DIE ZEIT :   Sie sind »Hartz-IV-Professor« an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Stuttgart. Was soll man sich denn darunter vorstellen?

Rainer Göckler: Offiziell heißt der Studiengang, den ich leite, Arbeit, Integration und soziale Sicherung. Weil das nicht sehr eingängig ist, bin ich für meine Kinder und einige Kollegen der Hartz-IV-Professor.

DIE ZEIT: Fördert die Arbeitsagentur Ihren Lehrstuhl?

Göckler: Nein. Aber wir reagieren auf die erhöhte Nachfrage nach Fachkräften für sogenannte Grundsicherungsstellen. Das sind nicht nur die Berater in Jobcentern und Arbeitsagenturen, auch in der Aktivierung und Weiterbildung werden Sozialarbeiter gebraucht, die genau wissen, wo die Probleme von Hartz IV liegen.

DIE ZEIT: Diplomierte »Hartz-IV-Experten«?

Göckler: Könnte man sagen. Damit sie breitere Karrierechancen haben, bekommen unsere Bachelorabsolventen zwar einen Abschluss als Sozialpädagoge oder Sozialarbeiter, wie alle anderen Studenten an Fakultäten für Sozialwesen. Aber fachlich kennen sie sich in Arbeitsvermittlung und Hartz IV am besten aus.

DIE ZEIT: Was lernen Ihre Studenten?

Göckler: Neben der konkreten Beratung und Vermittlung vor allem, wie man Arbeitsmärkte analysiert und Stellen akquiriert. Es geht darum, für wenig qualifizierte Menschen einen Job zu finden – zu prüfen, wie der Gesetzgeber sie in ihrer Suche unterstützen kann. Und Lösungen für Menschen zu finden, die der Arbeitsmarkt auch bei noch so viel Unterstützung nicht aufnimmt. All das kommt im klassischen Studium der Sozialen Arbeit kaum vor.

DIE ZEIT: Hartz IV und die Beratung in den Jobcentern wird von vielen Seiten stark kritisiert.

Göckler: Auch ich habe einiges auszusetzen. Aber mir ist wichtig, qualifizierte Fachkräfte auszubilden, die unter schwierigen Bedingungen gute Beratungsarbeit leisten. Die ein Gespür dafür entwickeln, wo Strukturen für die Lage verantwortlich sind und wo die Menschen selbst. Sozialarbeiter dürfen nicht nur Mittler zwischen gemeinschaftlichen Interessen und den individuellen Bedürfnissen Arbeitsloser sein, sie müssen im Einzelfall auch für deren Interessen eintreten. Ohne ethische Standfestigkeit kann man den Job nicht machen.

Interview: Sarah Elsing