Mich beschäftigen seit Langem zwei Fragen, auf die mir noch niemand eine Antwort geben konnte: Warum wird das Geld immer weniger, obwohl immer mehr gespart wird? Und warum wird die Welt immer schlechter, obwohl sich alle immer mehr anstrengen? Nehmen wir beispielsweise die Universitäten: Seit mehr als dreißig Jahren wird dort unablässig gespart, so sehr, dass heute eine Nachwuchswissenschaftlerin gerade mal 1000 Euro im Monat verdient. Ein neu berufener Professor, der sich jahrelang unter demütigenden Bedingungen hochgebuckelt hat, verdient heute so viel wie ein Realschullehrer und deutlich weniger als ein Facharbeiter bei Volkswagen.

Während dieser ganzen Zeit des unablässigen Sparens hat sich alles verändert: Die Gebäude sind verwahrloster, die Seminare und Vorlesungen überfüllter denn je, die Curricula total überfrachtet, die Studierenden überfordert. Alle haben schlechte Laune. Nur eins ist genauso wie früher: Es muss gespart werden. Komischerweise fragt aber bei keiner neuen Sparauflage mal einer nach: Wozu denn jetzt bitte? Denn das Sparen selbst ist zu einem Normalverfahren in öffentlichen Bereichen geworden, und jeder, der dort arbeitet oder verwaltet, belehrt oder bestraft wird, weiß, dass gespart werden muss.

Sparen ist auch im Gesundheitswesen anscheinend der Daseinszweck geworden, im Sozialwesen, in den Schulen, bei der Polizei, bei der Bundeswehr – aber wo zum Teufel bleibt eigentlich das ganze eingesparte Geld? In einem Privathaushalt würde man sofort die wahrscheinlich zutreffende Vermutung hegen, dass irgendeiner säuft oder spielt oder Drogen nimmt, und der Sache nachgehen. In der Administration beschließt man, noch mehr zu sparen, und richtet dafür ganze Abteilungen ein, die immer mehr Beschäftigte haben, die immer mehr kontrollieren und evaluieren und ohne Unterlass Formulare entwerfen und Faktoren erfinden, mit denen man Effizienz berechnen kann. Das Ergebnis ist grenzenlos wachsende Ineffizienz.

Und damit komme ich zur zweiten Rätselfrage: Wieso wird auch sonst nie etwas besser? Wieso wird jede Fehlentwicklung von einer noch schlimmeren abgelöst – wieso werden Laufzeiten von Atomkraftwerken verlängert , EU-Verfassungen formuliert, Oettingers und Van Rompuys gewählt? Warum werden dauernd stasiähnliche Googles und Facebooks und dergleichen erfunden, die alles tun dürfen, was sie vor zwanzig Jahren nie gedurft hätten? Warum fliegen zwanzigtausend Klimaunterhändler zu Konferenzen, deren Ergebnislosigkeit von vornherein feststeht? Warum expandiert der Unsinn chronisch, während alle anderen Ressourcen knapp und knapper werden?

Unlängst habe ich die Antwort auf all meine Fragen zugleich bekommen, schockartig. Als ich spätabends ein Flugzeug bestieg, war die Kabine wie üblich voll mit Laptopmännern, und die klappten, sobald die Anschnallzeichen erloschen waren, ihre Bildschirme hoch und fingen an, Excel-Tabellen auszufüllen, E-Mails zu beantworten, Angebote zu schreiben, Berechnungen vorzunehmen, Vermerke zu verfassen, Formulare zu entwerfen, also alles das zu tun, was sie auch machen, wenn sie woanders sind als im Flugzeug: im Büro, in Wartelounges, in Cafés, in Meetings, wahrscheinlich auch auf dem Klo. Dieselbe Sorte Leute hat früher ohne Laptops, Smartphones und so weiter bis 17 oder 18 Uhr im Büro gesessen und dann Feierabend gemacht. Damals, so wurde mir mit einem Mal klar, hatten sie einfach viel weniger Zeit, die falschen Dinge zu tun. Ich hatte das Welzersche Theorem entdeckt: Das Gute schrumpft umgekehrt proportional zur Ausdehnung der Arbeitszeit. Eine Katastrophe: Jeder dieser Wahnsinnigen arbeitet jetzt nicht mehr acht Stunden täglich am Falschen, sondern sechzehn Stunden oder noch mehr. Nicht mehr fünf Tage die Woche, sondern sieben. Diese Kostümfrauen und Laptopmänner, die Sparpotenziale aufspüren, Optimierungsstrategien entwickeln, Kommunikation verbessern, haben dafür die doppelte Zeit zur Verfügung! Und diejenigen, die für die Bearbeitung der dabei entstehenden Kollateralkatastrophen zuständig sind, auch! Da die Menge derjenigen, die mit aller Anstrengung immer alles in die falsche Richtung optimieren, ohnehin um ein Vielfaches größer ist als die derjenigen, die gern zwischendurch mal innehalten, um nachzudenken, wird der Überhang an Zeit, die für Unsinn aufgewendet wird, immer größer, während der Sinn immer kleiner wird: Man denkt ja nicht mehr, wenn man länger denkt.

Ich saß also in diesem Flugzeug und blickte ohne jede Illusion auf alle diese Leute, die wie wild arbeiteten und damit ihren Vorsprung von Sekunde zu Sekunde weiter ausbauten. Ihre Laptops kamen mir plötzlich vor wie Maschinengewehre, die Smartphones wie Handfeuerwaffen, jede SMS erschien mir wie eine Handgranate. Hier ist ein Krieg im Gange, ein verheerender Angriff, der gegen das Aus-dem-Fenster-Gucken, das Gerade-keine-Antwort-Haben, das Nichtstun, kurz: gegen jeden harmlosen Akt der Freiheit geführt wird. Die Finger dieser Krieger hacken wie an Marionettenfäden automatisch auf die Tasten, ihre Augen starren, ihre Befehle ergehen pausenlos, sie sind jeder der Wächter und Einpeitscher des anderen, keine Macht der Welt kann sie stoppen. Daher die unaufhörlich steigende Menge von Falschem, daher die chronische Niederlage des Guten. Und wenn sie nachts zu Hause ankommen, diese Krieger, ist da irgendwer und sagt: "Hallo, Schatz, wie war dein Tag?" Und sie sagen: "Ach, du weißt ja: wie immer!"