SPDDas neue Leben des Franz Müntefering

Er galt als der große Einsame der Politik. Nun spricht der ehemalige SPD-Chef darüber, warum er nicht allein sein will – und was er von seiner 40 Jahre jüngeren Frau Michelle lernen kann. von 

Franz Muentefering mit seiner heutigen Frau Michelle

Franz Müntefering mit seiner heutigen Frau Michelle  |  © Ralph Orlowski/ Getty Images

Es ist einer der wenigen Tage, an denen Franz Müntefering, der große Schweiger in privaten Angelegenheiten, die Tür zu seinem Seelenleben einen Spaltbreit öffnet. Er sperrt den Wagen auf, zieht die weiße Windjacke aus, wirft sie über den Fahrersitz auf die Rückbank und sagt beim Einsteigen mit einem Lächeln: »Autofahren musste ich erst wieder lernen.«

Der Audi A3, er gehört seiner Frau, steht am Hauptbahnhof in Bochum. Müntefering, schwarze Sportschuhe, Jeans, dunkelblauer Pullover, reiht den Wagen ins Innenstadtgewusel ein. 18 Jahre lang hatte er hinter keinem Lenkrad gesessen. Als er das erste Mal wieder selbst einen Wagen startete, betrachtete er verblüfft die kleine Skizze auf dem Schaltknüppel und sagte zu seiner Frau Michelle, die auf dem Beifahrersitz saß: »Sechs Gänge? Zu meiner Zeit kam man doch mit vier aus.«

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70 Jahre ist Müntefering alt, seit 56 Jahren berufstätig, seit 44 Jahren Mitglied der SPD . Vor gut einem Jahr, am 13. November 2009, hat er den Vorsitz seiner Partei an Sigmar Gabriel weitergegeben , nicht ganz freiwillig. Es war ein Abschied. Und es war ein Anfang.

In einem Alter, in dem viele wehmütig zurückschauen, führt Müntefering ein Leben voller Anfänge. An Orten, die neu für ihn sind. Mit einer Ehefrau, die 40 Jahre jünger ist. Konfrontiert mit Lebenswirklichkeiten, die ihm fern waren. Es ist ein Leben jenseits des Mythos. Und ein Leben, in dem die Politik und ihre Debatten auf anderer Ebene den Alltag prägen, jenseits der Macht und ihrer Chauffeure.

Richtung Bochum-Nord. Müntefering fährt Auto, wie er geht, an der Schwelle zum Rasen. Niedrige, verwohnte Häuserblocks, »vor Arbeit ganz grau«, sang einst Herbert Grönemeyer. Ohne dass Bochum je zu Ende war, steuert der Audi nun durch Herne. Herne ist die Stadt von Michelle Müntefering. Hier ist sie aufgewachsen, hier war sie Juso-Vize, hier sitzt sie für die SPD im Stadtrat. Herne ist Franz Münteferings neue Heimat.

Er wollte im Sauerland Urlaub machen, seine Frau in New York

Müntefering hat sich Herne in Zahlen angeeignet, beim Gang durch die Innenstadt spult er sie ab. Neun Autobahnanschlüsse, 165.000 Einwohner, die dritthöchste Besiedlungsdichte aller deutschen Großstädte. 1140 Herner wurden 2009 ein Jahr alt, 1420 aber 81 Jahre. Müntefering, habitueller Kopfmensch und ausgezeichneter Kopfrechner, hat ein Faible für Zahlen. Die neue Heimat als Erstes in Zahlen zu fassen ist sein Versuch, das Ungewohnte zu sortieren, es fassbar zu machen, Struktur reinzubringen.

Leserkommentare
  1. Münte hat als Zuchtmeister von Schröder etlichen SPD-Abgeordneten bei einem Nein zur Agenda-Politik den Verlust ihres Listenplatzes in Aussicht gestellt.
    Er hat tatkräftig die unsoziale Basta-Politik von Schröder unterstützt. Die Seeheimerwie Steinbrück, Steinmeier, Kahrs etc. waren natürlich nicht unschuldig.
    Was soll man zu Michelle sagen? Manche Frauen machen sich vor nix bange!!

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    • Buh
    • 02. Januar 2011 5:21 Uhr

    Die Seeheimer sind es, die die Partei zu Grunde gerichtet haben. Sie vertreten eine Politik, wie es die CDU im Bund tut. Sie ist verantwortlich für Sozialabbau, wachsende Schere zwischen Arm und Reich und eben für die Agenda 2010. Warum die SPD, obwohl die Seeheimer immer noch an vorderster Front kämpfen, wieder mehr Zuspruch bekommt, ist mir nicht klar.

    Die Menschen wollen eben vergessen. Schade. Dabei haben wir mindestens eine gute Alternative im Bundestag.

    • lapidar
    • 01. Januar 2011 13:38 Uhr

    War tatsächlich aber einer der Totengräber der SPD.

    23 Leserempfehlungen
    • Sirjony
    • 01. Januar 2011 13:51 Uhr

    Jetzt stelle ich mir nur die Frage, wieso die SPD so unbeliebt geworden ist.
    Franz Müntefering hat auch im Zeitinterview vor einem Jahr keine Fehler zugeben. Er hat den Eindruck gemacht, dass er keine Fehler gemacht hätte. Dieser Artikel ist fast genauso wie das Interview: Nur ein Aufruf, schön an Müntefering zu denken.

    Ich fasse zusammen: Ihm gehts gut, er hat neue Freunde und ist zufrieden.

    Darf man in der Zeit eigentlich kritisch mit der SPD umgehen?

    11 Leserempfehlungen
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    als "kritische" vierte Macht im Staat.

    Aber Nöööööö... Die "Zeit"-Eigner (oder sind es Redakteure?) scheinen der Meinung zu sein, dass es Rot-Grün sein soll.

    Auf andere Art sind diese Serienartikel NICHT zu erklären.

    "Kritisch" sieht anders aus.

    "Kritisch" wäre:

    70 Jahre ist Müntefering alt, seit 56 Jahren berufstätig, seit 44 Jahren Mitglied der SPD. (D.h. Seit 12 Jahren berufstätig. Oder nur 12 Jahre berufstätig.)

    "Kritisch" wäre:

    In einem Alter, in dem viele wehmütig zurückschauen, führt Müntefering ein Leben voller Anfänge. An Orten, die neu für ihn sind. Mit einer Ehefrau, die 40 Jahre jünger ist. (Vererbbare Renten für Politiker, und ich meine nicht diese Witwenrenten!)

    "Kritisch" ist nicht:

    "Auf der Fahrt hierher hat Müntefering einen Umweg durch ein hübsches kleines Villenviertel eingelegt und auf ein Haus mit Türmchen gezeigt. Hier haben die Münteferings eine Maisonettewohnung gemietet. Der ausgestreckte Finger auf das Türmchen-Haus ist alles, was Müntefering an Homestory zulässt."

    "Kritelnd" wäre: "Über seine Frau hat er viele neue Leute kennengelernt, auch abseits der Politik, jüngere, er ist eingetaucht in einen Bekanntenkreis, in ein soziales Leben jenseits der Partei. »Das hatte ich jahrelang nicht«, sagt er." <= Gelle? WIRKLICHKEIT trifft Politiker. Projektil? Nö. Ach naja.

    /me kloppt diesen Artikel in die v(s)irituelle Tonne.

    • ngw16
    • 01. Januar 2011 14:01 Uhr

    Personen, wie Müntefering haben die Gesellschaft in Deutschland schwer geschädigt.
    Solchen Personen werden nun noch von Journallisten Raum gegeben, ihre Meinungen weiter zu verbreiten?

    Dank Müntefering und Co. ist die SPD als Volkspartei diskreditiert.

    Und wie die Führung und Basis in der SPD nach wie vor weit getrennt sind, sah man z.B. in BaWü, wo erst ein Parteibeschluß einen Untersuchungsausschuß wegen der Vorkommnise am 30.09.2010 in Stuttgart erzwingen mußte.
    Die SPD-Führung dort wollte nicht.

    Die SPD ist immer noch in einem derart undemokratischen Innenzustand, daß eine Wahl nicht in Erwägung gezogen werden braucht.

    23 Leserempfehlungen
    • biene22
    • 01. Januar 2011 14:06 Uhr

    Herr Müntefering beherrscht die POSE des Tiefwurzlers, das war das Geheimnis seiner Karriere. Dieser Mann gefällt sich und schmort in seiner POSE und andere fallen darauf herein.
    Tatsächlich ist er ein Dünnbrettbohrer (um in seiner Bildersprache zu bleiben) und hat einen historischen Scherbenhaufen hinterlassen. Das Erstarken der Linken ist sein persönliches Verdienst. Wenn ich auf der Sitzbank drei Plätze nach rechts rücke, dann wird ein anderer sich am linken Ende niederlassen. Das ist so ziemlich der einfachste politische Sachverhalt, den man sich vorstellen kann, aber offensichtlich noch zu hoch für Herrn Müntefering.

    13 Leserempfehlungen
  2. Na, mal Vorsicht Münte mit 70 noch eine junge Frau!
    Und nicht vergessen jeden Abend ein Glas Rotwein.

    3 Leserempfehlungen
  3. Daß Münteferings Frau
    soviel jünger ist als er, macht ihn mir auch wieder sympatisch !

    Das letzte Jahrhundert hat uns Männern in toto vieles genommen, - seit der frz. Revolution wurde ein großer Altersunterschied zwischen Eheleuten immer mehr kritisch hinterfragt.
    Daher: Münte - wir halten Dir die Stange ...!

    Eine Leserempfehlung
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    • LaSilas
    • 01. Januar 2011 16:47 Uhr

    Bei den Kaisern und Königen war es üblich, dass sie sich die jüngsten Frauen kaufen konnten. Neu ist, dass dieses Hobby von den Steuerzahlern gesponsert werden muss. Was meinen Sie, warum sollte eine so junge Frau (ein junger Mann) einen so alten Mann (eine so alte Frau) heiraten?

    Sie hat ausgesorgt - und wir bezahlen dafür. Die Witwenrente dürfte mindestens 5000 Euro im Monat bringen, lebenslang.

    • Buh
    • 02. Januar 2011 5:26 Uhr

    ...aber nicht im Ernst, dass die männliche Vorherrschaft in Gesellschaft und über die Frau im vergangenen Jahrhundert abgenommen hat? Darüber sollten wir alle froh sein. Nicht zuletzt weil es früher noch Zeiten gab, in denen der geneigte Herr sich 14 Jährige versprechen ließ.

    • Nikocc
    • 01. Januar 2011 14:49 Uhr
    8. Damals

    kam die SPD noch ins Haus, wenn man/frau Mitglied werden wollte http://www.memoro.org/de-...

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    • Kelhim
    • 01. Januar 2011 15:02 Uhr

    Meines Wissens ist das heute genauso.

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