1. Wenn ich Heiligabend zum Frisör gehe, muss ich dann mehr Trinkgeld geben?

Ja, ja, ja! Und das Beste: An Weihnachten – dem Gnadenfest – darf man sogar ein Trinkgeld geben, wenn man mit der Frisur nur halb zufrieden ist. An Weihnachten feiern wir die Großzügigkeit Gottes, der uns seinen Erlöser geschickt hat, und wie ließe sich diese Idee besser in die Tat umsetzen als durch ein Trinkgeld, obwohl man beim Blick in den Spiegel am liebsten heulen möchte?

Heike Faller, Redakteurin des ZEITmagazins

2. Soll an Weihnachten der Fernseher ausgeschaltet bleiben?

Ich weiß nicht ganz genau, wie die Fernsehsender ihre Filme abspeichern – ob es da so eine Art Stichwortkatalog gibt. Vielleicht so: Ein Praktikant muss einen Film schauen und sich Stichworte notieren, nach denen dieser Film dann verschlagwortet wird. Bei Stirb langsam könnten diese Schlagworte lauten: Bruce Willis/barfuß/Hochhaus/Tote/Gewalt/Weihnachten. Denn die Handlung von Stirb langsam spielt an Weihnachten, jedenfalls im ersten und im zweiten Teil, bei Teil drei und Teil vier nicht mehr, keine Ahnung, warum die das da geändert haben. Jedenfalls stelle ich mir weiter vor, dass im Sommer ein anderer Praktikant, der das Programm für Weihnachten zusammenschustert, "Weihnachten" in eine Suchabfrage eingibt – und dann als ersten Treffer Stirb langsam erhält. Achselzuckend wird er den Film also ins Programm aufnehmen. Und deshalb kommt seit Jahren jedes Jahr an Weihnachten Stirb langsam.

Das ist natürlich großer Unfug und macht keinen Sinn. Wenig Sinn macht es in diesem Jahr, dass die ARD schon am 7. Dezember den Klassiker Wir sind keine Engel gezeigt hat, denn auch das ist eine Tradition: große, schöne Filme, die nur an Weihnachten Sinn machen! Der größte und schönste ist natürlich Ist das Leben nicht schön? . Den habe ich einmal aus Versehen im Frühjahr geschaut und abweichend von meinen sonstigen Reaktionen (Heulen, Menschenliebe, Zuversicht) tat sich nichts bei mir.

Also: Das Fernsehprogramm an Weihnachten zeigt zweierlei – das Schönste und das Schlimmste, wozu das Fernsehen imstande ist. Der Fernseher soll also nicht aus bleiben an Weihnachten, er soll ruhig gezielt eingeschaltet werden. Eine Regel, die durchaus das ganze Jahr über gelten darf.

Matthias Kalle, Berater des ZEITmagazins

3. Darf ich in die Christmette gehen, obwohl sie mir nichts bedeutet – allein um die Feierlichkeit zu steigern?

Jeder Mensch ist jeden Sonntag herzlich zu jedem Gottesdienst im Land willkommen. Niemand fragt an der Kirchentür nach Mitgliedschaft oder Motivation. Niemand muss befürchten, befragt, vorgestellt oder aufgerufen werden. Das ist auch am Heiligen Abend so. Ich habe mich immer gefreut über die vielen Menschen, die kommen. Sie zeigen, dass sie noch wissen: Wir feiern kein Winterwohlfühlfest, sondern erinnern an die Geburt des ganz besonderen Kindes, von dem Christen glauben, dass es Gottes Sohn ist.

Einmal saß neben mir auf dem Fußboden im völlig überfüllten Altarraum ein Junge. Als die Lektorin die Weihnachtsgeschichte des Lukas zu lesen begann, stöhnte er hörbar auf: "O Mann, die Story kenne ich schon!" Ich habe ihm gesagt: "Gut, dass du sie kennst! Du wirst sie in deinem Leben immer wieder hören, mit deinen Eltern, vielleicht allein, vielleicht mit deiner Frau, als Vater oder wenn du alt bist. Sie wird dich begleiten und immer neu klingen." Und so freue ich mich, wenn diese Geschichte und diese Rituale Menschen in unserem Land begleiten. Sie mögen mal mehr bedeuten, mal weniger, mal im Glauben gehört werden, mal im Zweifel oder mit Abstand. Aber sie beheimaten. Sie rühren auch diejenigen an, die vielleicht nur "die Feierlichkeit steigern" wollen. Zumindest wissen sie, was wir feiern an Weihnachten. Insofern: Herzlich willkommen zum Gottesdienst!

Margot Käßmann, evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin, von 2009 bis 2010 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland

4. Darf man beschließen, sich nichts mehr zu schenken?

Natürlich ist es eigentlich blödsinnig, sich gegenseitig Geschenke zu machen, wenn man, wie viele Paare, aus dem gleichen finanziellen Topf lebt. Streng genommen bestiehlt man sogar den Partner. Trotzdem gibt es nichts Unromantischeres, nichts Traurigeres als Paare, die sich nichts mehr schenken, "weil man schon alles hat", "weil man den Konsumterror satt hat" oder "weil man soeben einen neuen Kühlschrank gekauft hat". Wenn ein Paar so etwas beschließt, dann hat es aufgegeben, sich überraschen zu wollen. Sich froh zu machen. Also: Schenken muss immer gehen, auch wenn der Kühlschrank, den man gerade gemeinsam erworben hat, sehr teuer war und man den gemeinsamen Dispo voll ausgeschöpft hat. Man kann nämlich auch schenken wie Nachkriegseltern, die kein Geld hatten: Indem man Fahrräder repariert, Möbel streicht, Tapeten klebt. Man darf sich nur nicht dabei erwischen lassen.

Matthias Stolz, Redakteur des ZEITmagazins

5. Wie lange muss ich die Schwiegereltern aushalten?

Bekanntlich ist das Zeiterleben subjektiv und emotional geprägt – es gibt himmlische Stunden, die im Flug vergehen, und höllische Minuten, von denen jede zu lang ist. Daher würde ich raten, nach einer qualitativen Antwort zu suchen und ein Projekt zu finden, in dem die Schwiegereltern erträglich sind, beispielsweise ein Ritual: eine Gans essen, Plätzchen backen, die Christmette besuchen, einen Spaziergang machen, immer etwas mit Anfang, (er)füllender Beschäftigung und klarem Ende.

Wolfgang Schmidbauer, Psychoanalytiker und Autor der Liebes-Kolumne im ZEITmagazin