Waldschlösschenbrücke Die Dresdner Barbarei
Am 4. Advent wurde der Hauptteil der Waldschlösschenbrücke eingeschwommen, die Dresden 2009 den Titel Weltkulturerbe gekostet hat. Christoph Dieckmann ist hingewandert.
picture alliance / dpa

Auf der Elbe in Dresden schwimmt das 1800 Tonnen schwere Mittelstück der Waldschlößchenbrücke auf Pontons in die endgültige Position. Im Vordergrund: Ein an einem Kran befestigtes Signet der Unesco-Welterbekonvention.
Seit je liebt der DDR-Geborene zwei inländische Jenseitsorte. Auch zur Systemzeit gewährten sie seelisch Asyl: im Norden Hiddensee, im Süden Dresden. Dies meint nicht die Bezirks- oder Landeshauptstadt, sondern Elb-Arkadien, gemalt von Canaletto, Friedrich, Dahl, beschwärmt von Kleist, im Jahre 1801: »Dreßden hat eine große, feierliche Lage, in der Mitte der umkränzenden Elbhöhen, die in einiger Entfernung, als ob sie aus Ehrfurcht nicht näher zu treten wagten, es umlagern. Der Strom (...) wendet sich bald zu dem rechten, bald zu dem linken Ufer, als würde die Wahl ihm schwer, und wankt, wie vor Entzücken, und schlängelt sich spielend in tausend Umwegen durch das freundliche Thal, als wolle er nicht das Meer.«
Wo sieht man das? Nicht in der Prager Straße, nicht auf dem Striezelmarkt. Gen Loschwitz muss man wandern. Das tun wir, zwei Tage vor Heiligabend und bangen Herzens. Am 4. Advent wurde der Hauptteil der Waldschlösschenbrücke eingeschwommen. Bekanntlich hat das Brückenprojekt Dresden 2009 den Titel Weltkulturerbe gekostet. Die Unesco befand, die Brücke verschandele das Elbtal.
Das prüfen wir an diesem wintergrauen Morgen. Wir passieren die Augustusbrücke zum neustädtischen Ufer. Still schwappt uns der Fluss entgegen. Übers Wasser weht Glockenklang. Der Schnee knirscht. Langläufer spuren ihre Pfade, Hunde japsen, Gänse flanieren. Wir fragen zwei jungvölkisch umtollte Kindergärtnerinnen: Wie finden Sie die Waldschlösschenbrücke?
Nu, privat könnt’ mer’s sagen.
Na, wie?
Nu, jetzt simmer im Dienst.
Keine Meinung, ich fahr nicht Auto, sagt die schiebende Radlerin. Ihr Freund: Im Moment schaut’s furchtbar aus, aber man wird sich reinfügen.
Nicht so schlimm wie erwartet, sagt der Ingenieur Jürgen Kuhn. Von der Brücke wird man ’n schönen Blick auf Dresden haben.
Superhässlich, sagt die Studentin Sylvia Scholz. Die Sicht aufs Tal wird gestört. Und man braucht keine Brücke, das Verkehrsaufkommen geht zurück.
Es musste ’ne Brücke her, sagt der Telekommunikator Michael Schulze.
Scheußlich! Das Grauen!, ruft die Doktorandin Maria Nieswand.
Marika Geißler von der TU Freiberg: Absolut korrekt, dass der Welterbetitel weg ist. Es gibt hier Leute, die sind vollkommen resistent gegen Ästhetik.
Wir wenden uns um und schauen zurück auf die idealische Stadt: die steinerne Glocke der Frauenkirche, die gläserne Zitronenpresse der Akademie, davor die Brühlsche Terrasse, rechts der Schwanenhals der Hofkirche, dann die Semperoper... Nun vorwärts, der Zukunft entgegen.
Da kommt sie. Oh nein! Ein Monster. Es ist, nach allen Dresdner Bekenntnissen zur Dezenz, die wuchtbrummige Brutalität der Brücke, die schockiert. Ein Riegel von sechshundert Metern Stahl rammt durchs Paradies, ein iron curtain, der die Auen hälftet. Längs der vierspurigen Autobahn ragen gigantische Träger-Kurven und verdecken die Hänge. Schon mühen sich Dresdner Touristiker, die Barbarei volkstümelnd als »Schwibbogen« zu vermarkten, auf dass die Brücke ganzjährig erzgebirgsche Weihnachtsfreuden spende.
Nicht nur die Augenweide wurde zerstört. Auch die elysische Stille des Tals ist für immer dahin, sobald die motorisierten Stampeden dröhnen. Einst wanderten wir in den Alpen, immer höher kraxelnd, um irgendwann dem Lärm der Brenner-Autobahn zu entkommen. Es misslang. Der Krach steigt bis ins All.
Unweit der Brücke bezwingt ein Schifflein den Strom, die Fähre
Elbflorenz.
Wir vermuten baldigen Ruin, doch der Ferge Martin Kühn sorgt sich wenig. Stadt und Spaziergänger wünschten eine Fähre.
Waren Sie für die Brücke?
Nu ja, spricht Kühn, ich bin eigentlich eener, ich brauchse nich. Aber wenn mer ’ne Brücke braucht, dann braucht mer ’ne Brücke.
Sieht sehr klotzig aus.
Nu ja. Schonn. Welterbetittel, schade. Aber de Leute gomm ja trotzdem nach Dräsdn. Weil’s gefällt.
Wir wandern trotzdem weiter. Unterhalb des Lingnerschlosses finden wir die Gedenktafel für den kurfürstlichen Baumeister Wolf Caspar von Klengel (1630 – 1691). »Er verhinderte das Bebauen der Dresdner Elbwiesen.« Hinter der Biegung des Flusses erscheinen Loschwitz und das Blaue Wunder, die gute Brücke von 1893: filigran gestrebte Trägerzelte, flache Wasserquerung, demütig schön, ohne optischen Donner. Mit der Standseilbahn ruckeln wir empor zum Weißen Hirschen. Der Kellner vom Luisenhof schließt uns die verschneite Terrasse auf. Wir schauen übers Tal, nordwärts, gen Hiddensee.
- Datum 04.01.2011 - 15:58 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.12.2010 Nr. 01
- Kommentare 66
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Also ich lese die ZEIT, weil sie tiefgründiger recherchiert; jedenfalls meistens. Der Artikel hier ist jedenfalls keiner davon. Was soll denn bitte diese flache Aussage?
Im Norden Hiddensee und im Süden Dresden? Das ist eigentlich ziemlich lächerlich. Davon aber abgesehen finden nicht alle Dresdener die Brücke schlecht oder gut.
Gibt es in den ZEIT-Beiträgen kein Nuancen mehr?
Rest entfernt, bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Die Redaktion/ft
Entfernt, bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ft
Wenn ein Autor in einem Artikel Dresden betreffend, mit dem Adverb "jungvölkisch" das Verhalten einer Gruppe von Kindern beschreibt, dann ist gerade in Bezug auf Dresden und Viktor Klemperer der Verweis auf die Sprache des Dritten Reiches und die Verwendung von Begriffen dieser Sprache eine notwendige Kritik.
Entfernt, bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ft
Wenn ein Autor in einem Artikel Dresden betreffend, mit dem Adverb "jungvölkisch" das Verhalten einer Gruppe von Kindern beschreibt, dann ist gerade in Bezug auf Dresden und Viktor Klemperer der Verweis auf die Sprache des Dritten Reiches und die Verwendung von Begriffen dieser Sprache eine notwendige Kritik.
ein elend...mehr gibts dazu eigentlich gar nicht zu sagen, also schweig ich.
zu erfahren war, hat es auch in Paris einen solchen Skandal gegeben!
Mitten in der wunderschönen Stadt wurde ein monströsen Bauwerk aus Stahl himmelwärts errichtet und veränderte die gesamte Kulisse. Künstler, Intellekuelle, Schriftssteller, die Bohem war empört. Das Ding muss wieder weg.
Ich kann jedoch vermelden "das Ding" steht immer noch und ich war oben.
Danke Gustav Eifel und danke Dresdner, dass ihr Euch habt nicht vollquatschen lassen!
Nun, der Eifelturm war zu seiner Zeit eine gewagte Konstruktion, die Brücke in DD sieht schon jetzt altbacken aus! Das Problem ist doch nicht die Brücke sondern der Spießergeist den sie verkörpert. (Freie Fahrt für frei Bürger, 40 Jahre haben sie uns unterdrückt!)
Auch sollte der Eifelturm nur für die Weltausstellung stehen bleiben, aber nur Provisorien sind beständig...
mit dem Eiffelturm zu vergleichen, zeugt für mich nicht gerade von Weitblick.
Sie implizieren, die Brücke könnte mal zur Sehenswürdigkeit, zum Ausflugziel, zum Wahrzeichen(!) werden. Oh ja, ein Wahrzeichen wird es werden, dieses Gruselding. Ein leuchtendes Beispiel für Fehlplanung, für mangelndes Bewusstsein für die Schönheit der Landschaft.
Ein Tunnel hätt's auch getan, wenn so eine Querung nun unbedingt sein musste (was ich persönlich bezweifle).
Die Geschichte vom Eiffelturm schreibt JEDES MAL jemand, wenn es um umstrittene Bauprojekte geht. Wenn man keine Ahnung von Architekturgeschichte, Gestaltung, Technik, Ästhetik und Ökologie hat, sollte man sich solche Kommentare sparen. Ich hätte auch sagen können, kein Gefühl für Relationen.
Nun, der Eifelturm war zu seiner Zeit eine gewagte Konstruktion, die Brücke in DD sieht schon jetzt altbacken aus! Das Problem ist doch nicht die Brücke sondern der Spießergeist den sie verkörpert. (Freie Fahrt für frei Bürger, 40 Jahre haben sie uns unterdrückt!)
Auch sollte der Eifelturm nur für die Weltausstellung stehen bleiben, aber nur Provisorien sind beständig...
mit dem Eiffelturm zu vergleichen, zeugt für mich nicht gerade von Weitblick.
Sie implizieren, die Brücke könnte mal zur Sehenswürdigkeit, zum Ausflugziel, zum Wahrzeichen(!) werden. Oh ja, ein Wahrzeichen wird es werden, dieses Gruselding. Ein leuchtendes Beispiel für Fehlplanung, für mangelndes Bewusstsein für die Schönheit der Landschaft.
Ein Tunnel hätt's auch getan, wenn so eine Querung nun unbedingt sein musste (was ich persönlich bezweifle).
Die Geschichte vom Eiffelturm schreibt JEDES MAL jemand, wenn es um umstrittene Bauprojekte geht. Wenn man keine Ahnung von Architekturgeschichte, Gestaltung, Technik, Ästhetik und Ökologie hat, sollte man sich solche Kommentare sparen. Ich hätte auch sagen können, kein Gefühl für Relationen.
Die Brücke hätte viel breiter sein sollen, mit einer zusätzlichen Standspur für die Touristenbuse. Kurz anhalten auf die Altstadt schauen, Foto vom Zentrum machen, Souvenier kaufen und weiter nach Prag fahren. Wäre doch eine Effizienzsteigerung gewesen! Aber ne
Entfernt, bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ft
Man kann sicher verschiedener Meinung sein, ob die Brücke nötig oder schön ist, aber der Artikel überzieht doch ziemlich. "Elysische Stille des Tales"? Die Schnellstraße oberhalb der Auen stand schon, bevor die Brücke überhaupt in Planung war, mit der Stille war es dort noch nie weit her. Überhaupt wirkt der ganze Artikel mit all seinen Verweisen auf die Romantik rückwärtsgewandt. Ich persönlich halte eine moderne Brücke für wesentlich harmloser als z.B. die Rekonstruktion des Frauenkirchenviertels in bonbonfarbener Plastikoptik. Nun gut, was mich jedoch wirklich am Artikel stört, ist die Einbeziehung von "Sächsich". Was man da liest, hilft keinem, sich das Dresdner Sächsisch besser vorzustellen (das sich im Wesentlichen durch seine Melodie von anderen sächsichen Dialekten unterscheidet). Im Gegenteil, es wiederholt inzwischen langweilige Stereotypen und überlagert dadurch die Aussagen der sprechenden Personen.
Nun, der Eifelturm war zu seiner Zeit eine gewagte Konstruktion, die Brücke in DD sieht schon jetzt altbacken aus! Das Problem ist doch nicht die Brücke sondern der Spießergeist den sie verkörpert. (Freie Fahrt für frei Bürger, 40 Jahre haben sie uns unterdrückt!)
Auch sollte der Eifelturm nur für die Weltausstellung stehen bleiben, aber nur Provisorien sind beständig...
"Resistenz gegen Ästhetik" trifft es ziemlich genau. Und die Waldschlösschenbrücke war vielleicht der Anlass, aber mit Sicherheit nicht der alleinige Grund für die Aberkennung.
Das Nachwende-Dresden ist ja nicht nur an den Elbwiesen verschandelt worden. Den Postplatz kann man nur noch meiden. Dann überall diese ekelhaften Shoppingcenter. Diese Lichtgestänge in der Innenstadt, die manche als Galgen bezeichnen. Dann der Neumarkt, den der Lokalklüngel als "Gute Stube" verkauft, wo aber außer Glitzer und ab und zu Bratwurstevents nichts los ist. Man könnte die Liste wohl noch ewig weiter führen.
Und mal noch was zur örtlichen "Hochkultur". In den letzten Jahren wurden hier alle Kulturetats zusammen gestrichen. Die städtischen Theater haben ziemlich an Qualität nachgelassen. Mal davon abgesehen, dass es eine private Konzertkultur nicht gibt, es gibt höchstens "Events". Musikfestivals müssen seit Jahren um ihre Existenz kämpfen, selbst Jan Vogler hat sich nach dem Abschlusskonzert der Musikfestspiele "eine Bekennung des Freistaates Sachsen und der Stadt Dresden" zu diesem früher einmal großartigen Klassikfestival gewünscht!!! Da ändert es auch nichts, wenn ein Herr Thiele ein TV-Silvesterkonzert gibt. Was den Mann geritten hat in diese Stadt zu kommen?
Ich hoffe die ZEIT-Redaktion wird hier mal nichts zensieren!
Man schreibt ja solche Kommentare, weil man doch irgenwie an dieser Stadt hängt und sich so sehr eine Rückkehr zur Vernunft wünscht im Tal der Ahnungslosen.
"Das Nachwende-Dresden ist ja nicht nur an den Elbwiesen verschandelt worden."
Also ich bin schon zu tiefsten Ooooostzonalen Zeiten oft in Dresden gewesen. Ich finde die Stadt hat sich prima entwickelt und von "Verschandelung" habe ich neulich auch nix gesehen. Die obligatorischen Shoppingcenter klammere ich mal aus. Es ist nun mal so, dass "der gemeine Rechtsgenosse", das Volk dies wünschet und auch fordert. (kaufen, kaufen, kaufen!!!!)
Die Weltkulturerbetypen sind mir im übrigen egal. Wer nach Dresden bisher gern gekommen ist, kommt weiterhin und wer noch nicht da war lässt sich meistens auch nicht von so einem Titel beeindrucken. (Dresden liegt ja nicht in Südamerika wo man so was braucht um überhaupt erst einmal bekannt zu werden!)
"Das Nachwende-Dresden ist ja nicht nur an den Elbwiesen verschandelt worden."
Also ich bin schon zu tiefsten Ooooostzonalen Zeiten oft in Dresden gewesen. Ich finde die Stadt hat sich prima entwickelt und von "Verschandelung" habe ich neulich auch nix gesehen. Die obligatorischen Shoppingcenter klammere ich mal aus. Es ist nun mal so, dass "der gemeine Rechtsgenosse", das Volk dies wünschet und auch fordert. (kaufen, kaufen, kaufen!!!!)
Die Weltkulturerbetypen sind mir im übrigen egal. Wer nach Dresden bisher gern gekommen ist, kommt weiterhin und wer noch nicht da war lässt sich meistens auch nicht von so einem Titel beeindrucken. (Dresden liegt ja nicht in Südamerika wo man so was braucht um überhaupt erst einmal bekannt zu werden!)
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