Der Schweizer Menschenrechtler Jean Ziegler in Genf © Salvatore Di Nolfi/ dpa

Ein klarer Dezembermorgen, die Weinhänge des winzigen Dorfes Russin liegen verschneit in der Vormittagsstille, ab und zu rast ein Schnellzug vorbei. Natürlich ist es kein Zufall, dass er hier wohnt: an der französischen Grenze, wo die Schweiz, wie er zu sagen pflegt, zum Glück fast zu Ende ist.

Jean Ziegler, Soziologieprofessor, Berater der Vereinten Nationen, Gewissen der Weltgemeinschaft, ist hier zu Hause. Als die Tür sich öffnet, taxiert ein neugieriger Blick die Besucher, im Gesicht trägt Ziegler die Hornbrille, die er vor Jahrzehnten einmal in der DDR kaufte. Ein unverbesserlicher Revolutionär wurde er genannt, Stimme der Armen und Schreck der Mächtigen. Nestbeschmutzer und Relikt der sechziger Jahre. Einer, den man nur lieben oder hassen kann.

Seit 50 Jahren schreibt Ziegler an gegen das ungerechte Gefälle zwischen Erster und Dritter Welt ; als einer der Ersten warnte er vor einer entfesselten Globalisierung. Wenn er in diesen Tagen an die Rednerpulte tritt, um sein aktuelles Buch »Der Hass auf den Westen« vorzustellen, trägt er einen dunklen Anzug mit Krawatte. »Je radikaler du sprichst, umso kleinbürgerlicher musst du aussehen«, sagt Ziegler. Er ist inzwischen 76, aber er denkt nicht daran, seinen »Kampf der Ideen« aufzugeben. Nur selten ist er eine Woche lang am Stück zu Hause in Russin. In der Welt gibt es zu viel zu tun.

Sein Wohnzimmer ist hell und freundlich, auf einer Kommode stehen Bilder seiner Familie. Ziegler lebt hier mit seiner zweiten Frau, einer Kunsthistorikerin. Er bittet an einen alten Eichentisch in der Mitte des Raumes und gießt Rotwein ein.

DIE ZEIT : Herr Ziegler, stimmt es, dass Sie pleite sind?

Jean Ziegler : Stimmt. Das Haus, in dem ich wohne, gehört meiner Frau. Mein Auto ist nur geleast. Ich habe mehr als sechs Millionen Franken Schulden.

ZEIT: Immer wieder wurden Sie von internationalen Gerichten dazu verurteilt, Schadensersatz zu zahlen, an Politiker, Banker und Spekulanten, die Sie in Ihren Büchern angegriffen haben.

Ziegler : Diese ganzen Wegelagerer aus dem Zürcher Bankenviertel! Einen von ihnen, den Geschäftsanwalt Hans W. Kopp, den nannte ich Geier. Kostete mich 320.000 Franken, den Geier musste ich zurücknehmen. Aber als das Zürcher Obergericht Kopp später wegen der Irreführung von Investoren verurteilte, hätte ich Betrüger zu ihm sagen dürfen.

ZEIT: An Augusto Pinochet mussten Sie ein Bußgeld von 2000 Franken zahlen, weil Sie ihn als Faschisten bezeichnet hatten.

Ziegler : Üble Nachrede, vergleichsweise günstig! Moussa Traoré, der 23 Jahre Präsident von Mali war, bekam 180.000 Franken. Weil ich schrieb, dass er zwei Milliarden Dollar aus der Staatskasse auf sein Privatkonto in der Schweiz verschoben habe, während die Menschen in seinem Land an Hunger starben. Kleptokrat hab ich ihn genannt.

ZEIT: Hätten Sie den Mund manchmal nicht etwas weniger voll nehmen können?

Ziegler: Nein, man muss ihn voll nehmen, wenn man sich anlegt mit den mächtigen Halunken. Auch wenn ich die Prozesse meist verloren habe, heißt das nicht, dass ich im Unrecht war. Traoré wurde später in Mali wegen der Veruntreuung von Staatsgeldern zum Tode verurteilt. Ich halte es mit Karl Kraus, der über sich sagte, er schieße oft über das Ziel hinaus, doch selten daneben. Verstehen Sie?

ZEIT : Nicht ganz.

Ziegler : Ich meine, diese ganze Justiz ist dazu da, Fassaden aufrechtzuerhalten. Die Banken und Konzerne benutzen sie, um einen unbequemen Autor aus dem Weg zu räumen. Wenn man sie angreift, setzen sie ihre Kommunikationsabteilungen in Gang, teure Presseanwälte, ihren ganzen Apparat, und der sucht dann nach Fehlern im Detail. Ein Feldzug mit dem Ziel, Menschen wie mich finanziell zu zerstören. Zum Glück hatte ich ein internationales Unterstützerkomitee, das mir dabei half, meine Anwälte zu bezahlen.

ZEIT: Dann haben Sie an den Anwälten also auch nicht gespart?

Ziegler : Wie auch? Du bist schon 10.000 Euro los, wenn du nur einen Fuß auf ihren Teppich setzt. Wäre ich eine Putzfrau, wäre ich längst am Ende, fix und fertig.

ZEIT: Wie viele Verfahren laufen heute gegen Sie?

Ziegler : Ein paar noch, aber ich rede nicht so gern darüber.

ZEIT : Haben Sie Angst vor der großen, endgültigen Niederlage?

Ziegler: Nicht mehr. Seit ich bei der Uno bin, genieße ich Immunität. In meinen Buchverträgen gibt es jetzt Klauseln, dass die Verlage meine Anwaltskosten bis zu einer gewissen Höhe übernehmen. Das Schlimmste ist vorbei: die Angst meiner Familie, in dieser Prozessflut unterzugehen, die Angst, den Lehrstuhl zu verlieren, die Morddrohungen, der Polizeischutz. Es hätte ja schnell gehen können: Ich signiere irgendwo ein Buch, und... paff! Es gibt in Genf allerdings noch heute einen Polizeibeamten, dem ich sage, wohin ich verreise. Wenn ich mich heute Abend gegen zehn nicht bei ihm melde, dann würde er fragen, wo ich abgeblieben bin.