Entspannungsindustrie Mach dir keinen Stress!
Nichts wird sozial so genau kontrolliert wie die Erholung: Ein Plädoyer wider die Tyrannei der Entspannung
Zuerst haben wir erfolgreich den Körper professionalisiert. Dann die Seele. Und jetzt wird konsequenterweise auch der Bereich optimiert, in dem Körper und Seele gemeinsame Sache machen: die Entspannung.
Wie kein anderes Wort hat es sich innerhalb der letzten Jahre in unserer Sprache etabliert. Geradezu besessen läuft unsere Gegenwart der Hoffnung hinterher, dass eine Situation, ein Gespräch, ein Wochenende, das Weihnachtsfest, die Zeit zwischen den Jahren »entspannt« gewesen sein möge. Es ist die größte Bestätigung der These, dass wir im atemlosen Zeitalter der »Beschleunigung« leben, wie es der Soziologe Hartmut Rosa diagnostiziert hat, dass permanent nach Möglichkeiten gesucht wird, daraus vorübergehend auszusteigen. Wenn selbst im Drogeriemarkt das Duschgel, der Weichspüler und der Tee »Momente der Entspannung« verheißen, dann hat die Sehnsucht danach epidemische Ausmaße erreicht.
Dabei geht einiges durcheinander. Am schönsten bringt das die Werbebotschaft für das neue Buch mit dem skurrilen Titel Fuck it! Loslassen, Entspannen, Glücklichsein auf den Punkt: »Sagen Sie Fuck it! zu allem, was Sie belastet, es ist der perfekte Ausdruck der westlichen Welt, der alle fernöstlichen Weisheitslehren in sich vereinigt.« Wenn das Brüllen von »Fuck it!« inzwischen als buddhistische Entspannungsübung durchgeht, dann wird sichtbar, wie begierig unsere Gesellschaft von Freuds Analytikercouch auf den west-östlichen Diwan umsteigen will: Entspannung finden in stressigen Zeiten ist die Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe von Psychologie heute. Und diese Umorientierung Richtung Fernost vollzieht sich, wie in Deutschland üblich, gründlich. Genau da liegt die Skurrilität: in dem allgegenwärtigen Bemühen, die Weisheitslehren von Buddhismus, von Yoga und Zen-Meditation mit deutscher Effektivität zu verbinden.
Es ist uns also, trotz seines lange Zeit bedenklichen Immigrationshintergrundes, inzwischen vorbildlich gelungen, Buddha in der gedämmten deutschen Neubauwohnung einzubürgern. Symbolisch sichtbar wurde das, als Jürgen Klinsmann vor zwei Jahren als neuer Trainer bei Bayern München seine Modernität dadurch unter Beweis stellte, dass er neben die Umkleidekabinen und Massagebänke im altbundesrepublikanischen Trainingsgelände zahlreiche Buddha-Statuen verteilte. Damit war das Wort »Entspannung« kurz an seinen Ursprung zurückgekehrt: Denn es handelt sich dabei medizinisch um den notwendigen Gegensatz zur »Anspannung« der Muskulatur. Als langsam erste Wellen fernöstlicher Körper- und Seelenlehren nach Deutschland schwappten, war das Wort durch Willy Brandts »Entspannungspolitik« leider noch anderweitig belegt.
Doch inzwischen ist das Politische vollständig privat geworden. Als die persönlichen Verspannungen immer weiter zunahmen, wurde das Wort dann für den allgemeinen Sprachgebrauch entdeckt. Entspannung ist zur Matrix unserer Zeit geworden, zur »neuen Leitkultur der Generation Stress«, wie die Brigitte schreibt. Trotzdem werden nach dem Yoga noch in der Umkleidekabine hektisch die neu eingegangenen SMS auf dem Handy kontrolliert.
Die Entspannungsbesessenheit ist der Beweis dafür, dass wir das amerikanische Jahrhundert hinter uns lassen und uns im asiatischen Jahrhundert befinden. Die »work-life balance« war das letzte Schlagwort, das es aus den USA noch in die deutsche Küchenpsychologie geschafft hat. Die Balance jedoch, die dort angemahnt wurde, fand man nicht mehr in dem von den Amerikanern vorgeschlagenen Begriff der »quality time«, sondern im Yogastudio und im Entspannungsbad.
Sprachlich führen in Deutschland genau zwei Wege zur Entspannung. Man muss sich entweder »fallen lassen« oder »runterkommen«. Dann ist man da – ganz unten, bei sich. Entspannung ist also der Hobbykeller des 21. Jahrhunderts.
- Datum 01.01.2011 - 12:56 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.12.2010 Nr. 01
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Welch ein entspannender Beitrag!
Indes: Der Autor, so scheint mir, war es bei Herstellen des Textes wohl nocht so ganz? Daß er meinte, den germanischen Furor auspacken zu müssen, deutet jedenfalls darauf hin.
Cool down! Auf ein entspanntes 2011!
Vielleicht, dass die fragmentarische Zugabe von feröstlichen Denkmodellen in homöopatischen Dosen aus kopfgesteuerten Effizienzmonstern wie wir es sind noch lange keinen (Teilzeit-)Zen-Buddhisten macht.
"Toga NON fecit Monacum"(?)
dennoch: Leider ist es in unserer Gesellschaft in Verruf geraten, sich zu entspannen, zu träumen, eben auch mal Nichts zu tun. Seit Luther definiert sich der Europäer fast ausschließlich über seine Tätigkeit/Beruf. Und genau aus diesem Grund muss man aus meiner Sicht das Thema "Entspannung vs. Belastung/Stress" kampagnenartig wieder aufrollen, da die Belastungen und Anforderungen im Beruf auch zukünftig weiter steigen werden. Wenn man von einer Gesellschaft verlangt, zum Zeitpunkt x jeden Tag voll da zu sein und dies oftmals über 12 h/Tag, dann bleibt eben aufgrund mathematischer Grundgesetze nur ein kleines Fenster um den doch so wichtigen Ausgleich nachzukommen. Das Schlimme an der Sache ist, dass es den Arbeitgebern (nicht wie oftmals dargestellt)eben völlig egal ist, wie jemand wieder "runterkommt". Die Folge: Drogenmißbrauch im Job (Alkohol, Tabletten usw.), Folgekrankheiten durch Selbst- und Fremdausbeutung (wie Depression oder Burnout) sind auf dem Vormarsch. Der Mensch ist eben keine Maschine - versucht sich aber so zu benehmen. Zum hier erwähnten Buch "Fuck it" möchte ich sagen, dass mir die Kritik hier zu kurz greift. Man kann vieles durch den Kakao ziehen aber fakt ist nun mal, dass der Europäer mit fernöstlichen Philosophien so seine Schwierigkeiten hat (da nicht rational), das "Loslassen" aber grundvoraussetzung für ein entspannteres Leben ist - so wird mit diesem Buch recht einfach geschildert, wie man mal seinen Blickwinkel ändern kann. Naja - meine Meinung...
kommt mir, mit Verlaub, im täglichen Leben alles andere als entspannt vor. Dass sich der "Europäer" (ist das nicht ein sehr weites, ganz differenziert bebautes Feld?) standardmäßig über seinen Beruf definiere, ist ein Sterotyp, das, meist spezifischer auf die Deutschen gemünzt, durch ständige Wiederholung auch nicht wahr wird. Gerade die fernöstliche Industriekultur steht in unserer Wahrnehmung ansonsten doch als Inbegriff des Menschen als Maschine, in der das Individuelle eher unterdrückt wird.
Also Schattenboxen als Strategie zu noch höherer humaner Gesamtanlageneffizienz? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich, wie so oft, irgendwo in der Mitte.
in dem er seinen Arbeitnehmern nicht in die Entspannungsmethodik hineinredet. Jeder entspannt auf seine Art. Zur Entspannung gehört bei sich selbst anzufangen, auf sich zu schauen, sich auf sich selbst zu konzentrieren und sich abzugrenzen. Nach Feierabend sind Gedanken an die Arbeit verschwendete Zeit. Auf das konzentrieren, was man im Augenblick tut, im hier und jetzt sein, ist u. a. ein Schlüssel um Körper und Geist zu entspannen. Der erste Gedanke über die Schuldfrage ist die Mauer auf dem Weg ins Reich der Entspannung.
kommt mir, mit Verlaub, im täglichen Leben alles andere als entspannt vor. Dass sich der "Europäer" (ist das nicht ein sehr weites, ganz differenziert bebautes Feld?) standardmäßig über seinen Beruf definiere, ist ein Sterotyp, das, meist spezifischer auf die Deutschen gemünzt, durch ständige Wiederholung auch nicht wahr wird. Gerade die fernöstliche Industriekultur steht in unserer Wahrnehmung ansonsten doch als Inbegriff des Menschen als Maschine, in der das Individuelle eher unterdrückt wird.
Also Schattenboxen als Strategie zu noch höherer humaner Gesamtanlageneffizienz? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich, wie so oft, irgendwo in der Mitte.
in dem er seinen Arbeitnehmern nicht in die Entspannungsmethodik hineinredet. Jeder entspannt auf seine Art. Zur Entspannung gehört bei sich selbst anzufangen, auf sich zu schauen, sich auf sich selbst zu konzentrieren und sich abzugrenzen. Nach Feierabend sind Gedanken an die Arbeit verschwendete Zeit. Auf das konzentrieren, was man im Augenblick tut, im hier und jetzt sein, ist u. a. ein Schlüssel um Körper und Geist zu entspannen. Der erste Gedanke über die Schuldfrage ist die Mauer auf dem Weg ins Reich der Entspannung.
Frau Merkel hat sich gestern dafür bedankt, dass wir alle so fleissig waren im immer schneller sich drehenden Hamsterrad. Viele sind dabei bereits durch die Maschen gefallen und sind auf lange Zeit traumatisiert, weil man ihnen das Selbstbewusstsein und den Leistungs-willen und das -vermögen auf absehbare Zeit genommen hat. Es scheint, der Lauf dieser Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten bis???
Herr Klinsmann gab in jedem Interview an, er habe keine Buddha-Figuren aufstellen lassen.
Stattdessen soll Herr Meißner die Idee gehabt haben, der Innenarchitekt.
Schade, dass diese Sache ihm wohl ewig anhängen wird und nicht Herr Meißner die ihm geführende Ehre dafür erhält.
Nichtsdestotrotz will ich Herrn Klinsmann nicht absprechen, dass er auch hin und wieder mal Entspannung braucht.
Danke, das brannte mir auch unter den Nägeln. Sie sind mir zuvorgekommen.
Danke, das brannte mir auch unter den Nägeln. Sie sind mir zuvorgekommen.
kommt mir, mit Verlaub, im täglichen Leben alles andere als entspannt vor. Dass sich der "Europäer" (ist das nicht ein sehr weites, ganz differenziert bebautes Feld?) standardmäßig über seinen Beruf definiere, ist ein Sterotyp, das, meist spezifischer auf die Deutschen gemünzt, durch ständige Wiederholung auch nicht wahr wird. Gerade die fernöstliche Industriekultur steht in unserer Wahrnehmung ansonsten doch als Inbegriff des Menschen als Maschine, in der das Individuelle eher unterdrückt wird.
Also Schattenboxen als Strategie zu noch höherer humaner Gesamtanlageneffizienz? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich, wie so oft, irgendwo in der Mitte.
Es soll mittlerweile auch Yoga für Babies und Hunde geben. Die Orientierung nach Fernost ist ja so neu nicht und scheint zyklisch wiederzukommen, so wie Flokatis im Wohnzimmer. Die Beatles, die in den 60er Jahren in Indien weilten, um die Transzendentale Meditation beim Maharishi Mahesh Yogi zu erlernen, erkannten schnell, dass die Glücksverheißungen vor allem dazu dienten, die Kassen des Versprechenden zu füllen. John Lennon verarbeitete seine Erlebnisse später in einem Song: "What have you done? You made a fool of everyone."
Ich gehe nachher ganz entspannt und entschleunigt mit meinem Hund spazieren.
Danke für den schönen Artikel, der einem an einem trüben Neujahrsmorgen schmunzeln lässt!
Entspannung ist etwas, was man entweder kann oder eben nicht. Auf Knopfdruck lässt sich Entspannung kaum herstellen. Ich selbst habe mal Yoga gemacht und war eigentlich mehr damit beschäftigt, Entspannung herzustellen als wirklich zu entspannen. Autogenes Training hilft mir z.B. gar nicht, weil ich wahrscheinlich viel zu sehr damit beschäftigt bin, eine Reaktion zu erfahren.
So, wie uns Entspannung verkauft wird, hat es mehr etwas von einer Industrie, die alles mögliche als Entspannung verkaufen möchte, wie es die Wellness-Industrie auch tut (Wellness-Salami, um nur ein Beispiel zu nennen). Wenn ich durch den Tag Hetze und abends gehetzt zum Yoga-Kurs maschiere, um anschließend gehetzt auf meinen Blackberry schaue, ob ich während der Yoga-Stunde was Wichtiges verpasst habe, kann man kaum von Entspannung sprechen. Meine Empfehlung für Entspannung: Einfach mal nichts vornehmen, Handy ausstellen und in den Tag hineinleben. Dazu braucht es keine Ölaufgüsse, teuren Hot-Stone-Massagen ect. Das ist schmückendes Beiwerk, nice to have, aber kein Muss für einen entspannten Tag.
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