Auf der Elbe in Dresden schwimmt das 1800 Tonnen schwere Mittelstück der Waldschlößchenbrücke auf Pontons in die endgültige Position. Im Vordergrund: Ein an einem Kran befestigtes Signet der Unesco-Welterbekonvention. picture alliance / dpa

Seit je liebt der DDR-Geborene zwei inländische Jenseitsorte. Auch zur Systemzeit gewährten sie seelisch Asyl: im Norden Hiddensee, im Süden Dresden. Dies meint nicht die Bezirks- oder Landeshauptstadt, sondern Elb-Arkadien, gemalt von Canaletto, Friedrich, Dahl, beschwärmt von Kleist, im Jahre 1801: »Dreßden hat eine große, feierliche Lage, in der Mitte der umkränzenden Elbhöhen, die in einiger Entfernung, als ob sie aus Ehrfurcht nicht näher zu treten wagten, es umlagern. Der Strom (...) wendet sich bald zu dem rechten, bald zu dem linken Ufer, als würde die Wahl ihm schwer, und wankt, wie vor Entzücken, und schlängelt sich spielend in tausend Umwegen durch das freundliche Thal, als wolle er nicht das Meer.«

Wo sieht man das? Nicht in der Prager Straße, nicht auf dem Striezelmarkt. Gen Loschwitz muss man wandern. Das tun wir, zwei Tage vor Heiligabend und bangen Herzens. Am 4. Advent wurde der Hauptteil der Waldschlösschenbrücke eingeschwommen. Bekanntlich hat das Brückenprojekt Dresden 2009 den Titel Weltkulturerbe gekostet. Die Unesco befand, die Brücke verschandele das Elbtal.

Das prüfen wir an diesem wintergrauen Morgen. Wir passieren die Augustusbrücke zum neustädtischen Ufer. Still schwappt uns der Fluss entgegen. Übers Wasser weht Glockenklang. Der Schnee knirscht. Langläufer spuren ihre Pfade, Hunde japsen, Gänse flanieren. Wir fragen zwei jungvölkisch umtollte Kindergärtnerinnen: Wie finden Sie die Waldschlösschenbrücke?

Nu, privat könnt’ mer’s sagen.
Na, wie?
Nu, jetzt simmer im Dienst.
Keine Meinung, ich fahr nicht Auto, sagt die schiebende Radlerin. Ihr Freund: Im Moment schaut’s furchtbar aus, aber man wird sich reinfügen.
Nicht so schlimm wie erwartet, sagt der Ingenieur Jürgen Kuhn. Von der Brücke wird man ’n schönen Blick auf Dresden haben.
Superhässlich, sagt die Studentin Sylvia Scholz. Die Sicht aufs Tal wird gestört. Und man braucht keine Brücke, das Verkehrsaufkommen geht zurück.
Es musste ’ne Brücke her, sagt der Telekommunikator Michael Schulze.
Scheußlich! Das Grauen!, ruft die Doktorandin Maria Nieswand.
Marika Geißler von der TU Freiberg: Absolut korrekt, dass der Welterbetitel weg ist. Es gibt hier Leute, die sind vollkommen resistent gegen Ästhetik.

Wir wenden uns um und schauen zurück auf die idealische Stadt: die steinerne Glocke der Frauenkirche, die gläserne Zitronenpresse der Akademie, davor die Brühlsche Terrasse, rechts der Schwanenhals der Hofkirche, dann die Semperoper... Nun vorwärts, der Zukunft entgegen.

Da kommt sie. Oh nein! Ein Monster. Es ist, nach allen Dresdner Bekenntnissen zur Dezenz, die wuchtbrummige Brutalität der Brücke, die schockiert. Ein Riegel von sechshundert Metern Stahl rammt durchs Paradies, ein iron curtain, der die Auen hälftet. Längs der vierspurigen Autobahn ragen gigantische Träger-Kurven und verdecken die Hänge. Schon mühen sich Dresdner Touristiker, die Barbarei volkstümelnd als »Schwibbogen« zu vermarkten, auf dass die Brücke ganzjährig erzgebirgsche Weihnachtsfreuden spende.

Nicht nur die Augenweide wurde zerstört. Auch die elysische Stille des Tals ist für immer dahin, sobald die motorisierten Stampeden dröhnen. Einst wanderten wir in den Alpen, immer höher kraxelnd, um irgendwann dem Lärm der Brenner-Autobahn zu entkommen. Es misslang. Der Krach steigt bis ins All.

Unweit der Brücke bezwingt ein Schifflein den Strom, die Fähre Elbflorenz. Wir vermuten baldigen Ruin, doch der Ferge Martin Kühn sorgt sich wenig. Stadt und Spaziergänger wünschten eine Fähre.
Waren Sie für die Brücke?
Nu ja, spricht Kühn, ich bin eigentlich eener, ich brauchse nich. Aber wenn mer ’ne Brücke braucht, dann braucht mer ’ne Brücke.
Sieht sehr klotzig aus.
Nu ja. Schonn. Welterbetittel, schade. Aber de Leute gomm ja trotzdem nach Dräsdn. Weil’s gefällt.

Wir wandern trotzdem weiter. Unterhalb des Lingnerschlosses finden wir die Gedenktafel für den kurfürstlichen Baumeister Wolf Caspar von Klengel (1630 – 1691). »Er verhinderte das Bebauen der Dresdner Elbwiesen.« Hinter der Biegung des Flusses erscheinen Loschwitz und das Blaue Wunder, die gute Brücke von 1893: filigran gestrebte Trägerzelte, flache Wasserquerung, demütig schön, ohne optischen Donner. Mit der Standseilbahn ruckeln wir empor zum Weißen Hirschen. Der Kellner vom Luisenhof schließt uns die verschneite Terrasse auf. Wir schauen übers Tal, nordwärts, gen Hiddensee.