Wird unser Verhalten durch Ereignisse beeinflusst, die in der Zukunft liegen? Zumindest wird die wissenschaftliche Diskussion manchmal durch Artikel angeregt, die noch gar nicht veröffentlicht sind. Psychologen diskutieren derzeit eine Arbeit von Daryl Bem von der amerikanischen Cornell University, die in der Fachzeitschrift Journal of Personality and Social Psychology erscheinen soll. Ihr Titel: Feeling the Future , zu Deutsch: »Die Zukunft fühlen«.

Der Psychologe behauptet, einen Beweis für die Präkognition erbracht zu haben, also dafür, dass Menschen Kenntnisse von zukünftigen Ereignissen haben können. Gleich neun unterschiedliche Experimente machte der Forscher, und in acht von ihnen behauptet er, kleine, aber statistisch signifikante Psi-Effekte gefunden zu haben.

Wie stellten sich Forscher und Visionäre vor 100 Jahren die Welt von heute vor? © FPG/Hulton Archive/Getty Images

Einer dieser Versuche: Den Testpersonen werden auf einem Bildschirm zwei zugezogene Vorhänge präsentiert. Hinter einem ist ein erotisches Bild verborgen, hinter dem anderen nur eine nackte Wand. In 53 Prozent der Fälle errieten die Probanden den Vorhang mit dem Sexbildchen. Dabei wurde erst nach ihrer Entscheidung per Zufallsgenerator festgelegt, wo das Bild steckte. Ein klarer Fall von Hellseherei?

Wenn das tatsächlich funktionierte, müssten längst alle Spielcasinos dieser Welt pleite sein. Ein Vorteil von 53 Prozent bei der Wahl zwischen Rot und Schwarz würde jeden Zocker reich machen. Der Forscher erklärt den Effekt damit, dass erotische Bilder uns besonders sensibel machen für die Zukunft.

Skeptiker von der Universität Amsterdam zeigten nun, dass der Grund viel banaler sein könnte: Bem untersuchte nämlich nicht nur erotische Bilder auf ihre Psi-Wirkung, sondern auch ein paar andere Kategorien – und pickte sich just den Bildersatz heraus, bei dem er einen Effekt messen konnte. Das gleicht dem berühmten texanischen Scharfschützen, der erst aufs Scheunentor schießt und dann eine Zielscheibe um das Einschussloch herum malt.

Das Wissen-Ressort der ZEIT hat seine Psi-Fähigkeiten an einem anderen von Bems Tests überprüft. Unser Durchschnittswert beträgt minus 3 Prozent. Wir können also auch weiterhin über die Zukunft nur spekulieren. Was 2011 passieren könnte, lesen Sie auf ZEIT ONLINE und in der nächsten Ausgabe der ZEIT.