Wilde Locken, konzentrierter Blick. 38 Jahre ist sie alt, eine schöne Frau, angeblich eine Bombenlegerin. Pinar Selek sitzt auf einem Sofa in einer Wohnung der Schriftstellervereinigung PEN in Berlin. Es gibt eine zweite Geschichte über sie. Danach ist sie ein Opfer der türkischen Justiz. Der PEN und viele andere sehen das so. Nur darum lebt Pinar Selek als Stipendiatin des Vereins in Deutschland.

Sie macht den Eindruck, in sich zu ruhen. Sie lacht viel. An den Wänden hängen Bilder von ihrem Vater und ihrer Schwester, daneben die Zeichnung der kleinen Tochter einer Freundin. Pinar auf einem Boot, beim Angeln.

Nichts in dieser Wohnung deutet darauf hin, dass hier eine Frau lebt, die über Nacht aus ihrem Land geflohen ist. Anfang Februar soll sie dort vor Gericht erscheinen , hohe türkische Richter haben eine lebenslange Freiheitsstrafe gefordert. Ihr Fall erinnert an einen, der vor Kurzem Schlagzeilen machte: den des deutschtürkischen Schriftstellers Doğan Akhanl i. Er wurde vor einigen Monaten verhaftet, als er das erste Mal seit 20 Jahren in die alte Heimat reiste, um den todkranken Vater zu besuchen. Angeblich war auch Akhanli ein Terrorist, ein Unterstützer der kurdischen Organisation PKK. Beweise gab es nicht; als der Beschuldigte freikam, war sein Vater längst begraben.

Zwölf Jahre liegen die Ereignisse zurück, wegen derer die namhafte Soziologin Selek beschuldigt wird: 1998 soll sie zusammen mit einem Komplizen eine Bombe im Ägyptischen Basar in Istanbul gezündet haben. Sieben Menschen starben damals. Die Anklage stützt sich auf die Aussage des angeblichen Komplizen. Zwar hat dieser längst vor Gericht erklärt, dass seine Aussage unter Folter erpresst worden sei. Zwar urteilten Gutachter, eine defekte Gasleitung sei die Ursache der Explosion auf dem Basar gewesen. Doch die türkische Justiz ließ Pinar Selek nicht aus ihren Fängen. Anfang Februar soll sie in Istanbul vor Gericht erscheinen. Sie wird nicht gehen, und wahrscheinlich ist sie gut beraten, so zu handeln. Ihr Leidensgenosse Doğan Akhanli ist deutscher Staatsbürger; niemand weiß, ob sie, die Türkin, ebenfalls von der absurden Anklage freigesprochen würde.

Als Pinar Selek verhaftet wurde, hatte sie gerade ihren Uni-Abschluss gemacht und eine neue Arbeit angefangen, Titel: Die Bedeutung von Gewalt für PKK-Kämpfer. Sie traf sich mit ihnen in der Türkei, im europäischen Ausland und interviewte sie. Ihre wirklichen Namen schrieb sie nicht nieder. Kurz nach dem Anschlag nahm die Polizei sie fest und verlangte Namen. Selek gab nichts preis – das machte sie zur Staatsfeindin. Sie bekam die Brutalität des Apparats zu spüren. "Sie gaben mir Elektroschocks auf die Kopfhaut. Sie hängten mich an den Armen an die Decke, dabei wurde mir der Arm ausgekugelt. Sie renkten ihn wieder ein. Falsch herum. Dann kugelten sie ihn erneut aus, um ihn richtig einzusetzen."

Die türkische Justiz will zeigen, dass das alte System noch mächtig ist

Heute beschreibt Pinar Selek die Folter fast absurd nüchtern. Erst im Gefängnis sei sie wieder richtig zu sich gekommen, nach einer Woche. Sie wachte auf und erfuhr die Solidarität der anderen inhaftierten Frauen, die wegen "politischer Vergehen" dort waren. "Ich merkte, wie sie mich wuschen und mir saubere Kleidung anzogen. Ich konnte mich kaum bewegen, spürte meine Finger nicht mehr, wahrscheinlich wegen der Schocks. Jemand gab mir Wasser und schob mir etwas zu essen in den Mund." Die Frauen sollten ihr für die nächsten Jahre zur Familie werden.