Es ist nicht bekannt, wem die verbotene politische Zeitschrift gehörte, die ein österreichischer Lokomotivführer im Jahr 1916 in der Nähe der Front des Ersten Weltkriegs findet. Einem friedensbewegten Major vielleicht, einem linken Sanitäter, einem ökonomisch interessierten Feldwebel? Auch weiß niemand, was passiert wäre, hätte der Lokführer mit dem Namen Michael Unterguggenberger das Heft liegen gelassen und sich auf das beschränkt, was der Kaiser von Österreich von ihm erwartete, hier in Galizien, in der heutigen Ukraine: lange Züge mit Munition und Truppen in die vorderen Linien bringen. Mithelfen, die Russen zu besiegen.

Michael Unterguggenberger aber unterbricht den Dienst am Vaterland für einen Augenblick. Er hebt die Zeitschrift mit dem seltsamen Namen Der Physiokrat auf und beginnt zu lesen.

Er bringt damit eine Geschichte in Gang, die sich rund 15 Jahre später, während der Weltwirtschaftskrise, um die halbe Erde verbreiten wird. Von einem nie da gewesenen Experiment werden die Zeitungen schreiben, in Deutschland, Frankreich, Amerika. Vom erstaunlichen Scharfsinn eines Dorfbürgermeisters namens Michael Unterguggenberger. Und immer wieder: vom Wunder von Wörgl.

Es ist eine Geschichte über die ebenso gefährliche wie heilsame Kraft des Geldes. Ausgerechnet heute, in einer Zeit neuer Finanzkrisen und Spekulationsblasen, kennt sie fast niemand mehr.

Die Hauptfigur kommt am 15. August 1884 in Tirol zur Welt. Michael Unterguggenberger ist das Kind eines einfachen Arbeiters. Das Lehrgeld für die Ausbildung zum Mechaniker borgt der Junge sich zusammen. Sein Glück ist die Eisenbahn. Im Bauerndorf Wörgl kreuzen sich das Inntal und das Brixental, der ideale Ort für einen Bahnknotenpunkt. Hier suchen sie Heizer, Handwerker, Hilfsarbeiter. Hier findet der junge Unterguggenberger eine Anstellung, nach wenigen Jahren steigt er zum Lokführer auf.

Es gibt ein Foto aus jener Zeit: Unterguggenberger vor einer Dampflokomotive. Vor ihm steht ein Schraubenschlüssel, der ihm von den Füßen bis zur Hüfte reicht. Solch kolossales Werkzeug ist nicht unüblich damals, einerseits, aber der Schraubenschlüssel wirkt auch deswegen so riesig, weil Unterguggenberger ein mickriger Mann ist, mager, kaum größer als 1,60 Meter. Viel Kraft hat er nicht. Reden aber kann er. 1904 wird er Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, später überzeugt er Hunderte von Kollegen, der Wörgler Ortsgruppe der Eisenbahnergewerkschaft beizutreten.

Unterguggenberger ist keiner, der Scheu vor eigenen Gedanken hat. Mit zwölf Jahren musste er die Schule verlassen? Na und, dann liest er jetzt eben umso mehr: Marx und Engels, die Biografie des amerikanischen Autobauers Henry Ford, Analysen der Industrialisierung und des Kapitalismus.

So fängt er an, sich mit dem Geld zu beschäftigen. Auf theoretische Art, selbst hat er ja kaum welches.

Von der Revolution hält der Sozialdemokrat Unterguggenberger nicht viel, dafür ist der 4000-Einwohner-Ort Wörgl zu klein. Wer mit dem Zellulosefabrikanten und dem Brauereibesitzer im Wirtshaus sitzt, schlägt ihnen nicht den Kopf ein. Das Geld, glaubt Unterguggenberger, müsste von selbst zu den Arbeitern fließen. Nur, wie schafft man das?

Diese Frage ist es, die Michael Unterguggenberger durch den Kopf geht auf seinen Eisenbahnfahrten durch das Habsburgerreich. Von dieser Frage ist auch in der politischen Zeitschrift die Rede, die da auf einmal vor ihm liegt, mitten im Krieg.

Der Physiokrat erscheint monatlich, in einer kleinen Auflage von etwa 600 Stück. Herausgeber und einer der wichtigsten Autoren ist Silvio Gesell, geboren 1862, ein Kaufmann, Vegetarier und ökonomischer Autodidakt mit einer seltsamen Idee: Er behauptet, das Grundübel aller Finanzen liege darin, dass Geld anders sei als Eisen. Man kann es lagern, solange man will. Es fängt nicht an zu rosten.

Im Gegenteil, es gewinnt an Wert. Wer sein Geld hortet, wer es anlegt, kann Zinsen kassieren und Zinseszinsen und dabei vergessen, dass irgendjemand die Rendite erwirtschaften muss. Arbeiter, Angestellte, Manager. Solange die Unternehmen genug Gewinne machen, geht alles gut. Aber irgendwann, da werden der größte Fleiß und die besten Ideen nicht reichen, um Zinsen und Zinseszinsen zu zahlen, und dann platzen die Kredite, gehen die Firmen pleite.

Mit dem Ende des Krieges werde das Elend nicht vorbei sein, ahnt Gesell. Nicht Kanonen und Panzer würden die Menschen dann ins Unglück stürzen, sondern Börsen und Banken.

Der Physiokrat fällt der Kriegszensur zum Opfer. Gelesen wird er trotzdem. Unterguggenberger findet Gesells Ansichten interessant, überzeugt ist er noch nicht. Viele Leute behaupten vieles in diesen letzten Tagen der Monarchie. »Gesell war der Meinung, das Geld dürfe der Vergänglichkeit alles Irdischen nicht länger entzogen werden, dann werde es der Welt besser gehen«, sagt der deutsche Ökonom und Gesell-Experte Werner Onken. Eine ganze Theorie konstruiert Gesell um diesen Gedanken herum. Die sogenannte Freigeldlehre. Aber was soll das bedeuten, vergängliches Geld? Wie bringt man Geld zum Rosten?

Jahre später, 1929, passiert das, was Gesell vorausgesehen hat. In New York bricht die Börse zusammen. Spekulanten stürzen sich aus dem Fenster, Banken gehen pleite. Bald ziehen hungernde Arbeitslose durch Amerika, während die Lokführer ihre Züge mit Weizen befeuern, weil niemand mehr Getreide kauft.

Unterguggenberger liest in der Zeitung von der großen Krise. Er überlegt: Wie bringt man es fertig, dass das Geld wieder zirkuliert, dass es bei den einfachen Leuten ankommt, anstatt ewig auf irgendwelchen Konten herumzuliegen? Nun könnte man meinen, dass die ökonomischen Grübeleien des Michael Unterguggenberger für den Gang der Dinge eher unwichtig seien. Was kümmert es die Welt, welche Antworten ein Tiroler Lokomotivführer auf finanztheoretische Fragen gibt. Unterguggenberger aber ist längst mehr als nur Lokomotivführer.

Österreich ist jetzt eine Demokratie, und Unterguggenberger sitzt für die Sozialdemokraten im Gemeinderat. Er führt dort die Fraktion, seit den Wahlen von 1928 sind Sozialdemokraten und Bürgerliche in Wörgl gleich stark. Es besteht ein Patt, und anders als heute üblich entscheidet nicht eine Neuwahl über das neue Gemeindeoberhaupt, sondern das Glück. Beim ersten Mal, 1928, fällt das Los auf den Kandidaten der Bürgerlichen, im Dezember 1931 aber wird erneut das Los gezogen. Unterguggenberger gewinnt. Er, der Arbeitersohn, wird Bürgermeister von Wörgl.

Gerade noch rechtzeitig, muss man sagen. Denn die große Wirtschaftskrise, vor deren Hintergrund sich das Wörgler Wunder ereignen wird, hat, von Amerika kommend, längst Mitteleuropa erreicht. Auch Wörgl. Die Zellulosefabrik, die einst 400 Menschen beschäftigte, ist stillgelegt, die Brauerei kämpft ums Überleben, junge Männer mit braunen Hemden und Hakenkreuzbinden marschieren durch die Marktgemeinde und hinauf zu den Almen. Bei den Landtagswahlen 1932 wird die NSDAP in Österreich fast zwanzig Prozent der Stimmen erhalten.

Rechte und Linke stoßen im Wirtshaus auf den Aufschwung an

In Wörgl ist bald jeder vierte Mann arbeitslos. Der neue Bürgermeister kennt die Gesichter zu dieser Zahl. Die Leute kommen zu Unterguggenberger und bitten um Geld für ihre hungernden Kinder. Unterstützung vom Staat erhalten die Arbeitslosen nur kurz. Ein Zeitzeuge wird später berichten: »Acht bis zehn Bettler am Tag haben an unserer Tür geläutet.«

Der Regierung in Wien fällt als Mittel gegen die Krise nur eines ein: sparen. Die Löhne kürzen, die Staatsausgaben senken, das Personal abbauen. Irgendwann geht es dann allen wieder besser, so das Kalkül. Unterguggenberger wird dazu schreiben: »Das Sinnvolle dieser Maßnahmen liegt auf der Hand und sieht etwa so aus: Ich schränke mich ein und gehe barfuß (hilft das dem Schuster?). Ich schränke mich ein und reise nicht (hilft das der Bundesbahn?). Ich schränke mich ein und esse keine Butter (hilft das dem Bauern?).«

Nein, es hilft nicht, glaubt Unterguggenberger. Ohne Geld gehe niemand einkaufen. Und wenn die Leute keines mehr hätten, müsse die Regierung es ihnen geben.

Die Regierung in Wörgl, das ist jetzt er. Der Bürgermeister Unterguggenberger beschließt, nicht zu sparen. Im Gegenteil, er will im Auftrag der Gemeinde eine Brücke bauen, Straßen reparieren lassen, das ist der erste Teil seines Plans. Dann kommt Geld unter die Leute, dann fließt es wieder. Aber vermutlich nicht besonders weit. Die Bauarbeiter, die Zimmermänner, die Ingenieure würden ihren Lohn kassieren. Und dann? Würden sie das Geld wohl sparen in diesen schlechten Zeiten, um vorzusorgen für noch schlechtere. Geld rostet ja nicht.

Oder vielleicht doch?

Das ist der zweite Teil des Plans, den Michael Unterguggenberger den Gemeinderäten und Würdenträgern von Wörgl vorträgt, im Gasthof Zur Post. Neues, anderes Geld will er in Umlauf bringen, Geld, das sich von den herkömmlichen Banknoten in einem unterscheidet: Damit es gültig bleibt, muss man jeden Monat eine Wertmarke auf den Schein kleben. So hatte Silvio Gesell es vorgeschlagen, so will Unterguggenberger es jetzt ausprobieren. Wer einen 10-Schilling-Schein über das Monatsende hinaus behalten will, muss für zehn Groschen eine Marke kaufen. Es ist dann eigentlich nur noch ein 9,90-Schilling-Schein.

Das Geld wird also vergänglich, das war Gesells Idee. Es verliert an Wert. Außer man gibt es vorher aus.

Am Morgen des 25. Juli 1932 kracht es in Wörgl. Hämmer schlagen auf Felsen, Steine fallen in Schubkarren, Schaufeln kratzen über Schotter. »Fröhlich stimmender Lärm« sei das gewesen, schreibt der österreichische Historiker und Journalist Wolfgang Broer 2007 in seinem Buch Schwundgeld . Drei Straßen und die Volksschule werden an die Kanalisation angeschlossen. Eine Eisenbetonbrücke über einen Gebirgsbach wird gebaut, eine Skisprungschanze. Nach Monaten, manchmal Jahren der Untätigkeit arbeiten die Arbeiter wieder – und dafür erhalten sie diese kleinen gelben, blauen und rosa Scheine. »Arbeitswertbestätigungen« heißen sie offiziell, bedruckt mit unterschiedlichem Nennwert, ein, fünf oder zehn Schilling, und immer dem gleichen Satz: »Lindert die Not, schafft Arbeit und Brot«.

Zunächst sind die Wörgler skeptisch. Nur vier Läden erklären sich bereit, die neuen Scheine anzunehmen. Einer davon ist das Modegeschäft von Rosa Unterguggenberger, der Frau des Bürgermeisters.

Mit der Zeit aber werden es mehr. Denn die Arbeiter verhalten sich genau so, wie Gesell es vorhergesagt und Unterguggenberger es gehofft hat: Sie geben die Schwundscheine aus. Das neue Geld verhilft den Kaufleuten zu neuen Umsätzen. Also kaufen sie neue Waren ein, bei Handwerkern, Bauern, Fabriken. Die dann wiederum mehr Leute brauchen.

Die Arbeitslosigkeit steigt weiter – in Österreich. In Wörgl sinkt sie. Dafür wachsen die Einkommen und die Steuereinnahmen der Gemeinde. Den Bürgern kommt es vor, als habe jemand mit dem Flugzeug einen Haufen Scheine abgeworfen. Dabei ist kaum mehr Geld da als vorher. Im Schnitt sind bloß 5500 Schilling in Arbeitswertbestätigungen im Umlauf. Die Scheine zirkulieren nur schneller. Vom Zimmermann zum Metzger, vom Metzger zum Bauern, vom Bauern zum Wirt, vom Wirt zum Zimmermann, und jeder bekommt etwas dafür.

Nachbargemeinden übernehmen das Experiment, ein Schwimmbad entsteht. Das neue Geld sorgt für eine überraschende Einigkeit in Wörgl. Im Rest des Landes ringen Sozialdemokraten, Austrofaschisten und Nationalsozialisten um die Macht. Parteiarmeen liefern sich Schießereien. Eine Zeitung titelt: Weg mit dem Parlament, die Diktatur muss her!

In Wörgl aber schlichtet der Erfolg des Freigelds jeden Streit. Der Gemeinderat steht einstimmig hinter dem Bürgermeister. Rechte und Linke stoßen im Wirtshaus auf den Aufschwung an.

Bald setzen sich Journalisten dazu. Sonst locken eher die schlechten Neuigkeiten die Zeitungsleute an. Jetzt aber hat die gute Nachricht Seltenheitswert. Die Reporter laufen durch die Straßen, befragen den Arzt, den Schneider, den Kinobesitzer. Sie suchen das Geheimnis von Wörgl. Keine Bodenschätze? Kein Großinvestor? Ein paar farbige Scheine – das soll alles sein?

Es ist alles. Die Leute kaufen wieder ein, und plötzlich geht es ihnen besser. Der Kapitalismus mag mitunter als undurchsichtiges System erscheinen, geprägt von Handelsströmen, Renditekurven und Zinsfüßen. Was sich da in Wörgl abspielt aber, beweist, dass es letztlich nur auf eines ankommt: Möglichst viele Menschen müssen möglichst oft Geld ausgeben.

Die ersten Zeitungsberichte über das Tiroler Schwundgeld gehen in Druck, nicht nur in Österreich. In England, Jugoslawien, Rumänien erscheinen Artikel. Ein französisches Magazin bezeichnet Wörgl als »neues Mekka der Volkswirtschaft«. Amerikanische Zeitungen berichten vom außergewöhnlichen »Mayor Unterguggenberger« aus der kleinen Gemeinde »in the heart of the mountains«.

Ein Reporter, der Bürgermeister Unterguggenberger befragt, schreibt später: »Während ich mich mit ihm unterhalte, wird er dreimal durch Ferngespräche unterbrochen. Anfragen einer Wiener Redaktion, ein Schweizer Journalist, der aus Zürich um Auskunft bittet, und noch eine Anfrage aus Leipzig.«

Unterguggenberger ist viel unterwegs in diesen Monaten. Wie einst als Lokführer reist er umher. Er hält Vorträge in Österreich, in der Schweiz. Er, der Ortsvorsteher einer kleinen Gemeinde, ist auf einmal der bekannteste Bürgermeister des Landes.

Bei der Regierung in Wien gehen Briefe ein, die fordern, Unterguggenberger zum neuen Finanzminister zu machen. Im Frühsommer 1933 spricht er im Wiener Restaurant Kaiserhof vor 170 anderen Bürgermeistern, die darüber nachdenken, es Wörgl gleichzutun. Alle wollen sie das Schwundgeld einführen. Es geht jetzt nicht mehr um ein paar Nachbargemeinden, es geht um Städte wie Linz, Steyr, Spittal. Es geht um einen Teil der Republik.

Warum auch nicht? Warum soll aus dem Wunder von Wörgl nicht ein Wunder von Wien, ein Wunder von Österreich werden?

Weil die Österreichische Nationalbank es nicht will. Nur sie darf Banknoten herausgeben. So steht es im Gesetz, und so soll es bleiben. Schon kurz nach der Einführung des Notgelds ist in einem internen Schreiben der Bank von der »Abstellung dieses Unfugs« die Rede. Gegen einen behördlichen Bescheid Anfang 1933, das Experiment zu beenden, legt Unterguggenberger noch Widerspruch ein, schon ahnend, dass »die Großkopferten mir diese Sache hier verbieten würden«. Am 18. November 1933, knapp anderthalb Jahre nach Beginn des Experiments, aber entscheidet der österreichische Verwaltungsgerichtshof: Das Wörgler Notgeld verstößt gegen das Gesetz.

Das Wunder ist vorbei.

Die Scheine werden eingezogen, die Bauarbeiter, die für die Gemeinde im Einsatz waren, werden entlassen. Die Umsätze der Geschäftsleute sinken wieder, ebenso die Steuereinnahmen. »Hier ist die Not nicht von Gott gesandt, sondern durch Gesetze und menschliche Verwirrung verordnet«, schreibt der enttäuschte Unterguggenberger in einem Brief an eine Zeitungsredaktion.

Auch der große Ökonom John Maynard Keynes preist die Idee

Die Krise kehrt zurück in die Tiroler Marktgemeinde. Es dauert nicht lange, bis die Wörgler alte Feindschaften auffrischen. Mitte Februar 1934 greifen Polizisten und Einheiten der rechten Heimwehr in mehreren österreichischen Städten bewaffnete Sozialdemokraten an. Auch in Wörgl wird gekämpft. Junge Sozialisten verschanzen sich in der alten Zellulosefabrik. Die Heimwehr will sie entwaffnen, Schüsse fallen, mehrere Männer werden verletzt; bevor es Tote gibt, gelingt es Unterguggenberger, durch Verhandlungen den Kampf zu beenden. Ihm, dem gemäßigten Sozialdemokraten, vertrauen beide Seiten.

Es ist die letzte politische Tat des ehemaligen Lokomotivführers Unterguggenberger, der wenige Tage später auch ein ehemaliger Bürgermeister ist. Die austrofaschistische Regierung unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuß lässt die Sozialdemokratische Arbeiterpartei auflösen, Unterguggenberger muss zurücktreten. Im Dezember 1936 stirbt er, schon lange an schwerem Asthma erkrankt, im Alter von 52 Jahren an einer Lungenembolie.

Wenige Monate zuvor hat sich der britische Ökonom John Maynard Keynes, der als bedeutendster Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts gilt, eingehender mit dem Freigeldtheoretiker Silvio Gesell befasst, »dem zu Unrecht übersehenen Propheten«, wie Keynes ihn nennt. 1930 war Gesell gestorben, nachdem er es 1919 kurzzeitig zum Finanzminister der Münchner Räterepublik gebracht hatte. »Ich glaube, die Zukunft wird vom Geiste Gesells mehr lernen als von jenem von Marx«, schreibt Keynes.

Er irrte. Der Zweite Weltkrieg löschte viele Erinnerungen an das Wunder von Wörgl, die Freigeldlehre blieb eine Außenseitertheorie, selbst vielen Fachleuten unbekannt. Und doch ist sie nach wie vor lebendig. Unbemerkt von der großen Wirtschaftswelt, gibt es heute im deutschsprachigen Raum Dutzende regional gültiger Schwundwährungen. Sie heißen Urstromtaler, Chiemgauer oder Rheingold. Manche sind eine Spielerei, andere eine ernsthafte Zweitwährung, immer aber hatten ihre Initiatoren denselben Gedanken: Das Geld soll nicht herumliegen, es soll zirkulieren, vom Zimmermann zum Metzger, vom Metzger zum Bauern, auf dass es allen besser gehe, wie einst in Wörgl.