Wäre es möglich? Sollte der Untergang der römischen Republik , der fast schon zu oft als historische Parallele für scheiternde Staatsformen gebraucht wurde, noch einmal zum Nachdenken über aktuelle Bedrohungen der Demokratie taugen? Das ausgehende Jahr 2010 hat gleich zwei Cicero- und zwei Augustus-Biografien auf den Markt gebracht, zwei Biografien des Politikers also, der die Republik retten wollte, und zwei Biografien des Bürgerkriegsführers, der die Republik, bei scheinhafter Schonung ihrer Institutionen, in eine Monarchie verwandelte. Selbst wenn man die Langsamkeit und Aktualitätsferne wissenschaftlicher Anstrengungen hoch veranschlagt, ist die Häufung frappant. Was drängte die Forscher (oder ihre Verlage), den bekannten Stoff noch einmal auszubreiten?

Weder Klaus Bringmann und Francisco Pina Polo, die über Cicero schreiben, noch Werner Dahlheim und Zvi Yavetz, die Augustus porträtieren, geben darauf eine direkte Antwort. Sie hüten sich auch, einen überlegenen Forschungsstand gegenüber den jüngst zurückliegenden Versuchen zu behaupten – der Augustus-Biografie, die Klaus Bringmann 2007 vorlegte, oder der Cicero-Biografie Manfred Fuhrmanns von 1989. Es kann im Ernst keinen Streit mehr darum geben, woran die Republik zugrunde ging. Sie war weder fähig noch willens, die entscheidenden Probleme des Staates zu lösen – die Ausplünderung der Provinzen, das Versorgungsproblem der Massen ausgemusterter Soldaten, vor allem aber den konkurrierenden Machtanspruch der großen Heerführer, die allesamt Mitglieder des Senats waren, der sie kontrollieren sollte und ebendeshalb nicht kontrollieren konnte.

Aber gerade die Unstrittigkeit des Befundes lässt die gehäufte Wiederaufnahme des Stoffes umso besessener erscheinen. Indes mögen die Forscher auch schweigen – dem Leser muss man die Gründe nicht erklären. Ihm purzeln die Parallelen zur Gegenwart unserer überforderten Demokratien nur so entgegen. Die auf Balance und vorsichtiger Teilung der Macht beruhende römische Halbdemokratie hätte nur ein paar periphere Freiheiten und Privilegien des Adels aufgeben müssen, um sich selbst und die wesentlichen Freiheitsrechte zu bewahren. Aber da sie nichts aufgeben wollte – und je bedrohter sie sich fühlte, umso weniger –, wurde sie schließlich von den unbeherrschbaren Partikularinteressen hinweggefegt.

Es fällt nicht schwer, sich nach diesem Exempel auszumalen, was den Staaten des Westens blühen könnte, wenn sie den Herausforderungen von Terror und Klimakatastrophe, internationalem Finanzkapital und Massenmigration nicht mehr mit demokratischen Mitteln begegnen könnten. Schon jetzt scheinen uns selbst minimale Eingriffe in die Freiheitsrechte, die vielleicht nötig wären, um das Klima zu schützen, als unmöglich – ganz zu schweigen von den Eingriffen in Eigentumsrechte, die erforderlich wären, um sich gegen die Banken zu wehren. Und ähnlich wie in der römischen Republik zeigt sich, dass hier nicht nur ein Durchsetzungsproblem vorliegt, sondern ein Problem des Selbstverständnisses. Das, was vielleicht erforderlich wäre, um Angriffe von außen abzuwehren, wird als innerer Angriff auf das Wesen unserer Demokratie empfunden.

Man muss, mit anderen Worten, den Stoff nicht extra aktualisieren. Es reicht vollkommen, ihn zu wählen. Es ist nicht einmal nötig, ihn zu modernisieren; falls dies überhaupt möglich sein sollte. Der israelische Althistoriker Zvi Yavetz weist in seiner Augustus-Biografie darauf hin, dass selbst die modernen Historiker im Wesentlichen noch immer den Lesarten folgen, die in der Antike im Umlauf waren. Entweder wird die Hauptursache in dem ungehemmten Wettbewerb der mächtigen Männer gesehen, die das Senatsregime zerstörten, obwohl sie selbst dem Senat angehörten – wie schon in einem Gedicht von Lukrez zu lesen war und wie es heute etwa Werner Dahlheim noch einmal minutiös nachzeichnet. Oder die Hauptschuld wird bei dem Senat gesehen, der immer wieder versuchte, die mächtigen Männer einzeln zu stürzen, anstatt beizeiten sich einen von ihnen zur Verteidigung der Republik auszusuchen – wie es beispielsweise Cassius Dio, ein Historiker des 3. Jahrhunderts, formuliert hat und wie es über Mommsen bis in die Cicero-Biografie von Klaus Bringmann nachwirkt. Nur freilich, dass Bringmann dabei nicht Theodor Mommsens Schadenfreude teilt und dessen Begeisterung für Cäsar, der mit seinem Krieg gegen die Republik den Boden für die Alleinherrschaft des Augustus bereitete.

Aber gleich, ob die Schuld bei den konservativen Kräften oder bei den Rebellen ausgemacht wird, in jedem Fall läuft es darauf hinaus, dass die Republik an sich selbst zugrunde ging. Der Münchner Althistoriker Christian Meier hat dafür den Begriff der »Krise ohne Alternative« geprägt – die Krise der Republik wurde empfunden, aber eine politische Alternative zu ihrer überforderten Verfassung war für die Zeitgenossen weder sichtbar noch denkbar. Meier hat den Begriff einmal 1980 anhand der Porträts von Cäsar, Cicero und Augustus durchgespielt – und diese längst vergriffene Sammlung (unter dem Titel Die Ohnmacht des allmächtigen Dictators Caesar ) wird noch heute in unseren vier Biografien als maßgeblich genannt, zitiert und genutzt.

Es soll den Rang der vorliegenden Bücher nicht schmälern, die unterschiedlich anspruchsvoll, aber allesamt empfehlenswert sind – leichtgewichtig der Augustus von Yavetz und der Cicero des Spaniers Pina Polo, tiefschürfend der Augustus von Dahlheim und der Cicero von Bringmann –, wenn man darauf hinweist, dass Leser mit weniger Geduld auch mit dem Büchlein von Meier gut bedient wären. Wem liefe es nicht bei dem Stichwort »Krise ohne Alternative« kalt den Rücken hinunter – denn genau als solche wurde ja die Bankenkrise unserer Tage von den Politikern behandelt. Es galt als alternativlos, die Banken vor dem Bankrott zu bewahren, obwohl sie den Schaden angerichtet hatten, und als ebenso alternativlos galt es, ihnen ihre Freiheiten zu lassen, obwohl sie einen vergleichbaren Schaden jederzeit wieder anrichten können.