Schweden ist eigentlich ein ideales Land für einen wie Julian Assange. Transparenz ist dort Bürger- und Politikerpflicht. Die Piratenpartei bildet mit ihrer Forderung nach der Freiheit des Internets eine feste politische Größe, das Presserecht schützt Informanten. In Schweden wollte Assange im August Unterstützer für seine Internetplattform Wikileaks finden – und geriet stattdessen mit dem Strafrecht in Konflikt: Ihm werden sexuelle Nötigung in mehreren Fällen und minder schwere Vergewaltigung in einem Fall vorgeworfen. Vor einem schwedischen Gericht soll er zu den belastenden Aussagen zweier Frauen Stellung nehmen.

Beide geben an, mit Assange zunächst in gegenseitigem Einvernehmen ins Bett gegangen zu sein, dann aber Nein gesagt zu haben, was er ignoriert habe. Weil Assange nicht in Schweden aussagen will, wird nun in London, wo er sich den Behörden gestellt hat, über seine Auslieferung verhandelt.

Und von London aus hat Assange nun seinen Frontalangriff auf Schweden gestartet. Das Land, sagt er, sei gar nicht der demokratische und soziale Musterstaat, für den es viele halten. Schweden sei ein autoritärer Staat. Eine Kolumnistin, die im Observer fragte, warum Assange nicht einfach nach Schweden fahre, um alles aufzuklären, bezeichnete er als "erbärmliche radikale Feministin".

Seitdem ist nicht mehr nur Assange im Mittelpunkt der internationalen Öffentlichkeit, sondern auch Schwedens Sexualstrafrecht und seine Staatsanwaltschaft: Ist das Gesetz besonders streng? Kann dort jede einfach jeden anzeigen, nachdem sie es sich im Bett anders überlegt hat? Oder steckt tatsächlich ein politisches Komplott hinter der ganzen Affäre?

Was genau passiert ist, wissen nur Assange und die beiden Frauen. Aus den vertraulichen Vernehmungsprotokollen Letzterer zitierte unlängst der britische Guardian, eine der fünf Zeitungen, denen Wikileaks die Depeschen des amerikanischen Außenministeriums übergeben hatte. Demnach soll Assange "safe sex" verweigert und mit beiden Frauen gegen deren Willen ohne Kondom geschlafen haben.

Nirgendwo in Europa werden so viele Anzeigen wegen Vergewaltigung gestellt wie in Schweden: doppelt so viele wie in Großbritannien und viermal so viele wie in Frankreich oder Deutschland. Aber nur jede zehnte Anzeige mündet in einer Anklage. Läuft da also was falsch im Musterland der Geschlechtergleichheit?

Hier laufe gar nichts falsch, sagt Jonas Trolle, Kriminalinspektor in Stockholm, seit fünfzehn Jahren mit Ermittlungen von Sexualverbrechen befasst. Derzeit leitet er die Abteilung zur Bekämpfung von Menschenhandel im Zusammenhang mit Prostitution. Dass es in Schweden so viele Anzeigen wegen sexueller Übergriffe gebe, sagt Trolle, habe nichts damit zu tun, dass es hier mehr sexuelle Übergriffe gebe als in anderen Ländern. Auch nicht damit, dass Frauen zu Unrecht Vorwürfe erhöben.

Trolle spricht von der besonderen schwedischen "Sensibilität für die Rechte der Frau", von "sexueller Gleichberechtigung" und vom "ganz anderen Selbstbewusstsein schwedischer Frauen". Wer hier ein Sexualdelikt anzeige, so Trolle, müsse keine Scham empfinden und keine Stigmatisierung seitens der Behörden fürchten. "Und die Frauen können sicher sein, dass ihre Berichte von uns unter Einsatz aller Möglichkeiten untersucht und aufgeklärt werden – genau wie jetzt im Fall Assange."

Das klingt sehr progressiv – und nach einem Plädoyer in eigener Sache. Rechtfertigt das, was man aus den Vernehmungsprotokollen weiß, wirklich den Vorwurf der Vergewaltigung gegen Assange? Ein Blick ins Gesetzbuch zeigt: Das schwedische Sexualstrafrecht unterscheidet sich nicht wesentlich vom deutschen. Als Vergewaltigung gilt es, wenn jemand mit Gewalt oder Drohung zum Geschlechtsverkehr oder zu vergleichbaren sexuellen Handlungen gezwungen wird. Daneben gibt es in Schweden die Straftatbestände der sexuellen Belästigung und – wie in Deutschland – der sexuellen Nötigung.