Ein Wort zum Blei-Ritual aus gegebenem Anlass. Diese bizarren Klümpchen sollen an Silvester die Zukunft voraussagen, und es stellt sich heraus, dass sie das mit der gleichen "Präzision" tun wie all die Koryphäen, die in den Medien und auf den Podien den Propheten geben.

Natürlich ist es unmöglich, die Zukunft auszuspähen, jedenfalls jenseits der physikalischen Welt, wo wir ziemlich genau wissen, dass B auf A folgen wird. Antibiotika werden den Bazillus killen, der Druck auf den Startknopf wird den Motor anwerfen, der dunkle Himmel den Regen bringen. Aber was in Politik und Wirtschaft sein wird, wann der nächste Crash kommt oder China in den Krieg mit Amerika zieht , können wir nicht wissen.

Nur: Davon leben die sogenannten Experten, und je wilder die Vorhersage, desto höher die Aufmerksamkeit. Wer bedacht und bescheiden die unendliche Komplexität menschlicher Existenz analysiert ("Vielleicht so, aber vielleicht ganz anders"), wird nie wieder in die Talkshow eingeladen. Die Bühne beherrschen immer die Pauken, nicht die Piccoloflöten. Noch besser: Keiner wird für den Unsinn geächtet oder gefeuert. Im Prophetengeschäft gibt es keine Qualitätskontrolle.

Aber es gibt Philip Tetlock, der diese hochwissenschaftlich aufgezogen hat, und zwar in seinem Buch Expert Political Judgment: How Good Is It? How Can We Know? Er hat sich 84 Hellseher herausgesucht, die davon leben, "politische und wirtschaftliche Trends" in die Zukunft zu projizieren. Zwanzig Jahre lang hat er erforscht, wie gut deren 82361 Prognosen waren. Wie? Die Probanden wurden gebeten, die Wahrscheinlichkeit (in Prozent) von drei verschiedenen politischen Zukunftsszenarien zu benennen: "Es bleibt so, wie es ist", "es wird schlimmer", "es wird besser".

Die Erfolgsquote war schlechter, als wenn sie jedem Ausgang die gleiche Wahrscheinlichkeit zugeteilt hätten, also 33 Prozent. Fazit: Experten, die berufsmäßig den Lauf der Welt ergründen, sind schlechter als Affen, die Darts auf eine Zielscheibe werfen. Die hätten die Pfeile nämlich gleichmäßig verteilt.

Je mehr einer weiß, fand Tetlock heraus, desto unzuverlässiger ist er. Je berühmter der Fachmann, desto kühner die Prophezeiung. "Der viel gefragte Experte ist vermessener als sein Kollege, der jenseits des Rampenlichts vor sich hin werkelt." Er sei so überzeugt von sich selbst, dass er systematisch gegenläufige Fakten abblocke. Mithin: Das Vorurteil bestimmt die Voraussage. Tetlock fügt hinzu: "Ich schätze jene TV-Experten, die beim Reden zögern. Das zeigt, dass sie nachdenken und nicht von der Festplatte plaudern." Höhere Bildung verbessere die Prophezeiung nicht.

Man darf es noch simpler ausdrücken: Selbst mit modernsten statistischen Techniken geraten wir ins Schleudern, wenn wir den Wahlausgang vom Sonntag voraussagen wollen. Ist der Zeithorizont weiter weg, kommen Tausende von Variablen hinzu, die kein Modell verarbeiten kann. Die Zukunft lässt sich nicht ausfragen.

Also: Verlassen Sie sich aufs Blei. Oder auf eine Münze. Nur eines ist sicher: Zu viel Promille lässt den Führerschein verschwinden. Das garantiert jeder Nicht-Experte.