WeihnachtenDie Welt wird verwandelt

Trotz Kaufrausch und Kommerzialisierung: Weihnachten funktioniert von Ralf Meister

Die Stimmen zur Lage der Kirche sind widersprüchlich. Mal ist von einer »Wiederkehr der Religion« die Rede, mal von einem christlichen Ausverkauf. Zwar wird die Stimme der Kirche als Hüterin von Werten immer wieder gern gehört, aber als Institution gehe sie durch Mitgliederverlust und geringe Gottesdienstbesuchszahlen ihrer Marginalisierung entgegen, heißt es. Der Glaube sei ein individuelles Bekenntnis, das für den öffentlichen Gebrauch der Vernunft nur eine eingeschränkte Bedeutung habe. Noch würden grundsätzliche ethische Fragen mit kirchlichen Vertretern diskutiert, aber das christliche Glaubenszeugnis verlöre seine Prägekraft. So weit, so richtig; so weit, so falsch.

Die Kirchen verlieren Mitglieder und Finanzmittel. Aber ist damit ihr gesellschaftlicher Auftrag infrage gestellt? Ist damit ein Niedergang christlicher Kultur festgeschrieben? Übersieht eine solche Einschätzung nicht die umfangreiche Inkulturation, also Einwohnung christlichen Glaubens in unserer Gesellschaft? Wenn mehr als fünfzig Millionen Menschen in Deutschland Kirchenmitglieder sind, sich also – in welcher inneren Nähe auch immer – zu dieser christlichen Prägekraft verhalten, dann kann von einem gesellschaftlichen Rückzug wohl kaum gesprochen werden. Die Kirchen sammeln nicht individuelle Bekenntnisse, sondern Menschen sammeln sich aufgrund ihres christlichen Glaubens in der Kirche. Und dort suchen sie Hoffnung und Trost, Schärfung des Gewissens und Hilfe zum Handeln. Diese Entscheidung der Menschen, in der Kirche eine geistliche Heimat zu finden, ist das Gegenteil einer religiösen Privatisierung.

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Das Bundesverfassungsgericht hat mehrfach den Staat an diese Freiheit christlicher Deutungskompetenz erinnert. »Der christliche Glaube und die christlichen Kirchen sind dabei, wie immer man ihr Erbe heute beurteilen mag, von überragender Prägekraft gewesen«, heißt es in der Begründung des sogenannten Kruzifixurteils von 1995. Und: »Die darauf zurückgehenden Denktraditionen, Sinnerfahrungen und Verhaltensmuster können dem Staat nicht gleichgültig sein.«

Im Monat Dezember können wir besonders anschaulich von den großen Bewegungen christlicher Prägekraft erzählen. Wir studieren in der Adventszeit die Kritik an christlichen Gebräuchen ebenso wie ihre seltsamen Verwandlungen unter ökonomischem Druck. Zugleich lehrt der Advent, wie vielfältig und umfassend Menschen diese Gewohnheiten und Traditionsgüter festhalten wollen. Keine anderen Wochen sind von einer so komplexen kulturellen Verwandlung erfasst. Und diese Verwandlungen sind öffentlich sichtbar und oft auch familiär zu erleben.

Die Stadt- und Dorflandschaften verwandeln ihr Gesicht: Riesige Weihnachtsbäume besetzen die letzten Freiflächen der Einkaufszentren, fast jeder Marktplatz lockt mit gebrannten Mandeln, Glühwein oder Kinderkarussell. Posaunenchöre spielen Tochter Zion, in den Bäumen hängen Lichterketten. Das Glänzen geht in den meisten Häusern und Wohnungen weiter. Kaum ein Familienhaushalt ohne Adventskranz; Papiersterne, gebastelt von den eigenen Kindern oder geerbt von den Eltern, schmücken Türen und Fenster.

Der Glanz der Advents- und Weihnachtszeit durchzieht alle Lebensbereiche; nie wieder sonst findet man so viel Silber und Gold, so viel Licht und Schmuck in der äußeren Welt.

Wer meint, mit dieser fröhlich-kommerziellen Umwandlung der Vorweihnachtswochen ist die ursprüngliche Auslegung christlicher Tradition verraten, irrt. Denn diese Verwandlung der städtischen und dörflichen, der häuslichen und familiären Kulturen ist eben mehr als nur ein kollektiver Kaufrausch – sie ist zugleich eine Geste des Miteinanders und der Freude am Feiern.

Leserkommentare
  1. Josef und Maria drehen mit Ochs, Esel, Claudius und mir die Runde. Jeden Tag durch eine neue Einkaufsmeile. Ausgerechnet jetzt, ohne mehr dabei zu denken, fällt einem an der Welt das bisschen Schenken auf.

    • Gerry10
    • 22. Dezember 2010 19:42 Uhr

    ...nicht nehmen, aber ich denke manchmal eher and die Geldwechsler im Tempel von Jerusalem.
    Ich nehme an die hielten Pessach auch für die beste Zeit des Jahres. Was Jesus davon hielt wissen wir ja :-)
    Es ist Schade das wir diesen Kommerz "brauchen" um uns an die Nächstenliebe zu erinnern.

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  2. ... ein Artikel in der Zeit über eine Cristliche Kirche ohne die Worte: Missbrauch, Zölibat, Frauenunterdückung, Papstkritik, Kondom, Austrittswelle, usw.

    Da kann men sich direkt auf Weihnachten freuen!

    Gruß,

    Joe

    2 Leserempfehlungen
  3. Vielen geht es nur darum schöbe Ferien oder gemeinsame Zeit mit der Familie zu verbringen und nicht irgendwelche christliche Werte zu beleben.Auch wenn das so von außen aussehen mag.Und das Weihnachten funktioniert liegt auch zu einem gewissen Teil an der totalen Kommerzialisierung.

    • engelx4
    • 22. Dezember 2010 20:58 Uhr

    in dem stress und kaufrausch, der alljährlich vor weihnachten stattfindet, die gebote der religion? wenn ich die menschen in dieser zeit bei ihren vorbereitungen zu dem fest der nächstenliebe beobachte, kann ich nichts, oder nur wenig davon bemerken.
    alle wollen endlich urlaub haben. vielen graut vor dem alljährlichen familienspektakel, wo menschen aufeinander treffen die sich nichts zu sagen haben.
    der eigentliche sinn ist doch längst verloren gegangen, durch einen konsumrausch ohnegleichen. was hat das noch mit der geburt jesu zu tun? warum beschenken sich alle, stürzen sich in unkosten, und verjubeln das z.t. hart verdiente geld? kommt in diesen drei feiertagen gott den menschen wieder näher? ich glaube kaum.

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    • binsk
    • 22. Dezember 2010 22:39 Uhr

    Christus kein christlicher Glaube.
    Ohne christlichen Glauben kein "Es begab sich aber zu der Zeit".
    Ohne "E.b.s.a.z.d.Z." kein Weihnachten.

  4. vor dem Christentum schon eine Zeit des Innehaltens und des Zusammenkommens innerhalb der Gemeinschaft (nicht nur der engeren Familie) mit der Aussicht darauf, daß die Sonne wieder länger am Tag mit ihren wärmenden Strahlen das Leben weckt. In diese alten Rhythmen der Menschen hat sich das Christentum mit der Verlegung der Geburt Jesu' auf den 24.12. (und dann auch noch in einen kalten und zugigen Stall) eingeschlichen. Es ist gar nicht übel, wenn auf die Mythen einmal verzichtet und dem Lauf der Natur Beachtung geschenkt würde. Sie ist doch das Produkt der Schöpfung.

    3 Leserempfehlungen
  5. Also ich, der in einem komplett religionsfreiem Umfeld aufgewachsen ist, verbinde Weihnachten nicht mit der Kirche. Das mag historisch und bibeltechnisch nicht im Einklang sein, aber das ist mir Wurst. Ich empfinde es auch nicht als solche Konsumorgie, vielleicht weil ich mich davon nicht so treiben lasse. Ich habe Weihnachten als ein Fest der Ruhe und Familie kennengelernt.
    Ich halte auch nichts davon Weihnachten in die Kirche zu gehen, es aber sonst den Rest der Jahres nicht zu tun. Ich verstehe solche Menschen nicht, entweder ganz oder gar nicht.

    Ich bin mir auch voll bewusst darüber, dass viele Dinge die ich gerade an Weihnachten tue, sich mit dem Christentum überschneiden. Aber ich muss doch nicht einer Institution angehören um gleiche oder ähnliche Werte haben zu dürfen oder zu können. Diese Werte wurden mir, wie schon gesagt, ohne jeglichen religiösen Hintergrund vermittelt.

    Unter anderem auch darum kann ich mit diesem Satz nu gar nichts anfangen: "Doch unter einer religiös erinnerten Gemeinsamkeit hält man es aus". Wer sitzt denn zuhaus und denkt: "Ich halts grad gar nicht mit denen, aber da nun mal jemand geboren wurde vor langer ZEit..."

    In diesem Sinne

    Frohes Fest

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    • snoek
    • 23. Dezember 2010 7:43 Uhr

    "Also ich, der in einem komplett religionsfreiem Umfeld aufgewachsen ist, verbinde Weihnachten nicht mit der Kirche."

    Ich möchte mich meinem Vorredner anschließen. Für mich hatte als Kind Weihnachten keine christlichen Werte. Es gab zu Hause keine Krippe, keinen Jesus oder Engel. Es gab Weihnachtsmänner, Schwibbögen und Räuchermännel als Dekoration. Erst als ich älter wurde habe ich von den Hintergründen erfahren. Heute bedeutet mir Weihnachten nicht viel. Es ist ein nur Essen. Und dann streitet man sich mit der Familie bis man wieder nach Hause fährt. Wieso Weihnachts mit Ruhe und Besinnlichkeit in Verbindung gebracht wird ist mir unklar.

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