Um sieben geht sein Flugzeug, um fünf hat er noch einen Termin mit einem Jungunternehmer. Informatikberater Alfonso Wunschheim, dunkler Cord-Sakko, weiße Pochette, ist ein Getriebener. Erst 33 Jahre alt und bereits anderthalb Jahrzehnte im Geschäft. Mit 19 gründete er seine erste Firma, das Studium brach er ab. Er will wirken, gestalten, handeln. »Aber in der Schweiz kommt man dir vor allem beim Geld entgegen, weniger bei der Risikobereitschaft«, sagt Wunschheim. Ende 2010 räumt er seinen Stuhl als CEO beim Internet-Unternehmen local.ch. Aus der Start-up-Firma mit 20 Mitarbeitern machte er einen Betrieb mit 50 Millionen Franken Jahresumsatz und genoss dabei viele Freiheiten. Nun ist der Auftrag erledigt, jetzt übernehmen die Großkonzernmanager von Swisscom und Publigroupe. Ihnen gehört die Firma. Und Wunschheim haut ab. Ins Ausland, am liebsten in die USA. Doch seine Freundin, eine deutsche Primarlehrerin, redet auch ein Wörtchen mit. So werden sie in Hamburg, Frankfurt oder Berlin landen. »Hauptsache, keine Berge vor dem Kopf.«

In Deutschland trifft der Schweizer Wunschheim auf 76.565 Landsleute. Das Land stellt die zweitgrößte Schweizer Kolonie der Welt; nach jener Frankreichs. Insgesamt wohnen 685.000 Eidgenossen in der Fremde, das sind mehr, als der Kanton Aargau Einwohner hat. Und seit 1991 wandern mehr Schweizer aus, als in die Heimat zurückkehren. 25.000 bis 30.000 Auswanderern stehen 20.000 bis 25.000 Rückkehrer gegenüber. Damit beeinflusst die Wanderlust der Schweizerinnen und Schweizer die demografische Entwicklung des Landes stärker als Geburten und Todesfälle. Doch wer diese Auswanderer sind und weshalb sie gehen, das weiß niemand.

Schon als Kind kam Alfonso in der Welt herum. Geboren in Mexiko, besuchte er Schulen in Deutschland und Frankreich. Seine Mutter stammt aus Neuenburg, der Vater aus Österreich. Beide arbeiteten als Expats in der Pharmabranche, heute sind sie Pensionäre in Basel. Karriere machte Wunschheim Junior in der Schweiz. Er war IT-Berater für die UBS, lancierte für die Waadtländer Kantonalbank eine Online-Trading-Plattform. »Die Lebensqualität ist herausragend«, sagt Wunschheim. Aber das Arbeitsumfeld ist andernorts besser. See, Berge, Kultur – damit ködert man ihn nicht. Zu viele Nachteile hat das konservative Schweizer Büroleben, zu klein ist der eigene Spielraum. Zwar habe man als Absolvent schnell viele Möglichkeiten, »aber auf diesem Niveau verharrt man lange«.

Er selbst mag die angelsächsische Mentalität, sein Baseldeutsch ist durchsetzt mit englischen Business-Floskeln. Als Werkstudent arbeitete er in New York, später war er Sloan Fellow am Massachusetts Institute of Technology. Er wurde eingebunden, durfte an Sitzungen des Topmanagements teilnehmen – »natürlich nur als Beisitzer«. Ihn beeindruckte der amerikanische Mut zum Scheitern: »In der Schweiz versucht man à tout prix, keine Fehler zu machen.« In den Firmen möchte niemand auffallen, keiner mag Projektleitungen übernehmen, man könnte ja scheitern. Und Konflikten weicht man aus: »Sind die Unterscheide zu groß, trennen wir Schweizer uns lieber.« Am schwersten hätten es aufstrebende Junge: »Sie sind gefährlicher, denn sie könnten mehr Fehler machen, die man den Chefs anlasten würde.« Alfonso Wunschheim zieht seine Konsequenzen. Er geht.

Auch Petra Rutz Coath, 31, hat genug. Sie zieht nach Kanada. Dabei wollte sich die junge Doktorin der Chiropraktik eine Existenz aufbauen, zusammen mit ihrem Mann Eric. Vor zwei Jahren kam er aus Vancouver zu ihr nach Chur. Doch der 39-Jährige ist unglücklich. Als Strafvollzugsbeamter findet er keinen Job, der seinen Qualifikationen entspricht. Man sagte ihm: »Ausländer haben bei uns keine Aufstiegsmöglichkeiten.« Und obschon er fließend Schriftdeutsch spricht, fühlt er sich fremd. Denn Chur ist nicht Zürich, Basel oder Genf. Die meisten Bündner weigern sich, ihr Schuldeutsch zu sprechen, nach dem ersten Satz wechseln sie in den Dialekt. Petra Rutz Coath fiel aus allen Wolken: »Ich schämte mich dafür, dass es das überhaupt gibt. Das geht einem sehr nahe.«

Kennengelernt hat sich das Paar in Toronto, wo die Schweizerin Chiropraktik studierte. Wie schon ihre Eltern, die vor Jahren in Kanada eine Farm kaufen wollten, war Petra begeistert vom Land. »Es ist nicht so viel reglementiert, man ist freier«, sagt sie. Es habe mehr Platz für alle, das präge die Menschen. Man lebt und lässt die anderen leben. »Als Ausländerin fühlt man sich schnell integriert. Schließlich sind fast alle Kanadier irgendwann eingewandert und haben eine zweite Heimat.«

Die Schweiz vermisst Rutz Coath schon jetzt: »Ich gehe nicht, weil mir die Leute auf die Nerven gehen.« Sondern aus Liebe zu ihrem Mann und ihrer Partnerschaft. Doch der Umzug nach Westkanada, in die Agglomeration von Vancouver, ist für sie ein beruflicher Abstieg. Und ein Risiko. In Chur arbeitet Rutz Coath als Angestellte in einer Praxis, mit eigenem Kundenstamm und guten Beziehungen zur Ärzteschaft. Das Einkommen ist fix, die Karriereaussichten sind gut. Chiropraktorin ist in der Schweiz ein universitärer Medizinalberuf und damit gleichgestellt mit Ärzten.