Historisches ExperimentDas Wunder von Wörgl

Wie bekommt man das Geld zum Zirkulieren und in hoffnungsloser Rezession die Wirtschaft in Schwung? Ein österreichischer Bürgermeister wagte 1932 ein erstaunliches Experiment von 

Zahltag: Wörgler Bauarbeiter werden mit Freigeld entlohnt

Zahltag: Wörgler Bauarbeiter werden mit Freigeld entlohnt  |  © Unterguggenberger Institut Wörgl/Archiv

Es ist nicht bekannt, wem die verbotene politische Zeitschrift gehörte, die ein österreichischer Lokomotivführer im Jahr 1916 in der Nähe der Front des Ersten Weltkriegs findet. Einem friedensbewegten Major vielleicht, einem linken Sanitäter, einem ökonomisch interessierten Feldwebel? Auch weiß niemand, was passiert wäre, hätte der Lokführer mit dem Namen Michael Unterguggenberger das Heft liegen gelassen und sich auf das beschränkt, was der Kaiser von Österreich von ihm erwartete, hier in Galizien, in der heutigen Ukraine: lange Züge mit Munition und Truppen in die vorderen Linien bringen. Mithelfen, die Russen zu besiegen.

Michael Unterguggenberger aber unterbricht den Dienst am Vaterland für einen Augenblick. Er hebt die Zeitschrift mit dem seltsamen Namen Der Physiokrat auf und beginnt zu lesen.

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Er bringt damit eine Geschichte in Gang, die sich rund 15 Jahre später, während der Weltwirtschaftskrise, um die halbe Erde verbreiten wird. Von einem nie da gewesenen Experiment werden die Zeitungen schreiben, in Deutschland, Frankreich, Amerika. Vom erstaunlichen Scharfsinn eines Dorfbürgermeisters namens Michael Unterguggenberger. Und immer wieder: vom Wunder von Wörgl.

Es ist eine Geschichte über die ebenso gefährliche wie heilsame Kraft des Geldes. Ausgerechnet heute, in einer Zeit neuer Finanzkrisen und Spekulationsblasen, kennt sie fast niemand mehr.

Die Hauptfigur kommt am 15. August 1884 in Tirol zur Welt. Michael Unterguggenberger ist das Kind eines einfachen Arbeiters. Das Lehrgeld für die Ausbildung zum Mechaniker borgt der Junge sich zusammen. Sein Glück ist die Eisenbahn. Im Bauerndorf Wörgl kreuzen sich das Inntal und das Brixental, der ideale Ort für einen Bahnknotenpunkt. Hier suchen sie Heizer, Handwerker, Hilfsarbeiter. Hier findet der junge Unterguggenberger eine Anstellung, nach wenigen Jahren steigt er zum Lokführer auf.

Es gibt ein Foto aus jener Zeit: Unterguggenberger vor einer Dampflokomotive. Vor ihm steht ein Schraubenschlüssel, der ihm von den Füßen bis zur Hüfte reicht. Solch kolossales Werkzeug ist nicht unüblich damals, einerseits, aber der Schraubenschlüssel wirkt auch deswegen so riesig, weil Unterguggenberger ein mickriger Mann ist, mager, kaum größer als 1,60 Meter. Viel Kraft hat er nicht. Reden aber kann er. 1904 wird er Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, später überzeugt er Hunderte von Kollegen, der Wörgler Ortsgruppe der Eisenbahnergewerkschaft beizutreten.

Unterguggenberger ist keiner, der Scheu vor eigenen Gedanken hat. Mit zwölf Jahren musste er die Schule verlassen? Na und, dann liest er jetzt eben umso mehr: Marx und Engels, die Biografie des amerikanischen Autobauers Henry Ford, Analysen der Industrialisierung und des Kapitalismus.

So fängt er an, sich mit dem Geld zu beschäftigen. Auf theoretische Art, selbst hat er ja kaum welches.

Von der Revolution hält der Sozialdemokrat Unterguggenberger nicht viel, dafür ist der 4000-Einwohner-Ort Wörgl zu klein. Wer mit dem Zellulosefabrikanten und dem Brauereibesitzer im Wirtshaus sitzt, schlägt ihnen nicht den Kopf ein. Das Geld, glaubt Unterguggenberger, müsste von selbst zu den Arbeitern fließen. Nur, wie schafft man das?

Diese Frage ist es, die Michael Unterguggenberger durch den Kopf geht auf seinen Eisenbahnfahrten durch das Habsburgerreich. Von dieser Frage ist auch in der politischen Zeitschrift die Rede, die da auf einmal vor ihm liegt, mitten im Krieg.

Der Physiokrat erscheint monatlich, in einer kleinen Auflage von etwa 600 Stück. Herausgeber und einer der wichtigsten Autoren ist Silvio Gesell, geboren 1862, ein Kaufmann, Vegetarier und ökonomischer Autodidakt mit einer seltsamen Idee: Er behauptet, das Grundübel aller Finanzen liege darin, dass Geld anders sei als Eisen. Man kann es lagern, solange man will. Es fängt nicht an zu rosten.

Im Gegenteil, es gewinnt an Wert. Wer sein Geld hortet, wer es anlegt, kann Zinsen kassieren und Zinseszinsen und dabei vergessen, dass irgendjemand die Rendite erwirtschaften muss. Arbeiter, Angestellte, Manager. Solange die Unternehmen genug Gewinne machen, geht alles gut. Aber irgendwann, da werden der größte Fleiß und die besten Ideen nicht reichen, um Zinsen und Zinseszinsen zu zahlen, und dann platzen die Kredite, gehen die Firmen pleite.

Mit dem Ende des Krieges werde das Elend nicht vorbei sein, ahnt Gesell. Nicht Kanonen und Panzer würden die Menschen dann ins Unglück stürzen, sondern Börsen und Banken.

Der Physiokrat fällt der Kriegszensur zum Opfer. Gelesen wird er trotzdem. Unterguggenberger findet Gesells Ansichten interessant, überzeugt ist er noch nicht. Viele Leute behaupten vieles in diesen letzten Tagen der Monarchie. »Gesell war der Meinung, das Geld dürfe der Vergänglichkeit alles Irdischen nicht länger entzogen werden, dann werde es der Welt besser gehen«, sagt der deutsche Ökonom und Gesell-Experte Werner Onken. Eine ganze Theorie konstruiert Gesell um diesen Gedanken herum. Die sogenannte Freigeldlehre. Aber was soll das bedeuten, vergängliches Geld? Wie bringt man Geld zum Rosten?

Jahre später, 1929, passiert das, was Gesell vorausgesehen hat. In New York bricht die Börse zusammen. Spekulanten stürzen sich aus dem Fenster, Banken gehen pleite. Bald ziehen hungernde Arbeitslose durch Amerika, während die Lokführer ihre Züge mit Weizen befeuern, weil niemand mehr Getreide kauft.

Unterguggenberger liest in der Zeitung von der großen Krise. Er überlegt: Wie bringt man es fertig, dass das Geld wieder zirkuliert, dass es bei den einfachen Leuten ankommt, anstatt ewig auf irgendwelchen Konten herumzuliegen? Nun könnte man meinen, dass die ökonomischen Grübeleien des Michael Unterguggenberger für den Gang der Dinge eher unwichtig seien. Was kümmert es die Welt, welche Antworten ein Tiroler Lokomotivführer auf finanztheoretische Fragen gibt. Unterguggenberger aber ist längst mehr als nur Lokomotivführer.

Österreich ist jetzt eine Demokratie, und Unterguggenberger sitzt für die Sozialdemokraten im Gemeinderat. Er führt dort die Fraktion, seit den Wahlen von 1928 sind Sozialdemokraten und Bürgerliche in Wörgl gleich stark. Es besteht ein Patt, und anders als heute üblich entscheidet nicht eine Neuwahl über das neue Gemeindeoberhaupt, sondern das Glück. Beim ersten Mal, 1928, fällt das Los auf den Kandidaten der Bürgerlichen, im Dezember 1931 aber wird erneut das Los gezogen. Unterguggenberger gewinnt. Er, der Arbeitersohn, wird Bürgermeister von Wörgl.

Gerade noch rechtzeitig, muss man sagen. Denn die große Wirtschaftskrise, vor deren Hintergrund sich das Wörgler Wunder ereignen wird, hat, von Amerika kommend, längst Mitteleuropa erreicht. Auch Wörgl. Die Zellulosefabrik, die einst 400 Menschen beschäftigte, ist stillgelegt, die Brauerei kämpft ums Überleben, junge Männer mit braunen Hemden und Hakenkreuzbinden marschieren durch die Marktgemeinde und hinauf zu den Almen. Bei den Landtagswahlen 1932 wird die NSDAP in Österreich fast zwanzig Prozent der Stimmen erhalten.

Leserkommentare
  1. .. auch wenn keine langfristigen Effekte bekannt sind. Mir gefällt z.b. nicht, dass die Geldhortung verschoben werden könnte hin zur Materialhortung, etwa Gold. Vorstellbar sind aber auch andere Güter die ggf. noch nicht einmal einen ökonomischen Wert haben müssen. Wenn jeder denk Tulpen sind toll, dann hortet jeder Tulpen und bewertet sie zunehmend höher, bis jemandem einfällt, dass es nur Blumen sind..

    So ist die langfristige Gefahr der Blasenbildung durch das Freigeld zwar eingeschränkt, aber keineswegs aufgelöst. Die Gefahr der wirtschaftlichen Überhitzung und generellen Fehlallokation bleibt.

    Die Grünen hatten die Einführung von Freigeld übrigens mal in ihrem Parteiprogramm. Wärs da immernoch, dann hätte ich einen Grund ihnen meine Stimme zu geben. Denn mit Freigeld wäre die Welt sicher nicht schlechter als ohne...

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    • genius1
    • 28. Dezember 2010 20:56 Uhr

    ist die Erbschaftssteuer! Diese erfasst alle Werte.

    Die Erbschaftssteuer erfasst alle kapitalisierten Werte, es ist aber nicht zwingend alles kapitalisiert. Die Tulpensamen sind gekauft (also kapitalisiert) aber die daraus entstandenen Blumen und ihre Samen widerum nicht.

    Eine Erbschaftssteuer müsste, um effizient zu sein, also alles erfassen, das es gibt. Das geht nicht oder nur sehr unzureichend. Trotzdem ist sie von allen Steuerarten, direkt oder indirekt, die mit großem Abstand teuerste. 25% von jedem eingenommenen Erbschaftssteuereuro gehen fürs Eintreiben drauf. Nur zum Vergleich: Bei der Umsatzsteuer sind es etwa 3%. Das nenne ich eklig ineffizient.

    Im übrigen, was war eigentlich die Frage?

    ".. auch wenn keine langfristigen Effekte bekannt sind. Mir gefällt z.b. nicht, dass die Geldhortung verschoben werden könnte hin zur Materialhortung, etwa Gold."

    Was sollte einem daran nicht gefallen? Wenn jemand Gold kauft und es behält, dann läuft das für das Gold ausgegebene Geld ja trotzdem weiter um.

    Das einzige Problem, da sich sehe, ist die Art der Einführung. Man könnte bspw. unmöglich dem Euro einfach eine Umlaufsicherung aufdrücken, da aktuell schon so viel Geld "gehortet" wird, dass der plötzliche Rückfluss dieser Geldmassen in die Realwirtschaft unweigerlich eine Hyperinflation zur Folge hätte.

    Der einzige gangbare Weg, den ich bisher kenne, ist eine behutsame, über regionale umlaufgesicherete Währungen organisierte Einführung mit schrittweisem zusammenschluss der erfolgreichen Währungen, sodass dieses neue System in das alte hineinwächst und es langsam aber sicher überflüssig macht.

  2. Danke für diesen Artikel. Etwas ungläubig zuerst, dass die Zeit diesen Artikel veröffentlicht hat, aber dann tatsächlich. Es sollte nicht sein, dass das Wunder von Wörgl für eine ganze Nation übernommen wurde, bisher. Doch schon im Mittelalter gab es solche Geldflussströme. Vielleicht müssen die Menschenwesen erst die aktuelle Erfahrungen machen mit der Möglichkeit durch Geld extrem viel Geld zu verdienen und andere Menschen dadurch in ihren Lebensmöglichkeiten zu ersticken. Dann wenn alles wieder soweit ist wie 1929 oder 1945 könnte es wieder neue Versuche geben....

  3. Alterndes Geld ist eine wirklich schöne Sache, deren Kern logisch absolut überzeugend ist.
    Einziges Problem ist für mich, dass wir nur eine Erde haben und ein Anstieg des Konsums in unserer heutigen Gesellschaft mit einem Anstieg an Umweltzerstörung einhergeht. Damit wird die Lebensgrundlage von uns allen immer schneller und intensiver zerstört und am Ende haben wir nicht mehr das Problem, dass keiner mehr Kartoffeln, Mais und Weizen kauft, sondern, dass diese Produkte so stark belastet sind, dass wir sie nicht mehr gefahrlos essen können.

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    • tron2.0
    • 28. Dezember 2010 19:29 Uhr

    Das wird ja in einer Marktwirtschaft nicht passieren, wo der Bedarf nach gesundem Essen da ist, wird er auch erfüllt.
    Dank der Kreativität vieler Menschen geht es seit tausenden Jahren vorwärts, warum lässt man nicht alles seinen Lauf nehmen?

    fragt der eine den andere: "Und wie geht es?", "Uhm, geht so, ich habe gerade Menschen" sagt der andere. "Oh ja, kenn ich, hatte ich auch. Geht aber vorbei."

    Das wäre dann die ultimative Lösung für alle Umweltfragen... So lange es Menschen gibt, gibt es "Umweltzerstörung", wir sind alle Teil davon. Und so ist es nun mal...

    Und, so schlecht kann es uns gar nicht gehen, denn wir werden alle älter (zumindest in den nicht 3. Welt Staaten).

    Mir werden Umweltthemen mittlerweile zu oft als Totschlagargument für alles mögliche benutzt. Was macht es für einen Unterschied ob Öl, 10 oder 20 Jahre früher oder später ausgeht? Fakt ist: Irgendwann ist halt Schluss...

    • tron2.0
    • 28. Dezember 2010 19:29 Uhr
    4. #####

    Das wird ja in einer Marktwirtschaft nicht passieren, wo der Bedarf nach gesundem Essen da ist, wird er auch erfüllt.
    Dank der Kreativität vieler Menschen geht es seit tausenden Jahren vorwärts, warum lässt man nicht alles seinen Lauf nehmen?

    • cljk
    • 28. Dezember 2010 19:43 Uhr

    Wir haben doch schon eine Schwundwährung - man danke der Inflation. Jedes Jahr ca. 10% weniger wert als das Jahr zuvor.

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    cljk sitzt einem folgenschweren Irrtum auf.
    Inflation entwertet Löhne und Ersparnisse.
    Die Umlaufgebühr sorgt für einen gleichmäßigen Geldumlauf und ermöglicht so eine dauerhaft inflationsfreie Währung.
    Die Gebühr (20€ bis 100€ pro Bürger und Jahr) macht die Spekulation mit Geld weniger attraktiv, die Währung damit aber stabil.
    Gegen Null sinkende Zinssätze schaffen Entlastungen von bis zu 4500€ pro Jahr und Bürger. Entlastungen bei den Steuern und bei den Konsumpreisen.

  4. Ich denke es ist eine gute Idee, aber man kann sein Geld einfach umtauschen für eine andere Währung.

  5. hat schon vor 20 Jahren in ihrem Goldmann-Taschenbuch "Geld ohne Zinsen und Inflation: Ein Tauschmittel, das jedem dient" versucht, die Idee einer zinslosen Währung wiederzubeleben. Inzwischen hat sich auch der Wirtschaftsprofessor Bernd Senf der Sache angenommen.

    Im Internet habe ich letztes Jahr sogar ein Buch gefunden, in dem versucht wird, Tolkiens "Herr der Ringe" in diesem Sinne zu deuten. Wenn man die Idee weiterspinnt, dann ist der Hobbit, der den Ring dorthin bringen muss, wo er hergekommen ist, z.B. ein einfacher Chiemgauer Gartenfreund, der mit seiner Chiemgauer-Währung die Ork-Banker um den bösen Sauron an der Nase herum führt.

    Ich schätze, so um 2012 schafft er es, aber es kann sein, dass wir noch einen König brauchen, der ihm den Rücken freihält...

    • wotcom
    • 28. Dezember 2010 20:13 Uhr

    Das könnte heute ein Tag werden, an dem etwas beginnt von dem ich nicht mehr zu hoffen wagte dass es möglich ist. Da gibt es in einer der ehemaligen sogenannten wichtigen Zeitungen dieser Bananenrepublik ein ehrliches, wenn auch für meinen Geschmack etwas zu rühriges Auseinandersetzen mit dem Geld. Und hier handelt es sich nicht um eine der üblichen Verdummungs - Märchen. Ich wünsche Ihnen Herr Uchatius den Mut und die Hartnäckigkeit, das hier nicht zu einer Geschichte zu machen, die nur einen Tag leuchten durfte. Und besonders wünsche ich Ihnen und der ZEIT die Entschlossenheit auf das heutige Geldsystem (Geldschöpfung, Zins- und Zinseszins, Exponential vs Wirtschaftswachstum, Steuern als Diener des Zinses, Zinsgewinner und die Konsequenzen auf den sozialen und den Frieden, Ausbeutung von Menschen und den Planeten, die Vermögensverteilung und viele andere unausweichliche Katastrophen) einzugehen. Ich freue mich darauf das hier zu beobachten. Geschehen noch Wunder?

    Eine Leserempfehlung

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