Thomas und Heinrich Mann: Die größte Liebe ihres Lebens, der größte Hass
Selten war so viel Konflikt, selten so viel Zuneigung. Die Schriftsteller Thomas und Heinrich Mann konkurrierten wie kein zweites Geschwisterpaar der Literaturgeschichte um Ruhm und Erfolg und waren auch politisch mitunter entzweit. Unser Autor, der Essayist Michael Maar, diesjähriger Heinrich-Mann-Preisträger, deckt auf, wie die Brüder mit größter Hinterlist in ihren Werken aufeinander Bezug nahmen.
Schon in der Kindheit war es vorgekommen, dass die beiden über ein Jahr lang nicht miteinander gesprochen hatten, weil ihnen eine bis heute unbekannte Laus über die Brüderlebern gelaufen war. Sobald sie beide Schriftsteller waren, folgten ständige Konkurrenz, magenbelastender Eifersuchtsgram, Kriechströme, die zu Explosionen führten; zuzeiten Feindschaft bis zum Hass. Als sie sich wegen ihrer Gedanken zum Kriege entzweit hatten und sich jahrelang aus dem Weg gingen, hatte sich die Laus monströs zu der Frage vergrößert: Er oder ich?
Was umgekehrt hieß, dass es im Grunde nur auf den andern ankam. Thomas Mann hat das Bruderproblem in der Zeit ihres Zerwürfnisses das größte seines Lebens genannt. Der positive Ausdruck desselben Gefühls schlägt sich in der Widmung nieder, die Heinrich seinem Bruder in den Henri Quatre schrieb: »Dem Einzigen, der mir nahe ist.«
Thomas Manns Tochter Erika hatte die Brüder über die Jahrzehnte erlebt und resümierte ihr Verhältnis wie folgt: »Bis zur Lebensmitte – bis zu Bruch und Versöhnung – war Thomas der Liebende (weil Leidende) gewesen. Schließlich, gegen Ende, stand es umgekehrt. Heinrich liebte, wahrscheinlich litt er.«
Dieses Resümee trifft im zweiten Teil genauer zu als im ersten. Es stimmt, dass Heinrich vor allem im letzten vereinsamten Jahrzehnt des kalifornischen Exils rührend an dem Bruder hing, der seinerseits den Ehrengreis mit nur notdürftig verborgener Kühle auf Distanz hielt und noch in dessen schwerster Stunde, nach dem Selbstmord seiner Frau Nelly, über den Heinrich nie hinwegkam, ein erleichtertes Aufseufzen nicht unterdrücken konnte. In seinen Augen blieb Nelly, die ehemalige Animierdame, eine »schreckliche Trulle«.
- Heinrich Mann
Heinrich Mann (1871 bis 1950), vier Jahre älter als Thomas, zählt zu den berühmtesten Satirikern des Wilhelminischen Zeitalters. Sein bekanntester Roman, »Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen«, erschienen 1905, karikierte und kritisierte die Kleinbürger- und Untertanenmentalität der Deutschen. Heinrich Manns politisches Engagement für den Kommunismus entzweite die Brüder auch politisch.
- Thomas Mann
Thomas Mann (1875 bis 1955), Literaturnobelpreisträger von 1929, gilt als der bei weitem bedeutendere Künstler. Er selbst bezeichnete seinen Stil einmal als von »heiterer Ambiguität« gekennzeichnet. Seine berüchtigte Ironie schätzen Leser nicht nur in seinem Familienepos »Die Buddenbrooks« (1901), mit dem er bekannt wurde, und in dem Bildungsroman »Der Zauberberg« (1924), sondern auch in späteren Werken, die um mythologische und religiöse Themen kreisen, wie »Joseph und seine Brüder«.
Aber stimmt es, dass es bis zur Lebensmitte umgekehrt und nur Thomas der Liebende, weil Leidende war? Dass er litt, ist glaubwürdig bezeugt. »Weich, verwundbar, liebebedürftig«, hatte der junge Thomas Mann, wie Erika schrieb, keine Waffe gegen den kühlen Hochmut des Älteren, der den Bruder mit ein paar hingeworfenen Sätzen »aufs Blut verletzen« konnte.
1915 hatte ein einziger solcher Satz genügt, um das Verhältnis fürs Erste zu beenden. Man muss sich vor Augen halten, in welcher Lage Thomas Mann dieser Satz traf. Er war zwar mit den Buddenbrooks an dem Bruder, der lange der Erfolgreichere war, vorbeigezogen. Aber seit diesem frühen Meisterwerk hatte er nichts mehr zuwege gebracht, was dem Vergleich mit dem Debüt standhalten konnte. Er freue sich mehr auf Heinrichs Werke als auf seine eigenen, hatte er 1913 in einer düsteren Novemberstunde dem Bruder geschrieben; er für sein Teil habe ausgedient und hätte wohl nie Schriftsteller werden dürfen. Tonio Kröger sei bloß larmoyant gewesen, Königliche Hoheit eitel, Tod in Venedig »halb gebildet und falsch«.
Zwei Jahre später las der Absender dieser scharfblickenden Selbstabrechnung im Zola-Essay seines Bruders, dass es Sache derer sei, die früh vertrocknen sollten, schon zu Anfang ihrer zwanzig Jahre bewusst und weltgerecht hinzutreten. Gerade noch, dass der Name Buddenbrooks nicht fiel.





Danke für diesen Artikel. Bitte mehr davon in der Online-Ausgabe.
Das Thema interessant, die Analyse treffend, eine gute Auswahl der Aspekte und schön geschrieben. Macht Lust noch mehr von den beiden zu lesen.
Grüße
Dreamer1
Auch ich danke für diesen Artikel in der Online-Ausgabe, nur drei Tage nach dem Erscheinen der Printversion. Vielleicht sollte ich in Zukunft auf mein Abonnement der Zeit verzichten, wenn ich die hier dieselben Artikel fast ohne Karenzzeit umsonst bekomme.
Zweifellos ein inhaltlich und sprachlich lesenswerter Artikel, der uns um einige Erkenntnisse bereichert.
Nichtsdestotrotz einige kritische Anmerkungen:
1) "Mitten in der erlebten Rede fällt Heinrich Mann plötzlich in die Ich-Form. Tamburini spricht von der Demut – »die mir versagt ist. Ich beuge mich keinem Gelächter [...].« Das ist, unverkennbar, der Heinrichsche Stolz.
Und noch ein zweites Mal wechselt er plötzlich vom »Er« zum »Ich«. Es ist die Szene, in der er am tiefsinnigsten überhaupt auf seinen Bruder antwortet."
Warum fehlt hier das entsprechende Zitat?
2) Welche Bedeutung hat der Umstand, dass der Verfasser der umgangssprachlichen Unsitte im Wortgebrauch des Unwortes 'Selbstmord' folgt? Gehört er zu den unerhörten 'Umrührern in grauen Brei'?
3) Welche Konzeption von Literatur offenbart sich in diesem Artikel, welcher die Werke der Manns bestenfalls als Schlüsselromane untersucht? Wen, außer Voyeure, interessiert die intime Beziehung von Familienmitgiedern untereinander? Scheuklappendicht bleibt der Blick fokussiert und begrenzt auf ein Einzelphänomen der Brüder Mann, welches zwar prominent und populär ist, nicht aber literarisch kulminiert.
Den Artikel zu Heinrich und Thomas Mann fand ich fundiert und sehr lesenswert. Offensichtlich hat Michael Maar Bücher beider Autoren gelesen und in ihrer jeweiligen Eigenart schätzen gelernt. Das zeigt sich in der sprachlichen Analyse, in der jemand, der beide Autoten gelesen hat, die Eigenheiten der Sprachschöpfungen sofort wiedererkennt.
Zu dem Begriff "Schlüsselliteratur" melde ich Widerspruch an. Es geht in dem Artikel gerade nicht um die von Jost Hermand angeprangerte "positivistische Schlüsselochguckerei" und die Frage "wer ist wer?" wie sich das zeitweise in der Rezeption der Buddenbrooks niederschlug, sondern um die Klärung des Verhältnisses der Brüder untereinander. Von Scheuklappen und Fokussieren auf einzelne Personen kann ich auch nicht die Spur entdecken.
Ein erhellender Essay, der durch kleine Nachlässigkeiten der Säzzerin/des Säzzers etwas leidet. Normalerweise werden Buchtitel kursiv gedruckt, aber schon über den ersten Titel "..., die Heinrich seinem Bruder in den Henri Quatre schrieb" stolpert man beim Lesen. Später wird nur ein Teil eines Titels kursiv geschrieben " Ein Zeitalter wird besichtigt". "... Gehen wir noch einmal zurück zum Empfang bei der Welt" ist nicht auf Anhieb verständlich, wenn man den Titel nicht kursiv schreibt.
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