JahresrückblickDie große Gereiztheit

Ob in Stuttgart oder Peking: 2010 giftete und krachte es fast überall auf der Welt. Warum nur?

Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge.

Erbitterter Streit, zügelloses Hin- und Hergeschrei entsprang alle Tage zwischen Einzelnen und ganzen Gruppen, und das Kennzeichnende war, dass die Nichtbeteiligten, statt von dem Zustande der gerade Ergriffenen abgestoßen zu sein oder sich ins Mittel zu legen, vielmehr sympathetischen Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich ebenfalls überließen.

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"Man beneidete die eben Aktiven um das Recht, den Anlass zu schreien... Die müßigen Konflikte, die gegenseitigen Bezichtigungen vor dem Angesicht der schlichtungsbemühten, aber brüllender Grobheit selbst erschreckend leicht verfallenden Obrigkeit häuften sich…"

So Thomas Mann in seinem Roman Der Zauberberg über die Langzeitpatienten des internationalen Lungensanatoriums Berghof in den Schweizer Alpen, die es nach Jahren der komfortablen Leidensgenossenschaft nicht mehr miteinander aushalten. Das Kapitel, das mit verwöhnter Übellaunigkeit beginnt und mit Duell und Selbstmord endet, trägt die Überschrift Die große Gereiztheit. Den Titel könnte man auch über das ablaufende Jahr 2010 setzen.

In der Bundesrepublik, der es wirtschaftlich so gut geht wie seit Langem nicht mehr, wurde die stärkste politische Energie von zwei gewaltigen Verdrussexplosionen freigesetzt, von Thilo Sarrazins Untergangsprophetie Deutschland schafft sich ab und vom Massenprotest gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Das Ausmaß der Erregung bleibt rätselhaft: In Deutschland gibt es zwar Probleme bei der Einwanderungspolitik, aber doch keine brennenden Vorstädte, und beim Bahnhofsstreit kann man sich schon ein paar Wochen nach der Schlichtung kaum mehr erinnern, warum hier die Legitimität der repräsentativen Demokratie auf dem Spiel gestanden haben soll.

Und was war eigentlich der Grund für den fluchtartigen Rücktritt des Bundespräsidenten Köhler? Ist der Wechsel von Roland Koch aus der Hessischen Staatskanzlei zum Bauunternehmen Bilfinger Berger tatsächlich ein Alarmsignal von ideengeschichtlicher Tragweite gewesen, der Beweis für das Ende des Konservativismus in Deutschland? Diese ganzen Aufwallungen wirken im Nachhinein merkwürdig übertrieben. Aber eben noch schien es um halbe Staatsnotstände zu gehen. Unser eigenes Land lässt uns am Ende des Jahres 2010 perplex zurück.

Man kann es beruhigend finden, dass die Realität besser ist als die Stimmung – oder im Gegenteil erschreckend, wie schnell sich grundlose Hysterie breitmacht. Man kann fürchten, dass die Bundesrepublik bei einer ernsten Herausforderung wirklich durchdrehen würde – oder im Gegenteil hoffen, dass dann die Scheinprobleme vergessen wären und ruhige Entschlossenheit einträte.

Die große Gereiztheit war kein exklusiv deutsches, sie war ein internationales Phänomen, und beileibe nicht überall war sie eine bloße Luxuserscheinung. 2010 ist nicht nur ein Jahr der Nervosität gewesen, sondern auch der echten, konkret begründeten Konflikte, und oft haben sich das Materielle und das Fantastische untrennbar verschlungen. Die USA erleben eine schwindelerregende Krise; die Leute haben massenhaft ihre Häuser und ihre Arbeitsplätze verloren, was in einem Land mit schwachem sozialem Netz einen Absturz bedeutet, den man sich in Europa kaum vorstellen kann. Zugleich gedeiht in dieser realen Bedrängnis die wahnhafte Ideologie der Tea-Party-Bewegung, die den Ursprung des Übels in Präsident Obamas Reformpolitik und der bevorstehenden Einführung des Sozialismus sieht und sich von diesen Gefahren zu einem Kampf um die Seele Amerikas angestachelt fühlt.

Während Obama der US-Außenpolitik die Aggressivität ausgetrieben hat, ist die Konflikttemperatur im Innern unheimlich gestiegen, bis nahe an den Siedepunkt des unversöhnlichen Hasses. Bei den Kongresswahlen im November hat sich die Tea Party als quasioffizielle Kraft endgültig etabliert: Der Volkszorn regiert jetzt mit.

Leserkommentare
    • Harzer
    • 01.01.2011 um 12:28 Uhr

    Dann ist das "kleinste Übel" für mich Nr.2 !

    Antwort auf "Anfrage"
    • Mjardn
    • 01.01.2011 um 15:28 Uhr

    Die aktuellen Daten der Lohnentwicklung sind natürlich immernoch geprägt von der Wirtschaftskrise und (der Anfang 2010 auslaufenden) Kurzarbeit, insofern können sie diese nicht heranziehen, um die Erfolge Deutschlands auf wirtschaftlicher Ebene abzustreiten. Im Gegenteil: die Löhne unterliegen stets einer zeitlichen Verzögerung, das heißt sie steigen erst, wenn der wirtschaftliche Aufschwung schon in vollem Gange ist...sie dürfen gerade wegen des Aufschwungs 2011 mit höheren Reallöhnen rechnen.

  1. Oberflächlich gesehen jammert Deutschland wohl auf hohem Niveau - soweit man sowas überhaupt vergleichen kann.

    Aber geht es bei dieser "Aufregung" nicht um mehr? Seit zwanzig Jahren ist der kalte Krieg beendet. Die herrschenden Eliten befinden sich nicht mehr im Wettkampf mit dem "Osten" - in dem man den eigenen Bürgern einiges zugestand, um das eigene System als das Bessere dastehen zu lassen.

    Seit zwanzig Jahren wird in Deutschland Wohlstand schleichend abgebaut, für die Mehrzahl der Menschen dieses Landes verringert er sich stetig. Zunächst ging es langsam, mittlerweile scheint sich der Abbau zu beschleunigen. Es findet eine gigantische Umverteilung von unten nach oben statt. Es gibt zu all dem fundierte Zahlen...

    Wenn man in einem Schlitten bergab auf eine Mauer zurast, dann hat man zwei Möglichkeiten.

    Man kann sich vornehmen, kurz vor der Mauer aus dem Schlitten zu springen und erfreut sich derweil an der schönen Gegend, durch die man rast...

    Man kann aber auch versuchen, den Schlitten abzubremsen, um den Crash zu vermeiden. Dann aber ist das Augenmerk nur auf die drohende Gefahr gerichtet...

    Welche Strategie ist besser? Irgendwie erinnert das an die Fabel von der Ameise und der Grille.

    Vielleicht beruht ja auf der vielgescholtenen "deutschen Mentalität" - vorausschauend durchs Leben zu gehen, sich rechtzeitig Sorgen zu machen - auch ein Teil des deutschen Wohlstandes?

    Deshalb, nichts ist wichtiger: Demokratie ist die Grundlage von allem!

    Ein frohes Jahr 2011!

    • sudek
    • 01.01.2011 um 16:48 Uhr

    so ähnlich müssen die FDP-MitgliederInnen die Realität wahrnehmen und können absolut nicht verstehen, warum sie bei 3% gelandet sind.

    Es handelt sich bei dem Autor und den FDP'lern um Realisten im Sinne Hanns Dieter Hüschs: sie sehen die Welt so wie sie sie sehen!!

  2. Die Gier hat sich festgestetzt und es wird sich nicht so schnell ändern. Es sei denn, die Landtagswahlen werden gan anders ausfallen, als es sich die Neoliberalen und Uraltkonservativen vorstellen können. Dann kommt vielleicht doch Bewegung von oben nach unten.

  3. und füge hinzu: und mit Menschen wie:

    Peter Spiegel:
    http://www.peterspiegel.d...

    Goetz Werner:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Götz_Werner#Gesellschaftliches_Engagement

    Susanne Wiest
    http://grundeinkommenimbu...

    Vandana Shiva
    http://de.wikipedia.org/w...

    Mohammed Yunus
    http://de.wikipedia.org/w...

    um nur einige exemplarische MENSCHEN mit gutem Willen und kreativen Ideen zu nennen, die ihre ganze Zeit, Energie und Willenskraft dafür einsetzen, diesen Globus auf eine etwas andere Spur jenseits von Gier, Negativismus und Destruktion und allerlei langweiligem Klatsch zu bringen.

    Die ewigen konservativen und bürgerfernen Allgemeinplätze, das Casino in Las Vegas, Gute-Nacht-BILD-Geschichten à la "Das neue Leben des Herrn Müntefering" und irgendwelche halblauen Herunterspiel-Manöver, wie dieser Artikel hier wohl wieder mal einer sein soll, - bringt es das wirklich noch???

    Daher:

    etwas mehr Mut 2011 zu neuen Horizonten aufzubrechen - werte ZO Redaktion - wünscht Ihnen

    Zeitungsente a. D.!

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