Sophie Rois kommt aus einem Synchronstudio in Berlin-Neukölln angerast. Mit ihrem wehenden Mantel und einem schwarzen Rollkragenpullover wirkt sie wie eine existenzialistische Philosophin, die gerade eine Bank überfallen hat. Auf dem Grund ihrer Handtasche hat sich, wie sie im Café feststellt, ihr Kleingeld mit dem Inhalt eines Päckchens Walnüsse zu einer Art Amalgam vereinigt. Sophie Rois wirkt ein wenig mitgenommen, gerade liegt eine Volksbühnen-Premiere hinter ihr. Im Studio hat sie Molly Monster synchronisiert, eine Zeichentrickfigur für Kinder, »ein kleines grünes Ding mit Froschfüßen und Dinosaurierzacken«, wie sie sagt. Als sie ein paar Sätze in der rauen süßen Molly-Monster-Sprache in die Speisekarte spricht, muss ich an ein früheres Treffen mit ihr denken. In einem überfüllten Café zog damals ein etwa dreijähriges Mädchen an Rois’ Mantel, der über dem Stuhl hing. Sophie Rois blickte von ihrem Kaffee kurz auf das Wesen im rosa Kleidchen hinab und sagte, »na, du Kröte«. Wie vom Donner gerührt blieb die Kleine neben ihr stehen, fassungslos, überrascht, aber auch fasziniert.

Warum ist die Szene so typisch für Sophie Rois? Weil sie eine ganz eigene Molly Monster des deutschen Schauspielwesens ist. Von funkensprühender Gedankenschärfe, und monströser Wahrhaftigkeit. Ob als Star der Berliner Volksbühne, auf der Leinwand oder im Café – mit ihrer leicht heiseren Stimme bringt sie die Dinge in jeder Lebens- und Bühnenlage auf den Punkt. Mit uneitlem Eigensinn, direkt, unbestechlich. Auch die Wahrheit eines Kindes, das wahrscheinlich nie zuvor in seinem kleinen Leben auf diese Weise angesprochen wurde.

Mit der spezifisch Roisschen Mischung aus Auftrittskraft und permanenter Selbstverwunderung stürmt sie auch durch Tom Tykwers neuen Film. Drei ist ein Liebesexperiment im heutigen Berlin , eine Versuchsanordnung über drei Menschen um die vierzig. Rois spielt Hanna, die seit zwanzig Jahren mit Simon (Sebastian Schipper) zusammenlebt. Zwischen den beiden herrscht tiefe Verbundenheit, aber das Begehren hat sich davongeschlichen. Ohne es zu ahnen, verlieben sich Hanna und Simon in denselben Mann: Adam (Devid Striesow), dessen selbstgewisse, freie Sexualität die Geschlechter- und Beziehungsmuster des Paares über den Haufen wirft. »Ich fand gut, dass der Film die Frage stellt, zu welcher Freiheit wir in Sachen Selbstdefinition fähig sind«, sagt Rois und pickt die letzten Walnusskrümel aus ihrer Handtasche, »das hat doch was ziemlich Erwachsenes.«

Hanna gehört zur Generation jener Mittvierziger, die es, wie man so sagt, geschafft haben, ohne sich etabliert zu fühlen. Journalistin, Talkmasterin, Mitglied im Ethikrat. Auf hochhackigen Schuhen und in Blusen, die schon etwas länger im Schrank hängen, wandelt sie durch ein Leben, in dem alles okay ist und doch etwas fehlt.

Die Stärke von Drei liegt in einem für Tykwer ungewohnt komischen Tonfall und in einem Dialogwitz , aus dem seine Schauspieler wunderbare Pointen ziehen. Tykwer ermutigte Rois, das Drehbuch mit eigenen Textideen aufzufüllen, etwa einem Bonmot über Medea als Frau mit einem Damenbindenproblem. »Durch solche Einsprengsel bekommt man Zugriff auf die Person, die man spielt, und quatscht nicht nur Zeug nach«, sagt Rois. In Drei füllt sie ihre Rolle mit einer sophistication und burschikos-erotischen Komödienpräsenz, die an Katharine Hepburn erinnert. Etwa wenn sie vor dem Seitensprung auf das Dach eines Plattenbaus flüchtet und die peinliche Situation mit lautem Geschimpfe über verschlossene Notausgänge überspielt.

Wenn sie im Kino sitzt und einen Kampf mit dem Leinwandgeschehen beginnt: »Wir sind zu alt für diese Scheiße.« Oder wenn sie mit der ihr eigenen Verwegenheit einfach nur einen Raum betritt. Dabei steht Rois immer einen wunderbaren Millimeter neben sich. Das mag auch an ihrem leicht österreichischen Einschlag liegen, an ihrer Vertrautheit mit theatraler Verfremdung. »Durch die Distanz kommt man zu sich«, sagt sie. »Natürlich bist du in der Künstlichkeit näher dran. Und natürlich kommt man durch diese leicht überzogene Screwball-Tonlage eher auf den Punkt als durch Naturalismus.«

Am Schönsten führt dies eine Filmszene vor Augen, in der Rois vor dem Ethikrat über Stammzellen spricht. Sie versucht nicht, das Biologengeschwafel von innen heraus mit Sinn zu füllen. Eher scheint sie sich selbst bei ihrem Auftritt zuzuschauen. Wie ein Kind, das einen Erwachsenen spielt. »In dem Sinne habe ich nie aufgehört, Kindertheater zu machen«, sagt Rois. »Ein Kind, das einen Baggerfahrer spielt, geht auch nicht sechs Wochen auf die Baustelle und macht sich Notizen. Das Kind schaut, was es daran interessiert. Und so spiele ich auch. Die andere Seite, diese Erfüllungsschauspielerei, die ist mir fremd, die interessiert mich nicht.« Erfüllungsschauspielerei, Kreativität, Innerlichkeit – das sind Reizwörter, bei denen Rois ihre imaginären Molly-Monster-Drachenzacken aufstellt. »Ich finde es schrecklich, einen Text so zu sprechen, dass er nur ein Hinweis auf die Befindlichkeit der Figur ist«, sagt sie. »Es würde mich auch nicht interessieren, Sigourney-Weaver-mäßig acht Wochen zu den Autisten zu gehen, um mich dann im Schnee zu wälzen.«

Drei Tage später sitzt Sophie Rois in der Kantine der Berliner Volksbühne zwischen erschöpften Kollegen, mit denen sie gerade die vierstündige Vorstellung von Walter Mehrings Der Kaufmann von Berlin gestemmt hat, ein Stimmungsbild der Weimarer Republik. Rois ist erkältet und kalkweiß und sieht aus wie die Kameliendame nach einem Marathonlauf. Am liebsten würde man ihr das Weinglas anheben. An einigen Stellen knirschte die Castorf-Inszenierung mächtig, Szenen schienen noch im Probenzustand, Kollegen kämpften mit Textproblemen, rumpelten gegen das Bühnenbild. Aber Sophie Rois ist glücklich. »Das nicht zu Ende Geführte und Fragmentarische bei Castorf kommt mir total entgegen«, sagt sie. »Das Angespielte und Vorläufige, das Episodische im Epischen. Dieses: ›Ich häng mir ’nen Bart um und bin der Jude‹.«

Mit schwarzem Bart und Schläfenlocken spielt Rois unter Castorfs Regie den jüdischen Kaufmann Kaftan, der im Berlin um 1929 sein Glück machen will, zwischen die politischen Fronten gerät und an sich selbst und am Antisemitismus scheitert. Wie immer, wenn sie auf der Bühne steht, entwickelt Rois’ schmächtige Gestalt eine ungeheure Schwerkraft. Tatsächlich wirkt sie wie eine Ameise, die zehn Tonnen Gewicht stemmt und auch mal durch die Luft wirbelt. Rois zieht, treibt, peitscht die Aufführung, spielt den galizischen Kaufmann zwischen wuseliger Energie und Verzweiflung.

Die Idee, die Rolle mit ihr zu besetzen, findet sie genial: »Eine Frau, die trotzdem nicht penetrant aussieht wie ’ne Frau. Das Festgelegtwerden auf das Geschlecht entspricht ohnehin nicht meinem Selbstverständnis. Dass ich die ganze Zeit ein Geschlecht performe, okay, das habe ich als Lebensaufgabe übernommen. Aber ich bin ganz froh, wenn daneben mal was anderes aufscheint. Ich bin da auf der Bühne ja gleich zweimal falsch: als Jude und als Frau.« Oder auch zweimal richtig? Das stereotype Bild des geschäftssinnigen Juden, der von den anderen verachtet und schließlich vernichtet wird, gleitet durch Rois in einen freien Assoziationsraum. Einmal singt sie auf der Bühne leise Johnny Cashs Song I walk the line . Immer lauter singt sie und beginnt dazu einen Klezmertanz. Es ist die Anverwandlung und Befreiung einer Bühnenfigur. »Ich denke da eher an: Louis de Funès spielt Rabbi Jacob«, sagt Sophie Rois. »Oder an Emil und die Detektive . «