Entschlossen blickte Ivo Sanader, einst Premierminister von Kroatien und derzeit in Auslieferungshaft in Salzburg, in die Webcam. Per Videokonferenz stellte er sich den Fragen des Untersuchungsausschusses des Kärntner Landtages, der das Desaster der einst landeseigenen Hypo Alpe Adria-Bank aufklären möchte. Nein, er habe nie Provisionen von dieser Bank erhalten oder verlangt, versicherte der Mann, der sich in seiner Heimat massiven Korruptionsvorwürfen stellen müssen wird. Kein Ausschussmitglied im überfüllten Saal 209 des Klagenfurter Landesgerichts kam auf die Idee nachzuhaken. Etwa, ob er dann nicht Gefälligkeiten von kroatischen Kreditkunden des Kärntner Finanzinstitutes erhalten habe? Infrage kämen zum Beispiel der kroatische Multiunternehmer Miroslav Kutle oder der Industrielle und deutsche Honorarkonsul in Rijeka, Robert Ježić, der nur einen Tag vor Sanader verhaftet worden war. Gegen beide ermittelt die kroatische Antikorruptionsbehörde seit Jahren wegen des Verdachts der Bestechung und des Betrugs. Mit beiden stand die Hypo in umfangreicher Geschäftsbeziehung.

Gerade die oft irrwitzigen Investitionen in Kroatien waren es, welche das provinzielle Geldinstitut, das sich zur Hausbank der Balkanmafia gemausert hatte, an den Rand des Ruins brachten. Die einzige Rettung: Vor einem Jahr musste die Hypo notverstaatlicht werden . Die Bayerische Landesbank, drei Jahre stolzer Mehrheitsaktionär der Bank, hatte zu diesem Zeitpunkt 3,7 Milliarden Euro bei ihrem Kärnten-Abenteuer verloren und das Handtuch geworfen. Unter dem neuen Eigentümer, der Republik Österreich, kämpft die Bank nach wie vor mit milliardenschweren Altlasten. Gottwald Kranebitter, der derzeitige Chef, rechnet auch für 2010 mit »massiven Verlusten«, die er auf 700 bis 900 Millionen Euro schätzt. Ganz Zweckoptimist, hofft er, in zwei Jahren wieder die Gewinnzone erreicht zu haben.

Gegenwärtig gilt jedoch noch ein Großteil seiner Energien der gerichtlichen Aufarbeitung des Bankenskandals. Immer neue Namen landen auf der Liste mit Beschuldigten im Ermittlungsakt 10 St 273/09g der Staatsanwaltschaft Klagenfurt. Die letzten beiden, es handelt sich um zwei kroatische Immobilienmakler, wurden erst kurz vor Weihnachten hinzugefügt.

Es kann noch ein Jahrzehnt dauern, bis die Ermittler klarsehen

Vor einem Jahr war die brisante Liste mit den mutmaßlich für den größten Bankskandal der Zweiten Republik Verantwortlichen noch ein blütenweißes Blatt. Auch der Wissensstand der Ermittlungsbehörden – neben einer Soko Hypo des Bundeskriminalamtes sollen drei Staatsanwälte und eine eigene Einsatzgruppe des Finanzministeriums, die sogenannte CSI Hypo, Licht ins Dunkel bringen – war damals noch von Fakten unbelastet. In erster Linie geht es bei den Nachforschungen um dubiose Kreditgeschäfte, Geldwäsche und die Bildung einer kriminellen Vereinigung . Erst Anfang März, nach einigen Einvernahmen und zwei Wellen von Hausdurchsuchungen, landeten die ersten drei Namen auf der Beschuldigtenliste. Es handelte sich dabei um den ehemaligen Hypo-Vorstand Günter Striedinger, den kroatischen Exgeneral und Immobilienhändler Vladimir Zagorec sowie den in Slowenien geborenen Klagenfurter Geschäftsmann Miro Oblak, der allerdings allmählich in den Hintergrund des Interesses geraten ist.

Immer mehr konzentrieren sich die Ermittlungen hingegen auf Striedinger, Zagorec und die Nummer 7 der Beschuldigtenliste, den früheren Vorstandsvorsitzenden der Hypo Alpe Adria Wolfgang Kulterer. Das Trio soll »im bewussten und gemeinsamen Zusammenwirken mit anderen«, wie es in dem Gerichtsakt mehrfach heißt, das Klagenfurter Geldinstitut um mehrere Hundert Millionen Euro geschädigt haben. Zu den angeblichen Komplizen sollen auch der ehemalige Steuerberater der Bank Hermann Gabriel (Nummer 11) und der einstige Rechtsberater Gerhard Kucher (Nummer 15) zählen. Die Liechtensteiner Wirtschaftstreuhänder Gerold und Wilfried Hoop, das Brüderpaar scheint an 12. beziehungsweise an 49. Stelle im Sünderregister auf, sollen über ein Gewirr von Stiftungen vor allem die finanztechnische Umsetzung der vermuteten Schandtaten orchestriert haben – wobei in allen Verdachtsfällen noch immer die Unschuldsvermutung gelten muss.

Der Schaden dürfte jedenfalls enorm sein: Wolfgang Peschorn, Präsident der Finanzprokuratur und damit zuständig für die Sonderermittlungstruppe des Finanzministeriums, beziffert ihn derzeit auf 300 Millionen Euro. Nach Abschluss der Arbeit seiner Einsatzgruppe könnte allerdings auch das Doppelte dieser Summe auf der Verlustseite stehen. »Es gab nicht die große Abzocke von Milliarden«, sagt Peschorn, »sondern viele, viele Fälle, die jetzt detailliert aufgeschlüsselt werden müssen.« Dabei gehe es in jedem Einzelfall höchstens um zweistellige Millionenbeträge, in Summe ergebe sich aber einen enormer Betrag. Die detektivische Arbeit der rund 100 Juristen und Wirtschaftsprüfer der CSI Hypo wird wohl erst in einem guten Jahrzehnt abgeschlossen sein.