So eine Niedertracht, so eine hinterfotzige! Jetzt soll man sich also als Stadtoberhaupt, das langsam aus den Wolken der Altersweisheit in die noch höheren Sphären der Unfehlbarkeit aufsteigt, allen Ernstes hinsetzen und zu Papier bringen, was man in diesem Jahr »schon wieder alles falsch gemacht« hat.

Was soll das überhaupt heißen: »schon wieder«? Da wird doch glatt unterstellt, dass früher auch schon mal ein Fehler unterlaufen sei. Einfach lächerlich! Aber so sind sie halt, die Journalisten. Zurzeit ist es einfach angesagt, Politiker dem allgemeinen Gespött auszuliefern, als Volltrottel, die alles falsch machen und es auch noch zugeben, damit man es im Archiv verwahren und ins Internet stellen kann.

War es nicht, frage ich mich dann schon, mein größter Fehler, dieser Zunft der Ehrabschneider zeitweise beizutreten? Oder war es falsch, den Hochstand der publizistischen Jäger zu verlassen und sich drunten im Getümmel ihren Querschüssen auszuliefern?

Es mag ja sein, dass der Eindruck nahender Unfehlbarkeit nur in der Selbstwahrnehmung aufkommt, während sich die Fremdwahrnehmung maßgeblich davon unterscheidet. Andererseits ist es doch wirklich so, dass Politiker in Zeiten wie diesen mit Sicherheit einen Fehler begehen würden, wenn sie das Gegenteil von dem täten, was sie tatsächlich tun – also kann das, was sie tun, so falsch auch nicht sein. Das fängt ja schon in den Niederungen der Kommunalpolitik an. Wenn man den Wohnungsbau ankurbelt, muss man sich rund um die Baugebiete von den Nachbarn, die lieber ins Grüne blicken als auf eine Baustelle, voller Zorn sagen lassen, dass man die letzten Oasen der Stadt vernichte und der Stadt die Seele raube. Wenn man aber alle Wiesen bewahrt, ist man schuld an schrecklichen Schicksalen von Wohnungssuchenden und an den steigenden Mieten obendrein. Wenn man Kindertagesstätten aus dem Boden stampft, erhöht man die ohnehin untragbaren Personalkosten der Stadt und treibt die unverantwortliche Verschuldung weiter in die Höhe. Wenn man es aber nicht tut, zerstört man alle Lebenschancen von Anfang an. Wenn man eine Trambahnlinie durchsetzt, braucht man sich über den Protest der Anrainer über nächtliches Quietschen nicht zu wundern. Wenn man es nicht tut, ist man für den wachsenden Autoverkehr plötzlich allein verantwortlich. Und so weiter und so fort. Wenn ohnehin alles falsch ist, wie kann man dann überhaupt einen Fehler machen? Dies ist eine Frage, die selbst gewitzte Journalisten an das Ende ihrer erkenntnistheoretischen Möglichkeiten geraten lässt. Sie selber können aber durchaus Fehler machen, zum Beispiel, wenn doch tatsächlich das Gegenteil von dem passiert, was sie in tiefschürfenden Leitartikeln und blitzgescheiten Editorials prognostiziert haben. Das wäre mal ein Thema!

Genau: Warum dokumentieren Zeitungen zum Jahresende nicht, wo sie überall mit ihren Vorhersagen und Empfehlungen danebenlagen? Das hätte in letzter Zeit eine reiche Ernte gegeben! Gut 15 Jahre lang haben sie nicht nur im Wirtschaftsteil unisono gefordert, endlich »weniger Staat« zu wagen, Finanzmärkte zu entfesseln, Regeln und Kontrollen fallen zu lassen und der Allwissenheit des Marktes zu vertrauen. Selten gab es eine derartige Uniformität des Denkens wie bei den Huldigungen des marktradikalen Zeitgeistes in sämtlichen Wirtschaftsteilen der Republik. In bestürzender Eintracht mit Nationalökonomen und Wirtschaftskapitänen verlangten und unterstützten die Wirtschaftsredakteure all jene Reformen, die dann den Zusammenbruch des Bankensektors ermöglichten. Kaum war die Finanzkrise ausgebrochen, mussten sie ihre Plädoyers für Deregulierung aus dem Netz nehmen und in ihren alten Kommentaren nach kritischen Halbsätzen suchen, mit denen man sich heutzutage noch sehen lassen kann. Kaum hatten sie das Ausmaß der Krise begriffen, malten sie einen mehrjährigen Niedergang an die Wand – und stehen jetzt verdattert sinkenden Arbeitslosenzahlen und steigenden Steuereinnahmen gegenüber. Warum macht die Wirtschaft nie, was die Zeitung vorschreibt?

 

Den Städten wurde jahrelang dringend ans Herz gelegt, sie sollten endlich alles, was sie noch haben, an Private verhökern, weil Private alles besser und billiger machen – jetzt wünschen sich dieselben Redakteure von den Kommunalpolitikern mehr Eifer bei der dringend notwendigen »Rekommunalisierung«, die heutzutage zweifellos geboten sei, weil das Gemeinwohl nicht auf der Strecke bleiben dürfe und demokratische Kontrolle unverzichtbar sei.

Apropos Kommunalpolitik: Gab es eigentlich einen einzigen Journalisten im bekanntlich großen Bundesland NRW, der wenigstens nachträglich zugegeben hätte, dass es doch vielleicht keine gute Idee von ihm war, die Bochumer Oberbürgermeisterin mit Hohn und Spott zu überziehen, weil sie tatsächlich wegen polizeilicher Sicherheitsbedenken die Chance verpasste, mit einer Loveparade in die Champions League der Eventstädte aufzusteigen – so eine provinzielle Spaßbremse aber auch!

Dieselben Magazine, die jahrelang so schwerfälligen Quatsch wie »Bürgerbeteiligung« und »Planfeststellungsverfahren« als Fortschrittsfeinde verurteilten und Chinas Commander Wu als Vorbild priesen, weil der ohne viel Federlesens Schneisen durch Stadt und Land geschlagen hat für seinen Hochgeschwindigkeitszug, erkennen jetzt im Angesicht von Stuttgart 21, dass man Bahnprojekte alle 15 Jahre zum Volksentscheid vorlegen muss, ehe irgendwann eine spätere Generation zur Realisierung schreiten darf. Waren gestern noch die Wachstumszahlen im Reich der Mitte der letzte Modeschrei, so ist es jetzt der Bürgerprotest im Ländle. Journalisten irren nie, sie sind nur dedicated followers of fashion .

Auch in der Politik. Plötzlich haben alle publizistischen Größen, die vor zwei Jahren noch bitterlich beklagten, dass die gesamte deutsche Politik keinen so weitsichtigen Visionär, keinen so kraftvollen Heilsbringer und Friedensfürsten und keinen so begnadeten Kommunikator wie Barack Obama hervorgebracht hat, irgendwie immer schon gewusst, dass dessen dilettantische Experimente böse enden würden.

Schlimmer noch: Keiner der Journalisten, die nach einem Jahr Schwarz-Gelb den Scherbenhaufen unter Merkel/Westerwelle bejammern und dem Berliner Schmierentheater entnervt »Aufhören!« zurufen, gibt offen zu, dass er genau diese Konstellation vor gut einem Jahr mit allem Nachdruck zur Wahl empfohlen hat, obwohl damals schon klar war, dass der Atomkonsens in die Luft gesprengt werden sollte, und ebenso offensichtlich, dass Steuersenkungen niemals zu finanzieren wären.

Habe ich, will die Redaktion wissen, schon wieder alles falsch gemacht? Wieso ich? Ich bin doch gar kein Journalist mehr!