DIE ZEIT: Frau Kraft, Frau Löhrmann, Sie sind derzeit das mächtigste Frauenduo in der deutschen Politik . Regieren Frauen anders?

Hannelore Kraft: Ich glaube schon, wir ticken ja auch ein bisschen anders als unsere männlichen Kollegen. Ich würde das nicht mit besser oder schlechter bewerten, aber es herrscht eine andere Gesprächsatmosphäre, wenn die Hälfte des Kabinetts wie bei uns in Nordrhein-Westfalen aus Frauen besteht.

ZEIT: Was genau ist anders?

Kraft: Wir sind einfach pragmatischer. Männer fürchten eher, in Konflikten ihr Gesicht zu verlieren. Das ist weniger ein Frauenthema. Wir nehmen uns selbst nicht so wichtig.

Sylvia Löhrmann: Natürlich knirscht es auch mal, und im Kabinett gibt es auch heftigere Wortgefechte. Aber dann geht es wieder um die Sache. Es bleibt nichts zurück, das ist, glaube ich, der Unterschied.

ZEIT: Frauen sind weniger nachtragend?

Löhrmann: Die Sachfragen werden nicht zu Machtfragen gemacht, das ist der entscheidende Punkt. Und darum kann man hinterher auch ohne Verletzungen weiterarbeiten.

Kraft: Übrigens haben wir neben uns noch zwei Männer, die beiden Fraktionsvorsitzenden Norbert Römer (SPD, Anm. d. Red) und Reiner Priggen. Die haben natürlich gerade in einer Minderheitsregierung eine ganz wichtige Funktion. Auch hier funktioniert das Quartett gut.

ZEIT: Und Ihre beiden Regierungssprecher sind auch Männer...

Kraft: Ich sage ja immer: Wir mögen auch Männer! Keine Bange.

ZEIT: Stehen Frauen in der Politik möglicherweise auch andere Mittel zur Verfügung als Männern? Bei der Trauerfeier für die Opfer der Loveparade in Duisburg haben Sie, Frau Kraft, mit den Tränen gekämpft. Anschließend hieß es, Sie seien zur "Landesmutter" geworden.

Kraft: Ja, vielleicht ist es für uns Frauen einfacher, Gefühle zu zeigen. Aber das ist auch für junge Männer heute einfacher, als es früher war.

Löhrmann: Es geht nicht darum, ob man in einer solchen Situation weint. Die Frage ist, ob dann Gefühle sichtbar werden, die echt sind. Und das war bei dieser Trauerfeier so. Für mich war das eine ganz besondere Erfahrung. Ich saß in der Kirche, habe die Trauerrede gehört und gedacht: Das war jetzt genau richtig und angemessen. Ich war ein bisschen stolz drauf, wie Hannelore das gemacht hat.

Kraft: Dafür hast du mich hinterher aufgefangen... Aber das gehört nicht in dieses Interview.

ZEIT: Warum mögen Sie über das Auffangen nicht sprechen? Aus Sorge, Schwäche zu zeigen?

Kraft: Natürlich hat mich diese Katastrophe sehr mitgenommen, das merkte man in der Rede. Und hinterher löste sich die enorme Anspannung, unter der ich stand. Ich habe mich ja dafür verantwortlich gefühlt, das zum Ausdruck zu bringen, was die Angehörigen mir vorher in vielen Telefonaten gesagt hatten. Das war schon eine besondere Situation, dass mich eine Mutter, die gerade ihr Kind verloren hatte, dann tröstend in den Arm nahm... (zu Löhrmann) Da war ich froh, als du da warst und mich mit aufgefangen hast! Und das geht unter Frauen vielleicht ein bisschen leichter als unter Männern.