Auf dem Berliner Gendarmenmarkt ist, natürlich, ein Weihnachtsmarkt aufgebaut. Bunte Lichter, durchs Gedränge pfeift eisiger Wind. Nebenan, im Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, ist die Stimmung weniger adventlich, aber der Andrang ist so groß, als gäbe es Glühwein gratis. Es tagt der Deutsche Ethikrat .

Er will bis zum Februar 2011 seine Stellungnahme zur Regelung der Präimplantationsdiagnostik (PID) abgeben. Nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom Juli gelten Gentests am Embryo nicht mehr als verboten, wenn sie zur Vermeidung einer schweren Schädigung des künftigen Kindes vorgenommen werden. Im Frühjahr will der Bundestag ein Gesetz auf den Weg bringen, in dem die PID entweder verboten oder in engen Grenzen erlaubt werden soll . Da könnte der Blick auf Erfahrungen im Ausland helfen.

Der Ethikrat hat Fachleute aus den Nachbarländern zur öffentlichen Anhörung geladen. Vom französischen Ethikrat CCNE ist Patrick Gaudray gekommen, aus Großbritannien Emily Jackson , derzeit die Leiterin der Human Fertilisation and Embryology Authority HFEA, aus Belgien der Reproduktionsmediziner Paul Devroey . Sie sollen berichten, wie in ihren Heimatländern die PID gehandhabt wird. Wie beschränkt man ihren Einsatz auf wirklich schlimme Erkrankungen? Etwa durch einen gesetzlichen Indikationskatalog, wie ihn Politiker hierzulande vorschlagen?

Alle Gäste warnen eindringlich vor einer Liste von Krankheiten im Gesetzestext. Zwar gibt es in Frankreich und Großbritannien solche Kataloge, aber es sind "lebende Listen" (Emily Jackson). Jeder einzelne Fall wird im Vereinigten Königreich wie in Frankreich durch mehrere Instanzen geprüft und schließlich durch eine Kommission entschieden.

Wer die Präimplantationsdiagnostik verbietet, sagt nein zum Leben, kommentiert Sven Stockrahm

Und was sonst kann man Deutschland raten? Die Gäste üben sich in diplomatischer Zurückhaltung. Nur Paul Devroey vom belgischen Reproduction Health Centre lässt sich auf Nachfrage entlocken, dass er vom deutschen Nachbarn eine Erlaubnis für die PID erwartet. Er behandle viele deutsche Paare, die in der Heimat keine Hilfe fänden. Dieser PID-Tourismus sei "eine Schande", demütigend für die Betroffenen und diskriminierend, weil sich nur Vermögende Reise und Behandlung leisten könnten.

Das hätte er besser nicht gesagt. Wieso eigentlich die Zulassung der PID in Deutschland ein Mittel sei, den Missstand zu beenden, hält der CDU-Abgeordnete Rudolf Henke dem Belgier entgegen. Richtiger sei doch wohl ein anderer Weg. Gemeint ist, die europäischen Nachbarn möchten doch besser ihrerseits die PID verbieten.

Auch Emily Jacksons Darlegung, die öffentliche Debatte über die PID sei in ihrem Land auf die in einer Demokratie einzig mögliche Weise gelöst worden, durch eine Abstimmung im Parlament, erfährt Widerspruch. Ob es nicht ethische Grenzen für das Abstimmungsverhalten eines Parlaments gebe, erkundigte sich der Ethikrat Eberhard Schockenhoff, ein Theologe. Die gibt es natürlich. In Deutschland kann man sie sogar nachlesen: Sie stehen in der Verfassung.

Doch in der Bundesrepublik, diesen Eindruck mussten die drei Gäste aus Großbritannien, Frankreich und Belgien mit nach Hause nehmen, dient das ethische Nachdenken vor allem der Ethik selbst – nicht der Beratung der parlamentarischen Demokratie oder gar dem Menschen.