Tiefer als Hartmut von Hentig sind wenige gefallen in diesem Jahr. Bis zum Frühjahr galt der 85-Jährige als Lichtgestalt der deutschen Reformpädagogik . Nun zitiert die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung aus einem Brief, der noch einmal unterstreicht, wie krampfhaft sich von Hentig der Aufarbeitung der Affäre um sexuelle Gewalt an der von ihm mitgeprägten Odenwaldschule verweigert hat. »Aussitzen« wolle er den Skandal, in dessen Zentrum sein Lebensgefährte Gerold Becker stand, auch wenn das »nicht leicht einzuhalten« sei, schrieb von Hentig im Mai. Aus dem bewunderten Pädagogen ist endgültig eine traurige Figur geworden: uneinsichtig, larmoyant und rücksichtslos.

Das zu Ende gehende Jahr war das Jahr einer doppelten Erschütterung. Wir haben nicht nur erfahren, dass in der katholischen Kirche jahrzehntelang Kinder und Jugendliche missbraucht wurden. Endlich wurde auch aufgeklärt, wie fast drei Jahrzehnte lang im Namen der Reformpädagogik an der Odenwaldschule ein geschlossenes System der sexuellen Ausbeutung von Schülern herrschte. Der Bericht, den zwei unabhängige Juristinnen in der vergangenen Woche über das Internat im Odenwald vorgelegt haben, lässt keine Zweifel zu. Etwa seit 1965 hatten alle Schulleiter Hinweise auf Missbrauchstaten bekommen, keiner von ihnen bemühte sich auch nur um eine Aufklärung. Heute kann niemand mehr leugnen, dass Schüler an der »OSO« reihenweise Opfer narzisstischer Pädosexueller wie Gerold Becker wurden.

Was haben wir über den Missbrauch gelernt in diesem Jahr? Zum Beispiel, dass dieselben Pädagogen, die Selbstbestimmung predigten, sich nicht nur an Schutzbefohlenen vergingen, sondern dazu auch ein perfides System des Vertuschens und Verschweigens errichteten. Nur so wurden Wiederholungstaten möglich. Mindestens 132 Kinder und Jugendliche waren an der Odenwaldschule betroffen.

So unterschiedlich die Motive der Täter auch sein mögen, in diesem Punkt gleicht sich der Missbrauch durch Katholiken und Reformpädagogen: In beiden Fällen schützte die Institution die Täter und nicht die Opfer. Das Bistum München-Freising hat vor Kurzem (und bislang als einziges) eine profunde Aufarbeitung der Vergangenheit vorgelegt. Die externen Gutachter bestätigten nicht nur eine Reihe von Missbrauchsfällen , sie erkannten auch ähnliche Strukturen wie im Odenwald-Internat: Das brüderliche Miteinander verpflichtete zum rücksichtslosen Schutz des eigenen Standes. Und wer dennoch aufklären wollte, wurde nicht selten erpresst – etwa mit seiner Homosexualität. »Die Täter wussten, dass hier jemand eine offene Flanke hat«, urteilte eine Gutachterin.

Auch an der Odenwaldschule stießen die Schüler, die Lehrern berichten wollten, was ihnen angetan wurde, auf systematisches Schweigen. Oder, schlimmer noch, auf Drohungen, sie der Schule zu verweisen oder den Eltern davon zu erzählen, was ihnen passiert sei. Dies ist die eigentlich erschreckende Erkenntnis: Das System, das den Kindern helfen und sie schützen sollte, lieferte sie aus, um selbst nicht entdeckt zu werden. Wie konnte es dazu kommen? Für Hartmut von Hentig scheint sich diese Frage nicht zu stellen. Er habe von den Taten seines Lebensgefährten, mit dem er jahrzehntelang zusammenlebte, nichts gewusst, sagt er. Statt Einsicht zu zeigen, wittert er eine Kampagne. Auch deswegen steht das Internat im Odenwald im 100. Jahr seines Bestehens vor Trümmern. Seine Idee ist diskreditiert, in der Folge fehlen jetzt auch Schüler und Geld. Die Frage, ob die Schule überhaupt noch eine Zukunft hat, könnte sich bald von selbst beantworten.

Die Kirche ihrerseits belässt es bislang bei Entschuldigungen. Dabei haben jene, die sonst die Macht der Worte für sich reklamieren, noch immer nicht die Sprache wiedergefunden, um das Geschehene annähernd zu erklären. Und beide Institutionen, Schule und Kirche, sehen sich in nächster Zukunft mit der entscheidenden Frage konfrontiert, an der viele ablesen werden, wie ernst sie es mit der Aufarbeitung meinen: Der Frage, wie die Opfer entschädigt werden sollen.

Und nun? Was folgt aus dem Schrecken, der dieses Jahr bekannt wurde? Sexuellen Missbrauch gab es, gibt es und wird es weiter geben. Gerade in Familien, immer noch der Tatort für die überwiegende Zahl von Fällen . Und doch sind Kinder heute emanzipierter, selbstbewusster als vor fünfzehn oder zwanzig Jahren. Zudem gibt es zumindest in Ansätzen so etwas wie eine Kultur der Aufmerksamkeit beim Thema Missbrauch. Ein institutionalisiertes Kartell des Schweigens, das Täter deckt, ist heute nur noch schwer vorstellbar. Auch weil endlich aufgedeckt wurde, was geschehen ist.