Howl von Allen Ginsberg zum ersten Mal als Teenager las. An diese Jugendzeit – was für ein komisches Wort! –, als ich, angeregt und begeistert von Ginsberg, Kerouac und Burroughs, im Schneidersitz rauchend und Tee trinkend auf einem Flokati vor der Schreibmaschine saß und beatgenerationorientierte Gedichte schrieb. Jazzmusik von Charlie Parker und John Coltrane lief dazu, Freunde waren dabei, wir steckten uns gegenseitig mit unserer Beatbegeisterung an, es war Sommer, ich war Kerouac, du warst Allen Ginsberg, und später war einem das, was man so geschrieben und sich begeistert vorgelesen hatte, ein bisschen peinlich. Auch weil das, worauf man sich bezogen hatte, ja längst vorbei war und der Wunsch, selber ein Beatnik zu sein, sich dieser tollen Bewegung anzuschließen, irgendwie ins Leere gelaufen war.

Manchmal denke ich zurück an die späten Siebziger, als ich den Gedichtband

Anfang der neunziger Jahre, als ich selber gerade angefangen hatte, für Zeitungen zu schreiben, fand ich es seltsam, dass die Autoren der Beatgeneration eine Renaissance erlebten. Dass der schwule Junkiedichter William S. Burroughs in die Hochkultur aufgenommen wurde und sich die Kollegen darum rissen, über sein in Zusammenarbeit mit Tom Waits und Robert Wilson entstandenes Theaterstück The Black Rider (1990) oder über Cronenbergs Burroughs-Verfilmung Naked Lunch (1991) zu schreiben. Entscheidend war für mich ja nicht der literarische, sondern der gesellschaftliche Wert gewesen, also etwas, was nicht – wie ein großartiges Werk – imponierte, sondern die Leute zusammenbrachte. 1994 ging der Beatnikdichter Herbert Huncke noch einmal auf große Lesereise. Ich sah ihn im ehemals besetzten Berliner Kunsthaus Tacheles und hatte dabei den Eindruck einer Selbstmusealisierung.

1995 trat Allen Ginsberg, der sich, anders als die meisten seiner Beatnikkollegen, zeitlebens an der Seite von Ostblockdissidenten für die Freigabe von Marihuana und für die Rechte der Homosexuellen engagiert hatte, zusammen mit Paul McCartney in der Londoner Royal Albert Hall auf (ein großartiger Auftritt; sieben Minuten davon kann man sich auf YouTube ansehen). 1997 starb der schwule Urvater der Beatgeneration.

Sein berühmtestes Werk, der 1956 erschienene Band Howl, war ähnlich einflussreich wie Jack Kerouacs On The Road (1957) – eine ellenlange Hymne auf die im Krieg entwurzelten und geschlagenen jungen Männer , auf speedsüchtige Tramps, auf die tote Mutter. Dieses Gedicht ist eine Feier der Selbstverzehrung, ein Aufstand gegen die prüde McCarthy-Gesellschaft, ein spontaneistisch-jüdisch-buddhistisch geprägtes pazifistisches Manifest auch. Es ging um die Befreiung nicht nur der Homosexualität von internalisierten Zwängen, und es gab ein pantheistisches Finale: "holy, holy, holy, holy...". Wie die Bebop-Musik jener Zeit sollte es die Zuhörer am Akt der Befreiung, deren Zeugnis Howl sein wollte, teilhaben lassen.

Rob Epsteins und Jeffrey Friedmans Film Howl mit James Franco in der Rolle von Allen Ginsberg ist eine vielschichtige Annäherung, die irgendwie verspätet wirkt und versucht, ihre Verspätung durch, nun ja, Akkuratesse einzuholen. Wenn man Originalaufnahmen von Allen Ginsberg hört und sie mit dem Vortrag von James Franco vergleicht, kann man Franco dafür rühmen, dass er der Intonation von Ginsberg tatsächlich sehr nahekommt. Diese Nähe kann einem zugleich aber auch wie ein Verrat an den spontaneistischen Idealen der Beatgeneration vorkommen.

Ein Teil des Films besteht aus dem reenactment der Urszene der Beatgeneration, also aus dem Abend des 7. Oktober 1955, als der kaum dreißigjährige und eher schüchterne Ginsberg Howl erstmals in der Six Gallery in San Francisco vortrug. Die legendäre Lesung fand Eingang in verschiedene Beatnikromane. Inwieweit sich die in der filmischen Nachstellung jubelnden Außenseitergruppen – also auch die Schwarzen und die Frauen – tatsächlich von dem Vortrag angesprochen fühlten, lässt sich schwer nachprüfen. In ihrem Anspruch waren die Werke der Beatgeneration zwar universell und dezidiert auf der Seite der Außenseiter, der Homosexuellen, der Drogensüchtigen und der Frauen, tatsächlich aber doch eher männlich und weiß geprägt.