Iranischer Regisseur PahaniEin leerer Stuhl klagt an

Weltweit formiert sich der Protest gegen das harte Urteil, das ein iranisches Revolutionsgericht über die Filmregisseure Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof verhängt hat von 

Der iranische Filmemacher Jafar Panahi auf einem Balkon in Teheran während eines Interviews

Der iranische Filmemacher Jafar Panahi auf einem Balkon in Teheran während eines Interviews  |  © Atta Kenare/AFP/Getty Images

Der leere Stuhl wird auch im Jahr 2011 das Symbolbild für die Unterdrückung der Rede- und Kunstfreiheit durch totalitäre Regime sein. Wie der Platz Liu Xiabos bei der Verleihung des Friedensnobelpreises demonstrativ leer blieb, so wird auch in der Jury der Berlinale eine Lücke klaffen. Sie wird die Welt noch einmal stoßen auf das Schicksal des iranischen Filmregisseurs Jafar Panahi, den das islamische Revolutionsgericht wegen »Versammlung und Komplott mit dem Ziel des Verbrechens gegen die nationale Sicherheit« und »propagandistischer Aktivitäten gegen das System der islamischen Revolution« zu sechs Jahren Haft auf Bewährung verurteilt hat.

Und da das Gericht diese Strafe für »nicht ausreichend« hält, wie es im Urteil heißt, verhängte es über Panahi und seinen ebenfalls angeklagten Mitarbeiter Mohammad Rasoulof auch noch ein 20-jähriges Berufs- und Reiseverbot.

Anzeige

»Wir werden unser Festival natürlich dazu benutzen, diesen Vorgang an den Pranger zu stellen«, sagt Dieter Kosslick, der Chef der Berlinale. Anfang Dezember hatte er Panahi in die Jury eingeladen, jetzt berät er mit seinem Team, wie man dem Verurteilten helfen kann. »Denn das ist das Wichtigste: dass man so etwas nicht einfach hinnimmt. Die Zensur ist die schändlichere von zwei Schwestern, die ältere heißt Inquisition, so hat es Nestroy mal gesagt. Und das ist schon eine neue Härte: 20 Jahre Berufsverbot – ein schrecklicher Schlag der Macht gegen einen einzelnen Künstler!«

Der iranische Vize-Kulturminister Javad Shamaqdari hat die Einladung Panahis nach Berlin inzwischen offiziell abgelehnt und scheinheilig hinzugefügt, man könne ja einen anderen iranischen Regisseur einladen. Aber Kosslick will keine Einwechselspieler: »Selbstverständlich wird der Stuhl für ihn weiter stehen bleiben. So lange, bis er irgendwann darauf Platz nehmen kann.«

Dass er seinen Platz nicht einnehmen kann, ist der 50-jährige Panahi mittlerweile gewohnt. Schon beim Festival in Cannes im Mai 2010 hatte er zur Jury gehört, fehlte aber, weil er zu der Zeit im berüchtigten Teheraner Ewin-Gefängnis saß. Am 1. März war er zusammen mit 16 anderen, darunter seine Frau und seine Tochter, in seiner Wohnung im Norden Teherans verhaftet worden. Nach einem Hungerstreik kommt er gegen eine Kaution von 150.000 Euro frei; weil er das Geld nicht hat, muss er den Behörden das Grundbuch seiner Wohnung übergeben.

Panahi ist stets offen und furchtlos eingetreten für die »Grüne Bewegung«, die nach den Präsidentschaftswahlen 2009 entstand. Er unterstützte den Oppositionskandidaten Mussawi ; beim Filmfestival in Montreal schritt er im grünen Schal über den roten Teppich und animierte seine Jurykollegen, ebenfalls Grün zu tragen. Der Film, bei dessen Dreharbeiten er verhaftet wurde, sollte eine Familie zeigen, deren Sohn bei den Unruhen nach den Wahlen verhaftet wurde. Davor scheinen sich die Revolutionswächter so zu fürchten, dass sie Panahi nun mundtot machen.

»Mein Fall ist das Musterbeispiel einer Bestrafung, die verhängt werden soll, ehe ein Verbrechen begangen wird«, sagte Panahi in seiner mutigen Verteidigungsrede vor Gericht. »Man macht mir den Prozess wegen eines Films, dessen Dreharbeiten zum Zeitpunkt meiner Verhaftung erst zu 30 Prozent abgeschlossen waren.« Panahi versteht sich keineswegs als politischen Filmemacher: »Alle meine Filme sind gesellschaftliche Dramen und keine politischen Stellungnahmen. Meine Absicht ist ein Kino, das jenseits der Urteile über Gut und Böse angesiedelt ist.«

Gleich sein Spielfilmdebüt Der weiße Ballon gewinnt 1995 in Cannes die Camera dOr. Seine Heldin ist ein Mädchen, das hartnäckig seinen Wünschen treu bleibt und darin bereits auf den selbstverständlichen Feminismus der späteren Filme verweist. Für sein politisch wichtigstes Werk, Der Kreis , gewinnt Panahi in Venedig den Goldenen Löwen; es folgt einer Handvoll Frauen durch die alltägliche Repression. Für seinen letzten Spielfilm Offside bekommt Panahi 2006 den Silbernen Bären. Darin schildert er den Versuch einiger junger Frauen, ein Fußballspiel live im Stadion anzuschauen. Das ist ihnen seit der Revolution von 1979 verboten, aber sie wagen es trotzdem. Zwar scheitern sie und werden, von Soldaten bewacht, lediglich Ohrenzeugen der Partie.

Dennoch ist der Film eine aberwitzige Komödie – darüber, wie moderne, selbstbewusste Frauen im irrationalen Mullah-Macho-Regime ihre innere Freiheit bewahren. Der Film darf in Iran nicht gezeigt werden, obwohl an seinem Ende der Stolz auf die siegreiche Nation fröhlich triumphiert. Hier zeigt sich die paranoide Dialektik, die das Verhältnis des iranischen Regimes zu einem seiner erfolgreichsten Künstler bestimmt: Es verurteilt den Mann, dessen internationale Preise es stolz im Teheraner Filmmuseum ausstellt.

Leserkommentare
  1. Wer hat da gerade den Vorsitz über die Kommission in der UNO ?

  2. In der roten Überschrift und im Seitentitel muss es "Panahi" heißen. Jetzt steht dort Pahani.
    Bitte löschen Sie meinen Kommentar nach der Änderung. Danke!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service