DIE ZEIT: Herr Engler, Sie sind in den achtziger Jahren mehrfach in Lawinen geraten. Wie fühlt sich das an?

Martin Engler: Es ist ein starkes Gefühl von Kontrollverlust. Die Lawine macht mit einem, was sie will. Ich wusste theoretisch, was zu tun ist, aber in der Situation hat man kaum Chancen, irgendetwas umzusetzen. Und: Es ist erstaunlich leise in der Lawine.

ZEIT: Die Lawinen, die Sie mitgerissen haben, hatten Sie selbst ausgelöst. Mit voller Absicht...

Engler: Das stimmt. Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit dem Phänomen von Lawinen. Damals, mit Anfang 20, wollte ich die Dynamik einer Lawine praktisch erfahren. Ich steckte mitten in der Ausbildung zum Bergführer und war besessen von der Idee, die so gewonnenen Erkenntnisse anderen Menschen zu vermitteln und Leben zu retten.

ZEIT: Aber war das nicht unverantwortlich? Sie hatten doch gar keine Kontrolle mehr über die Lawine.

Engler: Stimmt. Das war unverantwortlich. Natürlich haben wir, also ein paar Freunde und ich, uns immer Hänge ausgesucht, auf denen niemand außer uns war. Natürlich waren das Hänge, die nicht zu steil waren und eine große Auslaufzone hatten. Und natürlich waren es keine großen Lawinen, die wir ausgelöst haben. Aber trotzdem war das Wahnsinn. Auch kleine Lawinen entwickeln unglaubliche Kräfte. Heute würde ich das nicht mehr tun.

ZEIT: Heute bieten Sie Skifahrern stattdessen Lawinenseminare an. Was erzählen Sie den Teilnehmern?

Engler: Zunächst einmal kläre ich sie darüber auf, was eine Lawine eigentlich ist und wie sie entsteht. Darüber gibt es nämlich viele falsche Vorstellungen.

ZEIT: Zum Beispiel?

Engler: Die meisten Menschen glauben, die Lawinengefahr sei besonders groß, wenn es viel geschneit hat. Wie etwa in den vergangenen Tagen. Aber das stimmt nur bedingt. Viel Schnee allein ist nicht das Problem. Eine große, dicke Schneeschicht ist einige Tage nach dem Schneefall weitgehend ungefährlich. Problematisch wird es, wenn man mehrere Schneeschichten hat. Diese sind oft schlecht miteinander verbunden, besonders wenn Temperaturschwankungen oder große Kälte hinzukommen. Wenn dann noch starker Wind dazukommt, ist die Lawinengefahr sehr groß.