät ins Schuldenabenteuer. Darin waren sich die meisten Prognostiker einig, und zwar nur ein paar Monate bevor das Jahr anbrach. Dann sprossen die ersten Wachstumspflänzchen, und vorsichtig sagten Ökonomen voraus, die Wirtschaft werde um ein Prozent zulegen. Das war im Frühling. Jetzt werden es deutlich mehr als drei Prozent.

Man kann es auch so sagen: Sie haben keine Ahnung.

Die allermeisten hatten die große Krise nicht einmal vage angekündigt. Und so gut wie niemand hat die Erholungszeichen danach richtig gedeutet. Man könnte es sich leicht machen und die Forscher zu Idioten erklären, bloß sind es eben hochintelligente Leute. Der Fehler liegt im System.

Robert Shiller von der Yale-Universität in Amerika ist einer der Pioniere, die Abhilfe schaffen wollen. Dazu beschreibt er erst einmal unser aller wirtschaftliches Verhalten: »Die Menschen kennen die tatsächlichen Zusammenhänge nicht und fällen trotzdem ihre Entscheidungen.« Oft ignorierten sie neue Informationen und Gefahren oder Gelegenheiten, machten schlicht weiter wie gehabt – bis die Masse umschwenke. Solche Prozesse gelte es zu erklären. »Wir brauchen eine Revolution unserer Theorie über den Wirtschaftsverlauf, die im Innersten auch die Psychologie beinhalten muss«, erklärt Shiller. »Wir brauchen ein Modell davon, wie Volkswirtschaften in Schwierigkeiten geraten.«

Und wie sie da wieder herauskommen.

Aus diesem Blickwinkel erfährt man viel über die Gestaltung der Volkswirtschaft im 21. Jahrhundert. Auf einmal offenbart sich eine neue reformerische Gestaltungskraft nebst der Einsicht, dass die Politik sich manchmal selbst beschränken muss. Dagegen haben Ökonomen zu lange festgehalten an ihrem Menschenbild des Homo oeconomicus, eines Wundertyps, der sich in der Regel das richtige Bild vom wirtschaftlichen Geschehen macht und die richtigen Erwartungen hegt. All das setzt er als cleverer Egoist in Handlungen um, die zu seinem eigenen besten Nutzen sind.

Geht man näher an die Realität, erzittert das Theoriegebäude samt seinen wirtschaftspolitischen Lehrsätzen. Dann wird es offenbar: Ökonomen, Politiker, Bürger, sie alle haben sich die Sicherheit im Umgang mit der Wirtschaftsentwicklung nur eingebildet. Tatsächlich wissen sie vieles nicht, was sie zu wissen glaubten, ja, manches können sie auch gar nicht wissen – und finden genau durch diese Einsicht einen wahren Reichtum neuer Erkenntnisse.

Daniel Kahneman hat seinen Wirtschaftsnobelpreis für die Erforschung unseres nicht ganz so vernünftigen Verhaltens bekommen. »Menschen sind es nicht gewohnt, scharf nachzudenken«, sagt er. Das gilt im Extrem: Mitunter verwenden Menschen weniger Zeit darauf, sich für eine Sparstrategie zu entscheiden, die ihre Finanzen im Alter absichert, als auf den Kauf eines neuen Tennisschlägers. Aber es gilt auch im Normalfall: Menschen folgen oft ihren gedanklichen Routinen und ihren emotionalen Eingebungen. Selbst wenn sie wirklich nur das eigene Interesse verfolgen, holen sie deshalb keineswegs immer das Beste für sich heraus. Sie lassen sich im Gegenteil beeinflussen – von unwichtigen Zufällen genauso wie von cleveren Mitmenschen.

Demnach ist der Homo sapiens kein rein vernunftgetriebener Wirtschaftsmensch, sondern verwundbar durch diejenigen, die auf seiner Gefühlsklaviatur spielen können. Verführbar von der Aussicht auf sofortiges Habenkönnen. Versessen auf neu scheinende Informationen, deren Bedeutung schnell überbewertet wird. Verbunden dem eigenen Begriff von Fairness. Sympathisch ist er, ein beeinflussbarer und stets auch andere beeinflussender Akteur, zwar anfällig gegenüber Fehlern und Manipulationen, aber mit eigenem Kompass.

Schauen wir auf uns selbst: Dass man bei seinen Entscheidungen erhebliche Fehler begeht und auch nicht bloß dem Eigennutz frönt, haben die meisten wohl schon gewusst. Aber auch bei näherem Hinsehen bleibt es erstaunlich, wie stark wir uns in unseren Entscheidungen beeinflussen lassen. Von Freund und Feind, vom Zeitgeist und von der Bewegung der Masse.