In Wörgl ist bald jeder vierte Mann arbeitslos. Der neue Bürgermeister kennt die Gesichter zu dieser Zahl. Die Leute kommen zu Unterguggenberger und bitten um Geld für ihre hungernden Kinder. Unterstützung vom Staat erhalten die Arbeitslosen nur kurz. Ein Zeitzeuge wird später berichten: "Acht bis zehn Bettler am Tag haben an unserer Tür geläutet."

Der Regierung in Wien fällt als Mittel gegen die Krise nur eines ein: sparen. Die Löhne kürzen, die Staatsausgaben senken, das Personal abbauen. Irgendwann geht es dann allen wieder besser, so das Kalkül. Unterguggenberger wird dazu schreiben: "Das Sinnvolle dieser Maßnahmen liegt auf der Hand und sieht etwa so aus: Ich schränke mich ein und gehe barfuß (hilft das dem Schuster?). Ich schränke mich ein und reise nicht (hilft das der Bundesbahn?). Ich schränke mich ein und esse keine Butter (hilft das dem Bauern?)."

Nein, es hilft nicht, glaubt Unterguggenberger. Ohne Geld gehe niemand einkaufen. Und wenn die Leute keines mehr hätten, müsse die Regierung es ihnen geben.

Die Regierung in Wörgl, das ist jetzt er. Der Bürgermeister Unterguggenberger beschließt, nicht zu sparen. Im Gegenteil, er will im Auftrag der Gemeinde eine Brücke bauen, Straßen reparieren lassen, das ist der erste Teil seines Plans. Dann kommt Geld unter die Leute, dann fließt es wieder. Aber vermutlich nicht besonders weit. Die Bauarbeiter, die Zimmermänner, die Ingenieure würden ihren Lohn kassieren. Und dann? Würden sie das Geld wohl sparen in diesen schlechten Zeiten, um vorzusorgen für noch schlechtere. Geld rostet ja nicht.

Oder vielleicht doch?

Das ist der zweite Teil des Plans, den Michael Unterguggenberger den Gemeinderäten und Würdenträgern von Wörgl vorträgt, im Gasthof Zur Post. Neues, anderes Geld will er in Umlauf bringen, Geld, das sich von den herkömmlichen Banknoten in einem unterscheidet: Damit es gültig bleibt, muss man jeden Monat eine Wertmarke auf den Schein kleben. So hatte Silvio Gesell es vorgeschlagen, so will Unterguggenberger es jetzt ausprobieren. Wer einen 10-Schilling-Schein über das Monatsende hinaus behalten will, muss für zehn Groschen eine Marke kaufen. Es ist dann eigentlich nur noch ein 9,90-Schilling-Schein.

Das Geld wird also vergänglich, das war Gesells Idee. Es verliert an Wert. Außer man gibt es vorher aus.

Am Morgen des 25. Juli 1932 kracht es in Wörgl. Hämmer schlagen auf Felsen, Steine fallen in Schubkarren, Schaufeln kratzen über Schotter. "Fröhlich stimmender Lärm" sei das gewesen, schreibt der österreichische Historiker und Journalist Wolfgang Broer 2007 in seinem Buch Schwundgeld . Drei Straßen und die Volksschule werden an die Kanalisation angeschlossen. Eine Eisenbetonbrücke über einen Gebirgsbach wird gebaut, eine Skisprungschanze. Nach Monaten, manchmal Jahren der Untätigkeit arbeiten die Arbeiter wieder – und dafür erhalten sie diese kleinen gelben, blauen und rosa Scheine. "Arbeitswertbestätigungen" heißen sie offiziell, bedruckt mit unterschiedlichem Nennwert, ein, fünf oder zehn Schilling, und immer dem gleichen Satz: "Lindert die Not, schafft Arbeit und Brot".

Zunächst sind die Wörgler skeptisch. Nur vier Läden erklären sich bereit, die neuen Scheine anzunehmen. Einer davon ist das Modegeschäft von Rosa Unterguggenberger, der Frau des Bürgermeisters.

Mit der Zeit aber werden es mehr. Denn die Arbeiter verhalten sich genau so, wie Gesell es vorhergesagt und Unterguggenberger es gehofft hat: Sie geben die Schwundscheine aus. Das neue Geld verhilft den Kaufleuten zu neuen Umsätzen. Also kaufen sie neue Waren ein, bei Handwerkern, Bauern, Fabriken. Die dann wiederum mehr Leute brauchen.

Die Arbeitslosigkeit steigt weiter – in Österreich. In Wörgl sinkt sie. Dafür wachsen die Einkommen und die Steuereinnahmen der Gemeinde. Den Bürgern kommt es vor, als habe jemand mit dem Flugzeug einen Haufen Scheine abgeworfen. Dabei ist kaum mehr Geld da als vorher. Im Schnitt sind bloß 5500 Schilling in Arbeitswertbestätigungen im Umlauf. Die Scheine zirkulieren nur schneller. Vom Zimmermann zum Metzger, vom Metzger zum Bauern, vom Bauern zum Wirt, vom Wirt zum Zimmermann, und jeder bekommt etwas dafür.

Nachbargemeinden übernehmen das Experiment, ein Schwimmbad entsteht. Das neue Geld sorgt für eine überraschende Einigkeit in Wörgl. Im Rest des Landes ringen Sozialdemokraten, Austrofaschisten und Nationalsozialisten um die Macht. Parteiarmeen liefern sich Schießereien. Eine Zeitung titelt: Weg mit dem Parlament, die Diktatur muss her!

In Wörgl aber schlichtet der Erfolg des Freigelds jeden Streit. Der Gemeinderat steht einstimmig hinter dem Bürgermeister. Rechte und Linke stoßen im Wirtshaus auf den Aufschwung an.

Bald setzen sich Journalisten dazu. Sonst locken eher die schlechten Neuigkeiten die Zeitungsleute an. Jetzt aber hat die gute Nachricht Seltenheitswert. Die Reporter laufen durch die Straßen, befragen den Arzt, den Schneider, den Kinobesitzer. Sie suchen das Geheimnis von Wörgl. Keine Bodenschätze? Kein Großinvestor? Ein paar farbige Scheine – das soll alles sein?

Es ist alles. Die Leute kaufen wieder ein, und plötzlich geht es ihnen besser. Der Kapitalismus mag mitunter als undurchsichtiges System erscheinen, geprägt von Handelsströmen, Renditekurven und Zinsfüßen. Was sich da in Wörgl abspielt aber, beweist, dass es letztlich nur auf eines ankommt: Möglichst viele Menschen müssen möglichst oft Geld ausgeben.

Die ersten Zeitungsberichte über das Tiroler Schwundgeld gehen in Druck, nicht nur in Österreich. In England, Jugoslawien, Rumänien erscheinen Artikel. Ein französisches Magazin bezeichnet Wörgl als "neues Mekka der Volkswirtschaft". Amerikanische Zeitungen berichten vom außergewöhnlichen "Mayor Unterguggenberger" aus der kleinen Gemeinde "in the heart of the mountains".

Ein Reporter, der Bürgermeister Unterguggenberger befragt, schreibt später: "Während ich mich mit ihm unterhalte, wird er dreimal durch Ferngespräche unterbrochen. Anfragen einer Wiener Redaktion, ein Schweizer Journalist, der aus Zürich um Auskunft bittet, und noch eine Anfrage aus Leipzig."

Unterguggenberger ist viel unterwegs in diesen Monaten. Wie einst als Lokführer reist er umher. Er hält Vorträge in Österreich, in der Schweiz. Er, der Ortsvorsteher einer kleinen Gemeinde, ist auf einmal der bekannteste Bürgermeister des Landes.

Bei der Regierung in Wien gehen Briefe ein, die fordern, Unterguggenberger zum neuen Finanzminister zu machen. Im Frühsommer 1933 spricht er im Wiener Restaurant Kaiserhof vor 170 anderen Bürgermeistern, die darüber nachdenken, es Wörgl gleichzutun. Alle wollen sie das Schwundgeld einführen. Es geht jetzt nicht mehr um ein paar Nachbargemeinden, es geht um Städte wie Linz, Steyr, Spittal. Es geht um einen Teil der Republik.

Warum auch nicht? Warum soll aus dem Wunder von Wörgl nicht ein Wunder von Wien, ein Wunder von Österreich werden?

Weil die Österreichische Nationalbank es nicht will. Nur sie darf Banknoten herausgeben. So steht es im Gesetz, und so soll es bleiben. Schon kurz nach der Einführung des Notgelds ist in einem internen Schreiben der Bank von der "Abstellung dieses Unfugs" die Rede. Gegen einen behördlichen Bescheid Anfang 1933, das Experiment zu beenden, legt Unterguggenberger noch Widerspruch ein, schon ahnend, dass "die Großkopferten mir diese Sache hier verbieten würden". Am 18. November 1933, knapp anderthalb Jahre nach Beginn des Experiments, aber entscheidet der österreichische Verwaltungsgerichtshof: Das Wörgler Notgeld verstößt gegen das Gesetz.

Das Wunder ist vorbei.

Die Scheine werden eingezogen, die Bauarbeiter, die für die Gemeinde im Einsatz waren, werden entlassen. Die Umsätze der Geschäftsleute sinken wieder, ebenso die Steuereinnahmen. "Hier ist die Not nicht von Gott gesandt, sondern durch Gesetze und menschliche Verwirrung verordnet", schreibt der enttäuschte Unterguggenberger in einem Brief an eine Zeitungsredaktion.