Wolfgang Dauner, Jazzmusiker, Enfant terrible und großer Sohn Stuttgarts, hat ein bewegtes Leben hinter sich. In den Fünfzigern tourte er mit Zarah Leander und Marika Rökk, in den Sechzigern sprengte er die Grenzen des Jazz hin zum Geräusch, zur Elektronik, zu Tanz und Happening. In den Siebzigern vertrat er mit den German All Stars Deutschland im Ausland und wurde mit dem United Jazz And Rock Ensemble zum Popstar des Jazz. Daneben hat er Filmmusiken geschrieben und zwei Kammeropern. Am 30. Dezember wird Dauner 75. Der Jubilar empfängt uns in dem Haus in bester Stuttgarter Hanglage, in dem er mit seiner Frau, der Kostümbildnerin Randi Bubat, lebt.

DIE ZEIT: Herr Dauner, schön haben Sie’s hier.

Wolfgang Dauner: Das hör ich öfter. Die Leute sagen: Mensch, du wohnst in einem tollen Haus, bist versorgt, du hast es gut. Dann sag ich immer: Du, dafür hab ich ungefähr 50 Jahre gebraucht. Und vom Jazz allein kommt’s nicht.

ZEIT: Vom Jazz kann man nicht leben?

Dauner: Sagen wir: Ich hätte nicht so leben können, wie ich leben wollte. Ich hab ja Equipment gebraucht, einen Computer, einen Flügel. Deshalb hab ich Musik für jedes Genre gemacht, Hörspiele, Filmmusik, Musical. Ich hab auch Kindersendungen im SDR Stuttgart produziert, für die Vorschulerziehung. Berührungsängste gibt’s keine bei mir.

ZEIT: Heute gelten Sie als »Deutschlands arriviertester Jazzpianist«.

Dauner: Das haben die anderen gesagt.

ZEIT: Aber für eine Erfolgsgeschichte steht der Name Dauner schon.

Dauner: Ich hab viel Erfolg gehabt, das muss ich sagen. Ich hab mir aber auch viel Ärger damit eingehandelt. Als ich mal die Musik für einen Courths-Mahler-Film geschrieben hab, hätten meine Freunde mich beinahe in der Luft zerrissen. Dabei war’s doch nur ein Job! Auf der anderen Seite bin ich schon in den Fünfzigern Jahr für Jahr nach Donaueschingen gepilgert, zu den Musiktagen. Die Neue Musik hat mich interessiert, aber auch die elektronischen Sachen, der Tanz, das Schauspiel, das Theater. Und natürlich die wirtschaftliche Seite.

ZEIT: Was bedeutet der Jazz für Sie?

Dauner: Es ist das Parallelogramm der Kräfte zwischen Energie und Ausdruck, das die große Leistung des Jazz darstellt. Freiheit. Jazz ist die Freiheit. Wenn man die Dogmen der klassischen Musik kennt, dann ist das aaaaaah, wie die Erleuchtung! Ich hab zum Beispiel nie verstanden, warum man in der Kompositionslehre gesagt kriegt, man darf keine Quintparallelen machen, keine Quartparallelen und womöglich auch keine Oktavparallelen. Diese ganzen Dogmen hab ich nie verstanden. Wenn Sie da rauswollen, brauchen Sie aber viel Power. Und, was das Finanzielle anbelangt, manchmal auch einen guten Rechtsanwalt.

ZEIT: »Wir spielten erst für den Klerus, dann für den Fürsten, dann für das Bürgertum, dann für die Arbeiterklasse, jetzt für den Rechnungshof« – der Satz aus Ihrer Oper Der Urschrei des Musikers hat bereits in den Siebzigern etwas Bilanzierendes.

Dauner: Da geht es einerseits um den Orchestermusiker: So hat sich das ja historisch tatsächlich entwickelt. Aber es geht natürlich auch um die Mechanismen der Schallplattenindustrie, die man besser kennen sollte. Unter meinen Kollegen war ich immer derjenige, der sich die Verträge genau durchgelesen hat. Da standen ja zum Teil Sachen drin! Sie dürfen bei Filmmusiken was rausschneiden, dies verändern, jenes verändern. Das kann doch gar nicht sein! Das macht man doch beim Beethoven auch nicht, oder? (lacht)

ZEIT: Freiheit und Abhängigkeit des Musikers – ist das so etwas wie ein Lebensthema?

Dauner: Ja, das kann sein. Wir waren neugierig und fühlten uns eingeengt. Eine Zeit lang haben wir dann alles infrage gestellt, buchstäblich alles. Wenn das Klavier zersägt werden musste, haben wir eben das Klavier zersägt. Sie müssen aber auch bedenken, aus welcher Generation ich komme, direkt nach dem Krieg. Mein Musikunterricht in der Schule, die reinste Katastrophe! Ich hab damals schon unglaublich gut gespielt, aber nie im Unterricht, da gab’s nicht mal ein Klavier. Die Noten wurden danach vergeben, wie gut man ein Volkslied singen konnte, »Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt«.