Deutsche Mark: Meinen Glückwunsch zum neunten Geburtstag!

Euro: Danke, kann ich gebrauchen. Als Buchgeld bin ich übrigens schon zwölf Jahre alt, aber ich werde ja ohnehin ständig unterschätzt und kleingeredet.

DM: Dein Ruf ist eben nicht der beste. Du solltest mehr auf deine Stabilitä t achten. In meinen mehr als 50 Jahren habe ich stets...

Euro: Mit Verlaub, an Stabilität kann ich es mit dir locker aufnehmen, meine Inflationsraten sind niedriger als deine damals. Und als ich eingeführt wurde, stand ich bei 1,18 Dollar. Heute sind es 1,32 Dollar. Ich bin härter, als du jemals warst.

DM:Die Spekulanten nehmen dich immer wieder aufs Korn . So etwas hat es zu meiner Zeit nicht gegeben.

Euro: Du warst ja auch nur eine einfache Landeswährung. Ich hingegen bin international und – ich scheue mich nicht, es zu sagen – ein europäisches Friedensprojekt.

DM: Schöner Frieden, mit Demos, brennenden Barrikaden und immer neuen Krisengipfeln . Ich habe nie einen Rettungsschirm von 750 Milliarden gebraucht, um sicherzustellen, dass ich nicht aufweiche.

Euro: Würdest du bitte zur Kenntnis nehmen, dass unter diesem Schirm Griechenland und Irland stehen und nicht ich. Die beiden haben unsolide gewirtschaftet, das stimmt. Aber das kann man mir nicht anlasten.

DM: Doch, denn deine Zinsen waren zu niedrig, und deshalb ist dort alles aus dem Ruder gelaufen: die Immobilienpreise, die Kreditvergabe, die Staatsschulden.

Euro: Unsinn. »Meine Zinsen« gibt es gar nicht, es gibt nur Zinsen von Anleihen der einzelnen europäischen Staaten. Und über deren Höhe bestimmen die Finanzmärkte.

DM: Märkte machen gar nichts. Sie sind bloß die Handelsplätze von kleinen und großen Geldanlegern – also von Menschen mit Gewinnhoffnungen und mit Verlustängsten.

Euro: Eben, und alle diese reichen Leute haben ihr Geld in den vergangenen Jahren ziemlich blind und billig an schlechte Schuldner gegeben. Das muss sich jetzt ändern.

DM: Und wie, bitte schön, soll sich das ändern, wenn jedes Land, das in finanzielle Schwierigkeiten kommt, von den anderen herausgepaukt wird? Als nächstes wohl Portugal .

Euro: Wenn sich ein Land das nötige Geld nur noch zu Wucherzinsen leihen kann, müssen ihm die anderen helfen. Das ist eine Frage der Solidarität, und es ist auch klug. Denn wenn jetzt ein Land der Euro-Zone pleiteginge, bräche überall das Chaos aus. Verglichen damit wäre die Lehman-Pleite eine Kneipenschlägerei gewesen. Dann ist der schöne Aufschwung vorbei, bevor er richtig begonnen hat.