Diese Schule ist unbequem. Wer sie einen Tag lang besuchen möchte, muss ein Komitee aus Schülern und Lehrern von seiner Unvoreingenommenheit überzeugen, dafür an einem großen Tisch sitzen und viele Fragen beantworten: »Warum wollen Sie über uns schreiben?«, »Haben Sie eine Meinung zu unserer Schule?«, »Wie soll die Recherche ablaufen?«

Die Neue Schule Hamburg (NSH) erregte Aufsehen, als sie 2007 unter anderem von der Popsängerin Nena und ihrem Lebensgefährten Philipp Palm gegründet wurde, die heute beide im Vorstand sind. Journalisten wurden eher zurückgewiesen, kaum einer bekam Einblick in das Innenleben der Schule.

Mit einer »Inspirations- und Informationstagung« wagte die Schule vor einigen Wochen den Schritt hin zu mehr Transparenz und Öffentlichkeit. Besucher werden aber auch weiterhin kritisch geprüft. Wer die demokratische Abstimmung übersteht, darf schließlich kommen und sich frei in der Altbauvilla in Rahlstedt, am Stadtrand von Hamburg, bewegen.

Die Straßenschuhe werden am Eingang abgestellt. Und am besten lässt man auch alle bisherigen schulischen Erfahrungen vor der Tür. Denn hier ist alles anders. Es gibt keine Klassenräume, keinen Gong, keine festen Stundenpläne, keine Pausen, keinen klassischen Unterricht und keine Noten.

Dafür aber gemeinsame Mittagessen, Zimmer mit Gruppentischen, Bücherregalen und Couchen, ein Chemielabor, eine Bibliothek, Computerarbeitsplätze und einen großen Saal mit knallrotem Konzertflügel und Schäfchenwolkenhimmel an der Wand. Es riecht nach Lagerfeuer, Äpfeln, Holzböden und feuchten Jacken.

»Wer uns nur kurz besucht, könnte vielleicht einen komischen Eindruck bekommen, das ist ja alles erst mal fremd«, sagt der pädagogische Leiter der Schule, Björn Steffen, am Telefon. Er sorgt sich nicht ohne Grund um den Ruf der Neuen Schule Hamburg. Startschwierigkeiten brachten die Schule schnell in die Negativschlagzeilen. Prügelnde Schüler und Eltern, die ihre Kinder wieder von der Schule nahmen, schienen den Kritikern und Skeptikern nur recht zu geben: Ließ sich an dieser Schule überhaupt etwas lernen?

Es sei für alle Beteiligten gewöhnungsbedürftig gewesen, heißt es heute im Rückblick, dass Schüler und Lehrer an dieser Schule gleichberechtigt an sämtlichen konzeptionellen und organisatorischen Fragen beteiligt sind. Die Strukturen und Regeln der demokratischen Schule hätten erst noch gemeinsam entwickelt werden müssen.

Dass sich die Schule inzwischen als staatlich genehmigte Ersatzschule etabliert und sogar in der Hamburger Bildungsbehörde ihre Akzeptanz gefunden hat, zeigt sich nicht zuletzt an der Zusage der Stadt, die Schule von Januar 2011 an mit 85 Prozent ihrer Schülerjahreskosten finanziell zu unterstützen. Sicherlich hat es dem Ansehen der Schule auch genützt, dass sich der populäre Hirnforscher Gerald Hüther öffentlich hinter sie stellt: »Ich bin sehr davon überzeugt, dass das eine tolle Schule mit Vorbildcharakter wird«, sagt er, »die Kinder lernen hier mit Begeisterung statt unter Leistungsdruck.« Nur so könne Wissen langfristig gespeichert und verknüpft werden.

80 Kinder zwischen 6 und 18 Jahren kommen morgens um neun in die Neue Schule und teilen sich den Tag bis 16 Uhr weitgehend selbst ein. Die acht Lehrer machen ihnen Angebote zum Lesen, Schreiben, Rechnen oder Sprachen lernen, aber niemand zwingt sie, darauf einzugehen. So viel Freiheit – kann das gut gehen? Zumindest bewegen sich die Kinder auffallend selbstbewusst durch das Gebäude, das mehr nach einem Zuhause als nach einer Lehranstalt aussieht. Das sind junge aufgeschlossene Menschen, die ihren eigenen Projekten nachgehen.

Chris, 13, zum Beispiel macht seit Tagen nichts anderes, als mit einem Freund einen Spielfilm zu planen. Sie rechnen das Budget aus, suchen Statisten, organisieren das Catering und den Transport zum Hamburger Flughafen. Für die Drehgenehmigung haben sie sich bis zum Verantwortlichen durchtelefoniert. Die ganze Schule weiß von ihrem Vorhaben, regelmäßig erkundigen sich die Lehrer nach dem Stand der Dinge und beraten sie.

Oder Frederic, 17, der am Anfang wenig mit der Freiheit an der NSH anzufangen wusste, dann half er in der Schulküche aus, die unlängst für ihr gesundes Essen ausgezeichnet wurde. Heute könne er für alle eine Woche lang Mittagessen kochen, sagt er.