Was hat das zu Ende gehende Jahr der Kochkunst gebracht? Höhere Menüpreise? Nicht dass ich wüsste. Aber wenn Steinbutt, Seezungen und Kabeljau pro Kilo einige Euro zugelegt haben, so ist das okay: Diese Edelfische sterben aus, weil sich die Fischerflotten nicht an die Fangquoten der EU halten. So wenig übrigens wie Wale: Wenn so ein Großmaul einem Sardinenschwarm begegnet, braucht es nur den Schlund aufzusperren, und schon sind mit einem Happs 1000 Kilo Sardinen vernichtet. Diesen anonymen Massentod haben die köstlichen kleinen Fische nicht verdient. Ihr Schicksal ähnelt dem der Schweine in Großmästereien und der EU-Salatköpfe, die bei den Subventionsagrariern massenhaft abgefertigt werden. Eine Entwicklung, von der sich mehr und mehr Konsumenten abgestoßen fühlen. Einige prangern die kriminellen Elemente unserer Lebensmittelproduktion an, durch Flugblätter, Lichterketten und Protestsongs.

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Andere bedienen sich zur Bekundung ihrer guten Gesinnung des Buches, da Bücherschreiben heute schließlich so einfach ist wie die Hühnerzucht. Das Gackern gehört traditionell dazu. Zurzeit läuft eine neue Sau durchs Dorf, eine Sau, der der Schwanz abgezwackt wird. Schon ZEIT- Literaturkritikerin Iris Radisch hat die Leser mit diesem Thema aufgerüttelt, das sich in folgender Sentenz zusammenfassen ließe: "Es gibt kein Fleisch von glücklichen Kühen. Es gibt nur tote Kühe." Eine andere tierliebende Autorin, Karen Duve, denkt, wenn sie nachts wach liegt, an das, "was jetzt gerade überall in der Welt in den Mastbetrieben, Schlachthäusern und Versuchslaboren passiert". Ganz ehrlich: Mit solchen Gedanken könnte ich auch nicht schlafen. Aber ich würde nicht – wie die Autorin – zum fleischlosen Essen konvertieren. Dazu bin ich zu konservativ. Meine Vorfahren haben seit hunderttausend Jahren Vögel, Hasen, Rehleber und Wildschweinbabys gegessen, und mit dieser Tradition möchte ich nicht mutwillig brechen, bloß weil es momentan schick ist, mit einem Schmorbraten Mitleid zu haben.

Aber Karen Duves Buch Anständig essen (Galiani Verlag) habe ich mit großem Genuss gelesen. Die Autorin hat im Selbstversuch vom Vegetarismus über den Veganismus bis zum Frutarismus alle fleischlosen Lebensformen ausprobiert. Es wird komisch beschrieben, wie sie sich an die Imitate gewöhnt, die einer Veganerin und Obstesserin zum Sattessen noch bleiben. Sie nimmt an Befreiungsaktionen militanter Tierschützer teil, reitet eine forsche Attacke gegen die Jäger und verrät, warum Imker Pfeife rauchen. Das liest sich spannend und ist trotz absurder Zutaten von großer Ernsthaftigkeit.