Weihnachten : Die Welt wird verwandelt

Trotz Kaufrausch und Kommerzialisierung: Weihnachten funktioniert

Die Stimmen zur Lage der Kirche sind widersprüchlich. Mal ist von einer »Wiederkehr der Religion« die Rede, mal von einem christlichen Ausverkauf. Zwar wird die Stimme der Kirche als Hüterin von Werten immer wieder gern gehört, aber als Institution gehe sie durch Mitgliederverlust und geringe Gottesdienstbesuchszahlen ihrer Marginalisierung entgegen, heißt es. Der Glaube sei ein individuelles Bekenntnis, das für den öffentlichen Gebrauch der Vernunft nur eine eingeschränkte Bedeutung habe. Noch würden grundsätzliche ethische Fragen mit kirchlichen Vertretern diskutiert, aber das christliche Glaubenszeugnis verlöre seine Prägekraft. So weit, so richtig; so weit, so falsch.

Die Kirchen verlieren Mitglieder und Finanzmittel. Aber ist damit ihr gesellschaftlicher Auftrag infrage gestellt? Ist damit ein Niedergang christlicher Kultur festgeschrieben? Übersieht eine solche Einschätzung nicht die umfangreiche Inkulturation, also Einwohnung christlichen Glaubens in unserer Gesellschaft? Wenn mehr als fünfzig Millionen Menschen in Deutschland Kirchenmitglieder sind, sich also – in welcher inneren Nähe auch immer – zu dieser christlichen Prägekraft verhalten, dann kann von einem gesellschaftlichen Rückzug wohl kaum gesprochen werden. Die Kirchen sammeln nicht individuelle Bekenntnisse, sondern Menschen sammeln sich aufgrund ihres christlichen Glaubens in der Kirche. Und dort suchen sie Hoffnung und Trost, Schärfung des Gewissens und Hilfe zum Handeln. Diese Entscheidung der Menschen, in der Kirche eine geistliche Heimat zu finden, ist das Gegenteil einer religiösen Privatisierung.

Das Bundesverfassungsgericht hat mehrfach den Staat an diese Freiheit christlicher Deutungskompetenz erinnert. »Der christliche Glaube und die christlichen Kirchen sind dabei, wie immer man ihr Erbe heute beurteilen mag, von überragender Prägekraft gewesen«, heißt es in der Begründung des sogenannten Kruzifixurteils von 1995. Und: »Die darauf zurückgehenden Denktraditionen, Sinnerfahrungen und Verhaltensmuster können dem Staat nicht gleichgültig sein.«

Im Monat Dezember können wir besonders anschaulich von den großen Bewegungen christlicher Prägekraft erzählen. Wir studieren in der Adventszeit die Kritik an christlichen Gebräuchen ebenso wie ihre seltsamen Verwandlungen unter ökonomischem Druck. Zugleich lehrt der Advent, wie vielfältig und umfassend Menschen diese Gewohnheiten und Traditionsgüter festhalten wollen. Keine anderen Wochen sind von einer so komplexen kulturellen Verwandlung erfasst. Und diese Verwandlungen sind öffentlich sichtbar und oft auch familiär zu erleben.

Die Stadt- und Dorflandschaften verwandeln ihr Gesicht: Riesige Weihnachtsbäume besetzen die letzten Freiflächen der Einkaufszentren, fast jeder Marktplatz lockt mit gebrannten Mandeln, Glühwein oder Kinderkarussell. Posaunenchöre spielen Tochter Zion, in den Bäumen hängen Lichterketten. Das Glänzen geht in den meisten Häusern und Wohnungen weiter. Kaum ein Familienhaushalt ohne Adventskranz; Papiersterne, gebastelt von den eigenen Kindern oder geerbt von den Eltern, schmücken Türen und Fenster.

Der Glanz der Advents- und Weihnachtszeit durchzieht alle Lebensbereiche; nie wieder sonst findet man so viel Silber und Gold, so viel Licht und Schmuck in der äußeren Welt.

Wer meint, mit dieser fröhlich-kommerziellen Umwandlung der Vorweihnachtswochen ist die ursprüngliche Auslegung christlicher Tradition verraten, irrt. Denn diese Verwandlung der städtischen und dörflichen, der häuslichen und familiären Kulturen ist eben mehr als nur ein kollektiver Kaufrausch – sie ist zugleich eine Geste des Miteinanders und der Freude am Feiern.

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ich will Ihnen ihren Optimismus...

...nicht nehmen, aber ich denke manchmal eher and die Geldwechsler im Tempel von Jerusalem.
Ich nehme an die hielten Pessach auch für die beste Zeit des Jahres. Was Jesus davon hielt wissen wir ja :-)
Es ist Schade das wir diesen Kommerz "brauchen" um uns an die Nächstenliebe zu erinnern.

Ich glaube man sollte das nicht überbewerten!

Vielen geht es nur darum schöbe Ferien oder gemeinsame Zeit mit der Familie zu verbringen und nicht irgendwelche christliche Werte zu beleben.Auch wenn das so von außen aussehen mag.Und das Weihnachten funktioniert liegt auch zu einem gewissen Teil an der totalen Kommerzialisierung.